Vorteil Ischgl: Warum der Ski-Ort nun einen «Tennisgipfel» inszeniert

Von Wolfgang Holz

Also, was die beiden da auf dem Tennisplatz gerade bieten, ist wirklich aller erste Sahne. Dominic Thiem, früherer US-Open Sieger und österreichischer Lokalmatador, liefert sich im «Dome», der in nur einer Woche errichteten Zelthallen-Tennis-Arena neben der Silvretta-Therme, ein temporeiches Vorhand-Cross-Duell mit Jo-Wlifried Tsonga.

Der beim Publikum sichtlich beliebte Franzose, inzwischen 40-jährig und etwas fülliger um die Hüften als auch schon, und der sichtlich fittere Thiem, der allerdings schmal gesichtiger als im Fernsehen wirkt, beharken sich auf Augenhöhe. Wobei es tatsächlich immer wieder faszinierend ist, wie schnell «Real-Tennis» ist. Dann zaubert Tsonga plötzlich, indem er einen Rückhand-Stoppball knapp hinters Netz plumpsen lässt. Thiem erreicht ihn noch und knallt ihn die Ecke. Die Zuschauer toben. Flotte Musik setzt ein. Lichter flashen auf.

Kein Ranking – dafür viel Spektakel

Wow! Die Erstauflage des Show-Tennis-Events «Ischgl Trophy» scheint ganz nach dem Geschmack der Zuschauer. Zwar sind die Tribünen mit 1300 Plätzen längst nicht ausverkauft. Es gibt keine Weltranglistenpunkte. Das Preisgeld mit 25'000 Euro für den Sieger ist überschaubar. Und gespielt wird ganz nicht «tennislike» nur ein Satz - bei 6:6 gibt’s Matchtiebreak bis 10. Doch, was solls. Den Leuten gefällts sichtlich. Und auch die Presse zeigt rege Anteilnahme an dem neuen Tennisevent. Sogar CNN in den USA hat schon darüber berichtet.

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Neue Bühne für Ischgl: Mit der «Ischgl Trophy» testet der Wintersportort ein neues Eventformat zwischen Sport, Lifestyle und Marketing. (Bild: zVg)

Marketing-Wagnis oder mutiges Experiment?

Trotzdem – macht das wirklich Sinn? Ein Fun-Tennis-Turnier im Winter kurz vor Weihnachten in einer Skidestination? Bringt das wirklich was fürs Image? Schliesslich gibt’s schon seit Jahrzehnten ein erfolgreiches ATP-Tennisturnier im Sommer in Kitzbühel. Haut Ischgl einfach mal wieder auf den Putz oder soll tatsächlich ein neuer Kampf um die begehrte Aufmerksamkeit der Tirol Touristen entflammt werden?

Günther Zangerl, einer der beiden Vorstände der Silvrettabergbahn, Hauptarbeitgeber in Ischgl, lächelt gelassen mit Tiroler Charme. Er gibt zu, dass ihm zwar all diese Fragen ständig gestellt werden. «Aber Ischgl ist ja bekannt für kreative Events. Und wir wollen einfach mal was Neues ausprobieren», sagt er gegenüber finews.

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Günther Zangerl, einer der Vorstände der Silvrettabergbahn (Bild: zVg)

Eine halbe Million Euro für Aufmerksamkeit

Doch dieses «Ausprobieren» hat natürlich seinen Preis. Zusammen mit dem anderen Grosssponsor und internationalen Turnierveranstalter, der Emotion Sports GmbH, kostet die «Ischgl Trophy» unterm Strich eine satte halbe Million Euro. Die Silvretta Bahn zahlt die Hälfte. Geld, das sich natürlich irgendwann reamortisieren soll. Deshalb ist das Tennisturnier vorerst mal für drei Jahre ausgelegt. Über Sponsoren kann sich der Event nicht beklagen: Rund 30 Stück an der Zahl machen mit. Und auch der internationale Gondel-Gigant Doppelmayr ist mit im Boot.

Zangerl versichert, dass die Silvrettabergbahn erfolgreich wirtschafte und die Gewinne jeweils ins Unternehmen reinvestiere. Nun wolle man das sportliche Angebot und den Lifestyle-Charakter Ischgls in Sachen Qualität weiter ausbauen. «Es gibt beispielsweise viele Leute, die fahren Ski und spielen Tennis, kennen aber die Skipisten in Ischgl noch nicht», verspricht sich Zangerl ein neues Gästepotential. Sprich: Eine neue Zielgruppe soll sich also angesprochen fühlen.

Neue Zielgruppen statt reiner Party-Destination

«Wir wollen nicht zuletzt in Sachen Events einfach auch im Gespräch bleiben und durch den medialen Fokus für neue Aufmerksamkeit sorgen.» Ganz schön mutig. Ach so, und trotz des Edel-Upgradings durch das Tennisturnier sollen in Ischgl, so Zangerl, auch weiterhin Partys gefeiert werden können.

Die Tennisprofis in Sessellift-Sitzen

Die neue Ischgler Marketing-Fusion von Ski und Tennis zeigt sich übrigens auch symbolisch am Tennisturnier: Ist doch der Tennis-Schiedsrichterstuhl eine stilisierte Gondel, bei der auf dem Dach allerdings die Kabelrollen keinen Kontakt mehr zum nächsten Gondelmasten haben. Und auch die Sitzbänke für die ehemaligen Tennisprofis waren umgewandelte Sessellift-Sitze.

Doch für solch unternehmerische Verve im Ischgler Turbomodus reicht Gondelsymbolik allein nicht aus. Es gehören auch Mut, Engagement, Leidenschaft und viele Emotionen dazu. Eigenschaften, die in Österreich jeweils gross geschrieben werden, wenn die Werbetrommel mit grosser Kelle angerührt werden soll – wie sich das bei der Gala-Veranstaltung am Abend vor dem Finale in der Silvretta-Therme bestens miterleben liess.

Nicht nur beleben zahlreiche attraktive Damen, mal kurz und sexy, mal elegant geschürzt, den Event sichtlich.

Glamour, Gala und grosse Namen

Wobei natürlich an diesem Abend Daniela Hantuchova, frühere Top-Ten-Tennisspielerin aus der Slowakei, zweifellos als optischer Topact der Gala heraussticht. Sie, die an der «Ischgl-Trophy» in einem Show-Mixed an der Seite von Fernandez Lopes nur einen kurzen Tennis-Auftritt hatte, unterstreicht eindrucksvoll, wie sportlich und fit sich Frau auch im Alter von 42 Jahren noch bewegen kann. Angesichts ihrer  edlen schwarzen Abendrobe, wähnte man sich schon fast an der Pariser Fashion Week.

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Daniela Hantuchova, frühere Top-Ten-Tennisspielerin aus der Slowakei. (Bild: finews)

«Hier darf Sport wieder Spass machen»

«Das neue Tennisturnier in Ischgl hat, finde ich, grosses Potential. Uns Spielerinnen und Spielern gefällt es hier bestens», schwärmt die sympathische Sportlerin, die aus den Bergen der Hohen Tatra stammt, gegenüber finews mit einem bezaubernden Lächeln. «Hier kann man ohne Zwang gleichzeitig Skifahren und Tennis spielen – Dinge, die man nie einfach so tun konnte während der aktiven Profizeit, weil alles streng reguliert war.» Sagts und meint damit die Verletzungsgefahr eben. Hantuchova, die inzwischen für einige Medien als Tennisexpertin arbeitet, verbringt nach wie vor viele Stunden im Fitness-Raum Kein Wunder also, sieht die Tennis-Lady so unglaublich anmutig aus.

Promis, Posen, Pocher

Aber auch für die Unterhaltung der Gäste ist etwas geboten. Neben DJ Ötzi, Ex-Slalomstangenstar Frank Wörndl. Und Model Sandy Meyer-Wölden. Deren früherer Buhle und Ex, Comedian-Star Oliver Pocher, führte gewohnt hämisch-humorig durch die Versteigerung - von Promi-Utensilien etwa. Sprich: Schläger von Dominic Thiem und Alexander Zverev fanden zahlungskräftigen Käufer im Publikum. Oder auch die Skier von Lindsey Vonn.

Die Erlöse von jeweils um die 3'000 Franken für diese Luxus-Trophäen sowie für exklusive Meets-and-Greets mit Tennis-Promis – man konnte sogar eine Tennisstunde bei Dominic Thiem ergattern – wandern in die wohltätige Diabetes-Stiftung des deutschen Tennisstars Alexander Zverev, der selbst an Diabetes leidet.

Dessen Bruder Mischa war übrigens auch anwesend, verletzte sich aber während des Turniers am Oberschenkel. Deshalb musste beim Spiel um Platz 3 am Sonntag ein deutscher Tennis-Veteran einspringen, der auf den ersten Blick nur wenigen wirklich ein Begriff war: der 45-jährige Michael Berrer. Der spielte allerding so entfesselt, dass er Jo-Wilfried Tsonga, der auch am Gala-Abend weilte, in die Schranken verwies.

Ein Überraschungssieger als perfektes Narrativ

Ach ja: Das Finale gewann überraschend Tommy Haas gegen Dominic Thiem – der nach wie vor ehrgeizige, 47-jährige Deutsche, der ja in Los Angeles wohnt, war offensichtlich durch seinen ersten Platz am Sonntagmorgen im Promi-Skirennen so euphorisiert, dass er auch im Tennis noch genügend Durchschlagskraft bewies. Was ja ganz im Sinne der neuen Imagekampagne Ischgls ist.

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Musikeinlage mit viel Glamour (Bild: zVg)

In der «Ski- und Tourismusmaschinerie» Ischgl herrscht ob des ersten Erfolgs des neuen Angebots vom vergangenen Wochenende bereits sichtlich breite Zufriedenheit. Alexander von Thannen, Präsident des Tourismus-Verbands Paznaun-Ischgl, war voll des Lobes. «Die Ischgl Trophy bringt ein neues Publikum ins Tal und ergänzt unser Wintersport-Portfolio. Das Turnier fügt sich ideal in unseren Eventkalender ein mit Formaten wie den «Top of the Mountain»-Konzerten und «Formen in Weiss» ein und zeigt, dass Ischgl mehr kann als Wintersport», so der Tiroler Tourismus-Experte.

Lockruf Richtung Schweiz

Last but not least: Könnten nun auch Schweizer Ski-Touristen, die ja schon seit Jahren zahlreich gerne nach Tirol strömen, durch das neue Angebot künftig möglicherweise noch zahlreicher nach Ischgl kommen?
Karin Seiler, Geschäftsführerin der Tirol-Werbung GmbH, der Tiroler Landestourismus-Organisation, sieht das neue Tennis-Angebot von Ischgl im Winter als «spannende Symbiose». Das passe zu Ischgl, das traditionell mutig und innovativ sei, sagt sie gegenüber finews. Und wenn man in Ischgl etwas mache, dann konsequent.

Serfaus erlangt grosse Beliebtheit bei Schweizern

Und Ischgl sei bekannt durch Qualität auf allen Ebenen: Auf der Skipiste, in den Hotels und bei den Partys. «Deshalb kommen auch viele Schweizer gerne zu uns – und eben aus meiner Sicht nicht in erster Linie, weil es hier vielleicht noch etwas günstiger ist als in der Schweiz. Seiler: «Gäste aus der Schweiz kommen zu uns wegen unserer gehobenen Wellness-Hotellerie. Wegen unserer Skipisten. Sie lieben unsere Service-Qualität. Wir haben topp moderne Bergbahnen und eine lebendige Après-Ski-Kultur.» Und auch für Familien habe Tirol etwas zu bieten: «Serfaus ist sehr beliebt bei Schweizer Gästen.»­