Heisse Motoren auf Eis: Wie St. Moritz zum Zentrum der Auto-Kultur avanciert
St. Moritz, am vergangenen Samstag: blauer Himmel, strahlender Wintersonnenschein, eine Schicht kalter Luft über der gefrorenen See-Oberfläche. Dazu die feinen, unverkennbaren Aromen von Benzin, Champagner und Zigarren, die über das Eis hinwegziehen.
Einige der seltensten und exklusivsten Automobile der Welt reihen sich vor der weissen Kulisse auf. Die Motoren laufen warm, die Besitzer nicken einander anerkennend zu. Wenn die Fahrzeuge ihre Runden über den See drehen, bleibt die Zeit stehen: Es ist wie die Rückkehr in Epochen, die sich durch ungefilterte Freude am Automobil auszeichneten.

13'000 verkaufte Tickets. (Bild: Mattia Tagliavini für The I.C.E. St. Moritz)
Für die diesjährige Ausgabe von The I.C.E. St. Moritz bezog finews etwas oberhalb des Sees Quartier: in der Casa Ferrari, die zum zweiten Mal in Folge im Kulm Country Club untergebracht war.
Casa Ferrari: Ein Club, kein Showroom
Ferrari und The I.C.E. verbindet mehr als ein hochklassiges Publikum miteinander: Die frühen Ausgaben des Anlasses entstanden auf der Grundlage einer Community rund um den Luganeser Ferrari-Händler Ronnie Kessel. Folgerichtig war die «Classiche»-Abteilung des Herstellers aus Maranello in jedem Jahr präsent. Mit drei Ausnahmen: Zweimal wurde The I.C.E. wegen Covid abgesagt, einmal durch extreme Schneefälle verunmöglicht.
Die Transformation des Kulm Country Club in die Casa Ferrari wirkt ungeheuer souverän. Der traditionsreiche Alpenclub wurde behutsam, gleichsam natürlich um die Ferrari-Markenwelt erweitert. Modellautos, sorgfältig ausgewählte Bücher, Produkte aus der «Genuine»-Linie wie Reisetaschen oder Felgen. Alles wirkt, als wäre es schon immer hier gestanden.
Casa Ferrari im Kulm Country Club. (Bilder: Nunzi d'Amelio)
Kunden und Interessenten treffen sich morgens beim Cappuccino und nachmittags bei Perrier-Jouët, dem langjährigen Champagnerpartner von Ferrari. Abseits des betriebsamen Getümmels auf dem See bietet die Casa Ferrari etwas anderes: einen intimen Ort zum Verweilen, zum Austausch, zur Pflege gemeinsamer Leidenschaften.
Vom Boutique-Festival zum Fixtermin
Was 2019 als vergleichsweise kompakte Initiative von Ronnie Kessel und der Automobil-Legende Marco Makaus begann, hat sich zu einem festen Termin im internationalen Sammlerkalender entwickelt. The I.C.E. ist stark gewachsen, aber mit Disziplin.
In diesem Jahr wurden 13'000 Tickets verkauft, bewusst weniger als die rund 18'000 des Vorjahres, um St. Moritz nicht zu überfordern. Dennoch nahm der Verkehr zu Spitzenzeiten mitunter surreale Züge an: Die knapp ein Kilometer lange Strecke vom Dorfzentrum zum See konnte zeitweise eine halbe Stunde beanspruchen.
Hinter den Kulissen war die Nachfrage noch deutlich höher. Eine Rekordzahl an Bewerbungen von Fahrzeugeigentümern aus aller Welt ging ein. Am Ende wurden exakt 50 Automobile zum Concours zugelassen. Viele der Fahrzeuge hatten eine weite Reise hinter sich: Dutzende wurden aus Ländern wie den USA oder Japan nach Zürich geflogen und von dort per Lastwagen ins Engadin transportiert.

Concours of Elegance auf dem Eis. (Bild: Andrea Klainguti für The I.C.E. St. Moritz)
Auch auf dem Eis selbst war prominente Präsenz sichtbar: Lapo Elkann wurde unter den Besuchern gesichtet; der frühere Formel-1-Pilot Felipe Massa sowie Architekt Norman Foster – der auch die Trophäe für den Hauptpreis entworfen hatte – waren persönlich vor Ort.
Sportlicher Kern: Ein Concours auf gefrorener Bühne
Im Kern bleibt The I.C.E. das, was der Name verspricht: ein Internationaler Concours d’Elegance, inszeniert allerdings auf Eis.
Die 50 ausgewählten Fahrzeuge traten in fünf Kategorien an: «Barchettas on the Lake», «Open Wheels», «Icons on Wheels» sowie die beiden neueren Klassen «Birth of the Hypercar» und «Legendary Liveries». Am Freitag vergab die internationale Jury die Best-in-Class-Titel; am Samstag kehrten die Automobile für die mit Spannung erwarteten «Free Laps» auf das Eis zurück.
Der «Best in Show»-Hauptpreis ging schliesslich an den Talbot-Lago T150C SS «Teardrop» (1937). Die von Norman Foster entworfene Trophäe, überreicht gemeinsam mit dem EMEA-CEO von Richard Mille, Peter Harrison, unterstrich das Selbstverständnis des Anlasses: automobile Exzellenz als Skulptur in Bewegung.
Weitere Auszeichnungen folgten: Der Spirit-of-St.-Moritz-Preis, gestaltet vom Künstler Rolf Sachs, ging an den Ferrari Dino 206 S (1967), während der «Hero Below Zero» per Publikumsabstimmung vergeben wurde, und zwar an den McLaren F1 GTR Lark (1996). Ein neu eingeführter Best-Sound-Award, präsentiert von Bang & Olufsen, ging an einen Pontiac Vivant (1965). Dessen Motor wurde während der Jurybewertung kurz gestartet, sehr zur Freude des Publikums.
Mehr als Klassiker: Eine High-End-Automobilmesse
Als interessantes Phänomen darf gelten, dass sich The I.C.E. über den Classic-Car-Concours hinaus zu einer Plattform für zeitgenössische High-End-Mobilität entwickelt hat. Ferrari mietete wie auch im Vorjahr den Kulm Country Club, um aktuelle Modelle neben ausgewählten Klassikern zu präsentieren. Anderswo in der Spitzenhotellerie wiederholte sich das Muster: Koenigsegg im Suvretta House, Rolls-Royce im Kempinski, Bugatti im The Grace.
Auf dem See selbst zeigte Rimac seine elektrischen Hypercars; Maserati, Pagani und weitere Marken traten als offizielle Aussteller auf. Mercedes-Benz nutzte das Engadin, um seine neu vorgestellte S-Klasse zu präsentieren. Die Botschaft ist klar: The I.C.E. ist nicht nur eine nostalgische Feier, sondern zunehmend auch ein lebendiger Showroom für die Gegenwart luxuriöser Mobilität.
Ronnie Kessel: Auf der Suche nach dem neuen Genf
Am Morgen nach dem Rennen, zurück in der Casa Ferrari, kommt der Co-Initiator des Anlasses, Ronnie Kessel, ein wenig zur Ruhe. Am Vortag schien er überall gleichzeitig zu sein. Eine kurze Umarmung hier, ein einminütiges Gespräch dort, stets in Bewegung.
«Wir sind äusserst zufrieden mit der Entwicklung von The I.C.E.», sagt er gegenüber finews. «Sicher geholfen hat der grosse Erfolg der Ausgabe 2023. Nach zwei Jahren Covid waren die Menschen überaus hungrig auf solche Anlässe.»

Gewinner des Best-in-Show-Preises: Talbot-Lago T150C SS «Teardrop» von 1937. (Bild: Andrea Klainguti für The I.C.E. St. Moritz)
Mit Blick nach vorne formuliert Kessel eine weitergehende Ambition: «Unser Ziel ist es, eine Plattform für die Begeisterung für europäische Automobile zu sein. Nach dem Ende des Genfer Autosalons existiert eine solche Plattform in der Schweiz nicht mehr. Wir laden alle Marken ein, Teil dieses Erlebnisses zu werden.» The I.C.E. will mehr sein als ein saisonales Spektakel in der St. Moritzer Bubble.
High-End-Sponsoren
Die Partnerliste liest sich wie ein Querschnitt zeitgenössischen Luxus’: Richard Mille als Titelsponsor; Badrutt’s Palace als offizielles Partnerhotel; Loro Piana, Bang & Olufsen, VistaJet, Vincenzo Dascanio und Junkers Aircraft.
Auch das Schweizer Private Banking ist präsent. UBS trat zum zweiten Mal in Folge als einer der Hauptsponsoren auf. Wie zu vernehmen ist, lud sie am Abend ausgewählte Privatkunden zu Side-Events ein. In der Öffentlichkeit jedoch blieb ihr Auftritt bewusst zurückhaltend.
In der Casa Ferrari traf finews zudem auf einen Private Banker einer anderen Schweizer Bank – selbst Ferrari-Besitzer –, der Gestaltung und Atmosphäre des Ortes lobte. Abseits des Sees erfüllt die Casa Ferrari ihre Rolle perfekt: intim, einladend und konsequent auf das von Ferrari so sorgsam kuratierte Verständnis von Exklusivität ausgerichtet.
Ein Abschied am Himmel
Als hätte der gefrorene See nicht bereits genug Spektakel geboten, bot das Wochenende einen weiteren Höhepunkt über dem Engadin. Die Patrouille Suisse flog kunstvolle Formationen und zeichnete scharf geschnittene rot-weisse Skulpturen in den Winterhimmel.

Ein letzter Kunstflug über St. Moritz: die Patrouille Suisse. (Bild: Davide Bianchet für The I.C.E. St. Moritz)
Gemäss den Organisatoren ging die Initiative von der Patrouille Suisse selbst aus. Der Auftritt markierte einen Abschied vom Engadin mit den ikonischen F-5-Tiger-Jets. Vor zwei Jahren beschloss das Schweizer Parlament, die Formation einzustellen. Entscheidend dafür waren Kostenüberlegungen. In der klaren Alpenluft wirkt dieser Entscheid aufgrund jährlicher Ausgaben von 40 Millionen Franken merkwürdig kleinlich.
Die Triebwerke und Motoren sind verklungen, das Eis wird wieder still. Von The I.C.E. bleibt die Gewissheit, dass es sich lohnt, gewisse Formen von Exzellenz zu bewahren.














