Fintech-Regulierung: Kommt jetzt der Schweizer Uber-Moment?

Was sind die Folgen einer vereinfachten Fintech-Regulierung? (Bild: Shutterstock)

Durch die Schweizer Fintech-Szene geht ein Seufzer der Erleichterung: Der Bundesrat will innovativen Unternehmen den Markteintritt massiv vereinfachen. Das sind die Folgen für den Schweizer Finanz- und Bankenstandort.

1. Es geschieht zunächst nichts

Das ist leider die Realität. Denn die Mühlen in der Administration des Bundes mahlen bekanntlich langsam. Das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) darf sich nun erstmals bis kommenden Herbst Zeit lassen, Vorschläge für die vereinfachte Bewilligungspraxis für Fintech-Unternehmen auszuarbeiten.

Entsprechende Ideen liegen bei der Finma, die sich der Dringlichkeit einer raschen Umsetzung bewusst ist, sicher schon lange vor – aber der Weg führt über das EFD. Und dort herrscht zum Thema Fintech eher die Auffassung: «Schaun wir mal.»

Über die Vorschläge wird der Bundesrat beraten müssen und Fragen beantworten: Gibt es eine Verordnung oder muss das Bankengesetz angepasst werden? Im letzteren Fall führt der Weg über das Parlament, was die effektive Umsetzung eines vereinfachten Bewilligungsverfahrens für Fintechs in weite Ferne rücken würde.

2. Aber ein Zurück gibt es auch nicht mehr

Initiativen und Arbeitsgruppen lassen sich einstellen und auflösen. Ein Gesetzgebungsprozess des Bundes nicht. Damit lässt sich die Innovatoren-Lizenz nicht mehr zurücknehmen, wenn sie einmal in einer Verordnung oder im Bankengesetz verankert ist. Dann ist sozusagen «Förderung nach Vorschrift» angesagt. Dass das Vorhaben auf seinem Weg durch die Instanzen scheitert, ist dabei wenig wahrscheinlich. Denn welcher Politiker, welche Behörde steht schon gerne als «Innovations-Killer» da?

Wie lange es auch dauern mag, bis die Lizenz zur Anwendung kommt: ein Zurück gibt es für Fintech-Szene und etablierte Finanzfirmen seit dem Moment der Ankündigung nicht mehr.

3. Dammbruch oder gleich der Uber-Moment?

Mit einer Bewilligungspraxis für Fintech-Startups, die aller Voraussicht nach massiv weniger Eigenkapital verlangt, ist ein Dammbruch bei Neugründungen und der Ansiedlung von ausländischen Fintech-Unternehmen wahrscheinlich. Nun können auch Unternehmungen und Ideen realisiert werden, die zuvor an den zu hohen Eintrittshürden gescheitert sind. Theoretisch erhöht dies die Chance, dass sich eine Idee, ein Geschäftsmodell oder eine technologische Innovation zum Uber-Moment des Bankings entwickelt: Dass es tatsächlich einem Fintech-Unternehmen gelingt, die Wertschöpfungskette im Banking dermassen aufzubrechen, dass sich die gesamte Branche wandelt.

4. Für die Banken wird es heiss

Spätetestens wenn die Innovatoren-Lizenz spruchreif wird, beginnt der Tanz auf heissen Kohlen für die Banken – und nicht nur für jene, die sich bislang gegen die Digitalisierung des Swiss Bankings sperrten. Ein Wettlauf um die besten Innovationen und erfolgreichsten Umsetzungen wird einsetzen. Dies wird die Bankenlandschaft weiter verändern – und nicht alle Institute werden der «Fintech-Hitze» standhalten können.

Manche Banken werden um des Überlebens willen sogar ihr angestammtes Geschäft – beispielsweise im Beratungsbereich – kannibalisieren müssen, indem sie beispielsweise in der Beratung sowohl physische als auch vollautomatisierte Beratung zulassen. Die «Selbstzerfleischung» hat bereits Hanspeter Rhyner, CEO der Glarner Kantonalbank, als Notwendigkeit heraufbeschworen.

5. Gerät die Bankiervereinigung in einen Interessenskonflikt?

Die vom Bundesrat angedachte Innovatoren-Lizenz ist eine löbliche Angelegenheit – für Fintechs. Die Banken hingegen geraten durch ein solches Vorhaben noch mehr unter Druck und müssen ihre Geschäftsmodelle noch radikaler überdenken. Böse Zungen behaupten gar, der Bundesrat schaffe eine Zweiklassen-Gesellschaft: einerseits mit den Banken, die eine strengere Regulierung haben, und andererseits die Fintechs, die munter «hippe» Bankdienstleistungen erbringen können.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht ausgeschlossen, dass der Ruf nach protektionistischen Massnahmen laut wird. In die Bredouille geriete so vor allem die Schweizerische Bankiervereinigung, weil sie recht eigentlich die Interessen der Banken (auch deren Arbeitsplätze) zu vertreten hat. Gleichzeitig ist der Dachverband der Schweizer Geldhäuser ein passionierter Verfechter der Fintech-Bewegung. Droht da nicht ein Interessenkonflikt?

6. Mehrere Spieler auf dem Felde

Die tieferen Eintrittshürden für Fintech erhöhen das Potenzial, dass die Finanzlandschaft hierzulande umgepflügt wird. Diese könnte in Zukunft so aussehen: Privatbanken werden verstärkt hybride Geschäftsmodelle implementieren und ihren Kunden auch digitale Roboadvise-Vermögensverwaltung anbieten. Regionalbanken müssen ihren Kundenansprache anpassen und auf so genanntes Multi-Channel-Banking umsetzen. Es wird ganz sicher weniger Filialen geben. Die Konsolidierung wird sich beschleunigen, neuartige Kooperationsmodelle tauchen auf.

Die Grossbanken haben die Möglichkeiten und Mittel, die Blockchain-Technologie soweit weiter zu entwickeln oder einzukaufen, dass Dienstleistungen beispielsweise im Kapitalmarkt anbieten werden. Die UBS zählt auf diesem Gebiet bereits heute zu den Pionieren.

Weiter wird es deutlich mehr eigenständige Fintech-Anbieter geben, welche angestammte Geschäfte angreifen, die Wertschöpfungskette der Banken angreifen oder in Nischen Produkte und Dienstleistungen anbieten, welche sich Banken aus Kostengründen nicht leisten können – beispielsweise im Kredit- und Lendinggeschäft.

Und unabhängig von der neuen Lizenz werden mit Apple, Google oder Microsoft gewichtige Player aus dem Nichtbanken-Sektor auf den Schweizer Finanzplatz drängen. Apple hat bereits die Marke «Apple Pay» in der Schweiz registrieren lassen.

7. Der Gewinner ist der Kunde – nicht der Bankangestellte

Der klare Gewinner einer stärkeren Digitalisierung des Schweizer Finanzplatzes ist der Kunde. Das Angebot unter den Banken wird heterogener, es wird mehr Transparenz und eine stärkere Preisdifferenzierung in der Angebotspalette geben, was insgesamt auch zu Preissenkungen führen wird. Eigenständige Fintech-Unternehmen werden mit Angeboten in Lücken und Nischen vordringen, beispielsweise im Personal-Finance-Bereich oder bei der Kreditvergabe. Insgesamt wird der Schweizer Finanzplatz lebendiger, dynamischer – und wettbewerbsfähiger.

Die Folgen für die Bankangestellten sind hingegen nicht nur rosig. Insgesamt führt die Digitalisierung von Bankgeschäften zu einem geringeren Bedarf an Mitarbeitern. Der erhöhte Druck von jungen Fintech-Unternehmen wird diesen Prozess möglicherweise beschleunigen. Global ist dieser bereits in vollem Gange. Die Citigroup veröffentlichte jüngst eine Studie, in der sie die Folgen der Disruption nicht nur positiv darstellte – Millionen von Bankern drohe die Arbeitslosigkeit.

 

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NEWS GANZ KURZ

Allianz Suisse

Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

Swiss Re

Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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