«Die Finanzfirmen brauchen jetzt Verstärkung von aussen»

Es gibt wieder mehr offene Stellen auf dem Finanzplatz. Aber wo genau? Cathal Geraghty, Schweiz-Manager bei der Rekrutierungs-Firma Robert Walters, über die Aussichten in den kommenden Monaten – bei Jobs wie bei Löhnen.


Cathal Geraghty ist Manager Switzerland beim Recruiting-Unternehmen Robert Walters. Die Gesellschaft ist auf Finanz-Personal spezialisiert und in zwei Dutzend Ländern aktiv. Geraghty arbeitet seit 2010 für Robert Walters, zuvor war der gebürtige Ire unter anderem für die Personalberatungs-Firmen Solutions Driven und Michael Page tätig.


Herr Geraghty, laut Ihren Daten suchte die Finanzbranche in der Schweiz in den letzten Monaten deutlich mehr Personal als in der ersten Jahreshälfte. Was ist los?

Wir merken, dass es definitiv aufwärts geht. Ich rede nicht von einem Super-Aufschwung, aber es gibt einen stetigen Anstieg im Personalmarkt. Das ist ein Nebeneffekt der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung weltweit. Darum verspüren wir auch bei den Schweizer Firmen viel mehr Zutrauen – nachdem sie in den letzten paar Jahren lieber gezögert haben mit der Personalsuche. In der Schweiz wirken sich zudem die steigenden regulatorischen Anforderungen weiterhin aus; das ist immer noch aktuell. Und darum herrscht immer noch eine grosse Nachfrage nach Compliance-Experten.

Das läuft schon seit einigen Quartalen. Doch momentan hört man aus der Branche, dass auch verstärkt nach Leuten fürs Marketing, für Supporting-Funktionen oder auch höheren Kaderleuten gesucht werde. Sind das Zeichen für einen Neustart?

Ja. Es ist offensichtlich, dass sich derzeit mehr Geschäftsmöglichkeiten bieten. Die Unternehmen haben sich in den letzten fünf Jahren zurückgezogen, sie versuchten, sich den schrumpfenden Märkten anzupassen. Also gab es höchstens Ersatz-Rekrutierungen. Und man stutzte Zehn-Personen-Teams zu Sechs-Personen-Teams. Jetzt, wo sich die Märkte erholen, stehen diese verkleinerten Teams unter grossem Druck. Also braucht es mehr Leute, um die aufgestauten Arbeiten zu bewältigen. Aber Achtung, das ist erst ein Anfang. Der Erholungsprozess zeichnet sich erst ab.

Die meisten Banker und Volkswirtschaftler erwarten doch immer noch, dass die Konsolidierung auf dem Finanzplatz Schweiz weitergeht.

Gewisse Anpassungen sind sicher noch nötig. Viele Banken haben noch zu viele teure Leute auf ihren Lohnlisten. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Zustand der Märkte, sondern um die innere Struktur. Hier knirscht es noch an vielen Stellen.

Wie spüren Sie das als Recruiting-Firma?

Die Finanzinstitute benötigen viel mehr Verstärkung von aussen. Inzwischen bitten sie uns, einige Leute auf unsere eigene Payroll zu nehmen – also Teams zu bilden, welche sie temporär benötigen, für drei, sechs oder zwölf Monate. Zugleich sagen die Banken aber, dass sie diese Leute später einmal voll engagieren möchten.

«Wir merken, dass die Banken im Kommerzgeschäft aggressiver auftreten»

In der Finanzbranche breitet sich also die Temporärarbeit aus?

Ja. Das ist ein wachsender Markt in der Schweiz. Hier entstehen Chancen für Kandidaten, die flexibel und experimentierfreudig sind. Viele werden glücklich mit dieser Lösung: Man arbeitet zwölf Monate auf einem Projekt, nimmt sich dann drei Monate frei, dann das nächste Projekt...

Es gibt zwei Felder, wo viele auf dem Schweizer Finanzplatz besondere Wachstumschancen wittern: erstens das Firmenkundengeschäft, zweitens Asset Management. Verspüren Sie hier einen verschärften Kampf um Personal?

Im Kommerzbereich eindeutig. Das ist ein Trend. Wir merken, dass diverse Häuser hier aggressiver auftreten und gerne Marktanteile von Credit Suisse und UBS abschneiden würden – oder auch von anderen Schweizer Banken.

Und was ist mit der vielbesprochenen Asset-Management-Offensive?

Schwierig zu sagen, ob hier verstärkt um Personal gekämpft wird. Denn es ist traditionell ein sehr wettbewerbsintensiver Sektor. Sicher spürbar ist die Nachfrage nach Rechtsexperten, die dann Fonds hier registrieren müssen et cetera. Und vor allem suchen viele Unternehmen hier Vertriebsleute. Da spüren wir eine höhere Nachfrage.

«Der Schweizer Private Banker kommt nicht aus der Mode»

Im Kern des Asset Management, ob jetzt im Portfolio-Management oder im ganzen Backoffice-Bereich, zeichnen sich aber noch keine grösseren Veränderungen ab.

Wer wird 2014 eher gefragt sein: Ein erfahrener Kundenberater im Private Banking – oder ein erfahrener Firmenkundenberater?

Der Schweizer Private Banker kommt nicht aus der Mode. Es gibt immer noch viele Kunden, die explizit einen Schweizer Berater wünschen – gerade Kunden aus exotischeren Weltgegenden.

Und welche Funktionen geraten unter Druck?

Die Schweizer Private Banker, die nicht gut genug sind. Jene ohne besonderes Netzwerk; jene, die kein besonders interessantes Kundenportfolio haben; die bei der Kundenakquisition schwach sind. Und da sie traditionell hohe Gehälter haben, sind sie ein wichtiger Kostenfaktor.

Welche Berufsfelder in der Finanzbranche sind sonst bedroht?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Es gibt derzeit vor allem Chancen – für die verschiedensten Positionen.

«Bis die Erholung bei den Salären durchschlägt, sind wir eher im Jahr 2015»

Was heisst das für die Lohntrends 2014?

Weiterhin eher flach. Wir werden kaum grosse Sprünge erleben. Zwar erholt sich der Markt, aber das ist ein langer Prozess. Bis er sich nennenswert in den Salären niederschlägt, sind wir eher im Jahr 2015 oder 2016 – dann erst dürfte genug Druck entstehen, die Löhne hochzutreiben. Man kann also vielleicht sagen, dass die Saläre im Finanzwesen in den nächsten 24 Monaten eher steigen sollten.

Man hört, dass die Firmen heute Loyalität viel wichtiger nehmen. Können Sie das bestätigen?

Loyalität ist in der Schweiz ein Schlüsselfaktor. Aber auf beiden Seiten. Die Angestellten erwarten hier ebenfalls viel – und die Unternehmen auch.

In den letzten Jahren waren viele Schweizer Banken zu ihrem Personal nicht besonders loyal; das schien ihnen auch nebensächlich.

Natürlich, es gab viele Veränderungen. Und so fühlen sich viele Angestellte, auch Kaderleute, auf einer strategischen Seite links liegen gelassen. Auch wurden viele Entscheide unter Zeitdruck gefällt, ohne genügende Rücksprache mit den involvierten Mitarbeitern. Mein persönlicher Eindruck aus den Gesprächen mit höheren Managern ist, dass sie sehr rasch Veränderungen durchziehen mussten: strategische Schwerpunkt verlagern, Leute entlassen, neue Leute gewinnen – und dann rasch eine hohe Rendite erzielen...

Wenn Sie ein junger Banker am Beginn seiner Karriere wären: In welchen Berufsfelder würden Sie einsteigen, um rasch Karriere zu machen?

Es gibt keine Tricks, um rasch Karriere zu machen. Die beste Eingangstür ist immer noch eine tiefe Position im Frontbereich, also beispielsweise als Assistant Relationship Manager oder als Junior Account Manager. Hier lernt man das Geschäft von Grund auf.

«In der Schweiz fehlt es an Leuten, die scharf darauf sind, wirklich zu verkaufen»

Es gab aber immer Sektoren, die sich für eine Karriere als besonders förderlich erwiesen. In den Achtzigerjahren war es das Kommerzgeschäft, in den Neunzigern war es der Handel oder allgemein das Investmentbanking, dann folgten Treasury-, Finanz- und Kontrollfunktionen...

Schwierig zu sagen. Grundsätzlich sind Verkaufspositionen sehr bedeutend, und sie werden es bleiben. Ob im Asset Management oder im Retailbanking. Was ist denn die DNA jeder Firma? Es sind letztlich immer die Leute, die das Geld hereinbringen. Und in der Schweiz hapert es hier: Es gibt viel zu wenige Menschen, die scharf darauf sind, einen Tag lang ans Telefon zu sitzen und Leute zu treffen, um ihr Produkt zu verkaufen. Ich kenne Asset-Management-Gesellschaften, die seit zwei Jahren nach Vertriebsleuten suchen – ohne Erfolg.

Was raten Sie einem Banker über 50, der fürchtet, den Job zu verlieren – oder ihn sogar schon verloren hat? Wo gibt es da die besten Möglichkeiten?

Im Beratungsgeschäft gibt es sicher noch viele Chancen.

Sie haben hier den Temporär-Trend erwähnt: Bieten sich hier Chancen für ältere Mitarbeiter?

Ja, vor allem Beratungs-Jobs sorgen hier für gute Möglichkeiten. Erfahrene Leute bieten sich perfekt an, wenn es darum geht, kurzfristig exakte Fragen zu beantworten: Wie passt man einen Bereich an? Wie reagiert man auf neue Verordnungen? Wie durchdringt man einen gewissen Markt?

«Es wird zu viel über Altersguillotinen geredet. Ich denke, das hat sich verselbständigt»

Erfahrene Leute haben den Vorteil, dass sie sofort loslaufen können, wenn man sie irgendwohin stellt. Die brauchen nicht erst drei oder vier Monate, um sich zu orientieren. Es wird viel über diese Altersguillotinen geredet, aber ich denke, das hat sich verselbständigt. Die Leute werden 50 und fürchten, jetzt plötzlich nicht mehr vermittelbar zu sein. Das ist falsch. Es gibt einfach das statistische Phänomen, dass Menschen dieses Alters meist ein gewisses Hierarchieniveau erreicht haben – und auf diesem Niveau gibt es einfach weniger Stellen. Wenn es Probleme gibt, dann hat dies nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit der Tatsache, dass diese Leute mehr Erfahrung haben. Und weil gewisse Firmen automatisch höhere Kosten erwarten.

  • Robert Walters veröffentlicht in dieser Woche die Drittquartals-Ergebnisse des «European Job Index» – unter diesem Link

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