Carsten K. Rath: Wie Marrakesch Luxus neu definiert

Wer in Marrakesch ankommt, landet zunächst mitten im Chaos. Mopeds schlängeln sich durch den Verkehr, Händler werben um Kundschaft, aus der Medina dringen Stimmen, Musik und der Duft orientalischer Gewürze. Marrakesch ist eine Stadt, die alle Sinne gleichzeitig fordert und mich begeistert.

Nur wenige Minuten später verändert sich die Welt. Hinter hohen Mauern öffnet sich mit dem Amanjena eine Oase aus Wasser, Licht und Palmen. Die Geräusche der Stadt verschwinden vollständig. Ocker- und terracottafarbene Pavillons spiegeln sich in langen Wasserbecken, der Blick reicht bis zum Atlasgebirge. Es ist kein Hotel, das beeindrucken möchte. Es strahlt eine Gelassenheit aus, die in der internationalen Spitzenhotellerie selten geworden ist.

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Reduktion statt Inszenierung: Warme Materialien, klare Linien und viel Tageslicht schaffen Räume, die nicht beeindrucken wollen, sondern wirken. (Bild: zVg)

Genau das ist einer der Erfolgsgeheimnisse der Aman-Gruppe, zu denen das Amanjena gehört. Während viele Luxusmarken immer spektakulärer im Aussenauftritt werden, geht Aman seit Jahrzehnten bewusst den entgegengesetzten Weg. Keine riesigen Lobbys, keine überinszenierten Fotokulissen, keine laute Inszenierung von Exklusivität. Die Marke setzt auf Reduktion, Privatsphäre und Zeit – Werte, die in einer permanent beschleunigten Welt fast luxuriöser geworden sind als Marmor oder Gold. 

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Zwischen Wasser, Palmen und Licht: Das Amanjena versteht sich weniger als Hotel denn als stiller Rückzugsort vor den Toren Marrakeschs. (Bild: zVg)

Luxus beginnt dort, wo Ablenkung endet

General Manager Tim Weiland verkörpert diese Philosophie auf bemerkenswerte Weise. Statt Gäste ausschliesslich im Resort willkommen zu hessen, fährt er regelmässig selbst mit ihnen hinaus – dorthin, wo Marrakesch aufhört und das eigentliche Marokko beginnt.

Am ersten Abend steigen wir gemeinsam in den Geländewagen. Wohin die Fahrt geht, verrät Weiland nicht. Nach gut einer Stunde erreichen wir eine verlassene Ruine irgendwo zwischen Marrakesch und Atlasgebirge. Ein Esel begrüßt uns, sonst niemand.

Von hier oben öffnet sich der Blick über die Ebene bis zur Stadt. Hinter uns leuchten die schneebedeckten Gipfel des Atlas, vor uns versinkt Marrakesch langsam in den Farben des Sonnenuntergangs.

Warum dieser Ort auf keiner Karte steht, erklärt Weiland mit einem Satz, der mir im Gedächtnis bleibt: «Ich möchte, dass dieser Ort für unsere Gäste in Erinnerung bleibt und nicht als Foto auf dem Handy landet.» Kaum ein Satz beschreibt die Philosophie von  Aman  besser.

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Rückzug mit Weitblick: Zwischen Palmen und Wasserflächen entstehen Orte, an denen Privatsphäre nicht abgeschirmt, sondern selbstverständlich wirkt. (Bild: zVg)

Eine Marke mit bemerkenswerter Konsequenz

Diese Haltung setzt sich im Resort fort. Die Architektur interpretiert die Formensprache marokkanischer Paläste neu, ohne folkloristisch zu wirken. Wasserflächen ersetzen Dekoration, lange Sichtachsen schaffen Ruhe, Palmen strukturieren den Raum.

Auch mein Zimmer folgt diesem Prinzip. Warme Materialien, klare Linien und eine bewusst reduzierte Möblierung lassen den Blick nach draußen wandern. Ich ertappe mich dabei, wie ich mein Handy immer seltener in die Hand nehme.

Für ein Luxushotel ist das vielleicht die bemerkenswerteste Leistung.

Denn Aman verkauft keine möglichst dichte Abfolge von Erlebnissen. Aman verkauft Freiraum. Individualisiert. Klasse!

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Frühstück unter Palmen: Im Amanjena wird selbst eine Mahlzeit unter freiem Himmel zum Ausdruck jener Gelassenheit, die das gesamte Resort prägt. (Bild: zVg)

Das eigentliche Marokko

Am nächsten Tag fahren wir an den Fuss des Atlas-Gebirges. Rund anderthalb Stunden später endet die Strasse, der Weg führt zu Fuss weiter. Oben wartet ein kleines Berberdorf, mit dem das Resort seit vielen Jahren zusammenarbeitet.

Es gibt Couscous, Gemüse, Tee und Gespräche ohne Eile. Hühner laufen frei über den Hof, Kinder spielen zwischen den Häusern. Gegenüber liegt ein alter jüdischer Friedhof. Weiland erzählt vom jahrhundertelangen Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen in dieser Region. Es ist belesen.

Nichts wirkt arrangiert. Niemand spielt eine Rolle. Gerade deshalb bleibt mir  dieser Nachmittag lange in Erinnerung.

Am Abend folgt ein weiteres Erlebnis, das exemplarisch für Aman steht: ein Dinner in der Agafay-Wüste. Während die Sonne untergeht, verändert sich die Landschaft im Minutentakt. Aus Ocker wird Grau, aus Grau ein tiefes Blau. Schliesslich bleibt nur noch das warme Licht der Laternen, marokkanische Küche und eine Stille, die fast greifbar wird.

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Dinner unter dem Sternenhimmel: In der kargen Weite der Agafay-Wüste wird marokkanische Küche zum stillen Höhepunkt des Tages – begleitet von Kerzenlicht und einer fast greifbaren Stille. (Bild: zVg)

Eine Lektion über modernen Luxus

Viele Hotels verstehen sich als Bühne. Das Amanjena versteht sich als Ausgangspunkt. Es möchte nicht selbst im Mittelpunkt stehen, sondern den Blick auf das richten, was ausserhalb seiner Mauern liegt. Genau darin liegt seine aussergewöhnliche Qualität. In einer Zeit, in der Luxus häufig mit Grösse, Lautstärke und permanenter Verfügbarkeit verwechselt wird, erinnert Aman an etwas, das fast verloren gegangen ist: dass die wertvollsten Erlebnisse oft jene sind, die sich weder planen noch fotografieren lassen.

Oder anders gesagt: Das Amanjena verkauft keine Nächte. Es schenkt Perspektiven.


Als früherer Grandhotelier und Betreiber des Hotel Rankings  «101 beste Hotels» ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er schreibt, bereist er auf eigene Rechnung.