Raiffeisen: Warum 2026 zur Bewährungsprobe wird

Nach drei starken Börsenjahren wird 2026 für Anleger anspruchsvoller. Die Botschaft der zweitgrössten Bankengruppe in der Schweiz ist nüchtern: Die Phase der einfachen Gewinne dürfte vorbei sein. Matthias Geissbühler, Chief Investment Officer von Raiffeisen Schweiz spricht «von einem Jahr der Bewährung».

Nach Einschätzung der Raiffeisen-Ökonomen wächst die Weltwirtschaft auch im laufenden Jahr unter ihrem Potential. Besonders die Industrie bleibt schwach. Belastend wirken vor allem protektionistische Tendenzen und Handelskonflikte, die das Wachstum dämpfen und zugleich preistreibend wirken.

Wachstum unter Potential

Zwar stützt eine expansive Fiskalpolitik die Konjunktur, etwa durch höhere Infrastruktur- und Rüstungsausgaben. Doch viele Massnahmen entfalten ihre Wirkung nur verzögert. «Die Herausforderung besteht darin, dass viele dieser fiskalpolitischen Massnahmen Zeit benötigen, bis sie sich auf die Konjunktur auswirken. Gemäss unseren Prognosen wird die globale Wirtschaft in diesem Jahr erneut unter Potential wachsen, insbesondere die Dynamik in der Industrie bleibt schwach», erklärt Geissbühler.

Notenbanken mit begrenztem Spielraum

Geldpolitisch sieht Raiffeisen kaum noch Spielraum. Die Zinssenkungszyklen der grossen Notenbanken seien weitgehend abgeschlossen. In der Schweiz sei das Nullzinsumfeld zementiert, während die US-Notenbank wegen der hartnäckigen Inflation vorsichtig bleiben müsse.

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In der Schweiz bleiben die Realzinsen angesichts des Nullzinsumfelds im negativen Bereich. (Screenshot der Grafik: Raiffeisen)

Für Sparer bleibt die Situation unattraktiv. Kurzlaufende Schweizer Bundesanleihen rentieren real negativ. «Unter Berücksichtigung der Inflation resultiert für Sparerinnen und Sparer ein negativer Realzins. Wer langfristig sein Vermögen steigern will, muss sein Geld weiterhin an den Finanzmärkten investieren», empfiehlt Geissbühler.

Sachwerte ja – aber selektiv

Raiffeisen hält weiterhin an Sachwerten fest. Aktien, Immobilien und Gold profitieren vom Tiefzinsumfeld, allerdings bei steigenden Risiken. Die Aktienmärkte haben sich in den vergangenen Jahren deutlich stärker entwickelt als die Unternehmensgewinne. Entsprechend gewinnt die Selektion an Bedeutung.

Skeptisch zeigt sich Raiffeisen gegenüber stark auf künstliche Intelligenz fokussierten Technologiewerten. Hohe Investitionen und ambitionierte Bewertungen bergen Enttäuschungspotenzial.

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Die Bewertungen am globalen Aktienmarkt liegen klar über dem langfristigen Durchschnitt. (Screenshot der Grafik: Raiffeisen)

Schweizer Aktien im Vorteil

Relativ attraktiv erscheinen dividendenstarke Schweizer Aktien. Der heimische Markt profitiert von defensiven Geschäftsmodellen, stabilen Margen und moderateren Bewertungen. Zudem rechnet Raiffeisen für 2026 mit einer Rekordausschüttung im Swiss Performance Index.

Auch Währungsaspekte sprechen für Anlagen in Franken, der seine Stärke behalten dürfte.

Immobilien und Gold als Stabilisatoren

Der Schweizer Immobilienmarkt profitiert weiterhin vom Tiefzinsumfeld und der angespannten Angebotslage. Moderat steigende Mieten und Preise erscheinen wahrscheinlich. Immobilienfonds bieten zusätzlich laufende Erträge.

Gold bleibt trotz der starken Performance Teil der strategischen Allokation. Geopolitische Unsicherheiten, hohe Staatsverschuldung und die Nachfrage der Notenbanken sprechen laut Raiffeisen weiterhin für das Edelmetall.

Erwartungen dämpfen

Nach den aussergewöhnlich hohen Renditen der vergangenen Jahre mahnt Raiffeisen zur Zurückhaltung. Der Weltaktienindex erzielte seit Anfang 2023 annualisiert über 15 Prozent – ein Wert, der historisch kaum zu halten ist.

Für 2026 hält Raiffeisen vielmehr eine Rendite von rund 5 Prozent für plausibel. Entscheidend bleibe eine breite Diversifikation zentral – und die Bereitschaft, sich auf ein anspruchsvolleres Marktumfeld einzustellen.