Dieses Schweizer Hotel schlägt die ganze Konkurrenz
Wer an das Engadin oder den Kanton Graubünden denkt, denkt an St. Moritz, an Davos, Klosters und andere luxuriöse Schweizer Hochburgen des Tourismus. Dabei beginnt wenige Kilometer weiter flussabwärts eine völlig andere Welt. Das Unterengadin wirkt auf mich wie die Schweiz vor fünfzig Jahren: keine Hotelburgen, keine Luxusmeilen. Stattdessen romanische, romantische Dörfer, jahrhundertealte Engadiner Häuser mit ihren kunstvollen Sgraffiti und blumengeschmückte Brunnen.
Und genau ein solches 400 Jahre altes Haus ist mein Ziel. Schon während meiner Anreise zum «Boutiquehotel GuardaVal» gerate ich ins Schwärmen. Mein Tipp: Lassen Sie das Auto zu Hause und reisen Sie per Bahn an. In zweieinhalb Stunden erreiche ich von Zürich aus, vorbei an tiefen Seitentälern und Arvenwäldern, den kleinen Ort Scuol, seit Jahrhunderten bekannt für seine heilenden Mineralwasserquellen.
Meine Ankunft fühlt sich an wie eine Heimkehr. Denn früher trug ich die Verantwortung für zwei hiesige Häuser: den «Schweizer Hof» und «Scuol Palace», beide ehemalige «Robinson Clubs».
Was ich schon immer an Scuol schätze, ist die Gelassenheit, die in den touristischeren Orten des Engadins verlorengegangen ist.
Hier ist alles anders. Das merke ich gleich bei meiner Ankunft im «GuardaVal.» Das Haus ist seit 2008 im Besitz von Julia und Kurt Baumgartner, die mich mit einer überwältigenden Herzlichkeit willkommenheissen. Die beiden Gastgeber sind Hoteliers der alten Schule: Sie sehen ihre Arbeit nicht als Bühne für das eigene Ego, sondern als Dienst am Gast, als tägliche Verpflichtung. Das ist wahre Gastgeberschaft, von der so mancher selbsternannte Grandhotelier des Landes lernen kann.
Alpine Kochkunst und asiatische Frische
Was Julia und Kurt Baumgartner zusammen mit René Stoye geleistet haben, ist beeindruckend. Heute besitzen die Baumgartners drei Betriebe in Scuol, im November kommt der vierte hinzu. Die Hotels der «Belvédère Hotel Familie» sind durch Tunnels miteinander verbunden und frei zugänglich. Vom 4-Sterne-Superior Hotel «Belvédère» über das charakteristische «Boutiquehotel GuardaVal» bis zum 3-Sterne-Hotel «Belvair»: Jede Generation kann ihren Bedürfnissen und Budgets entsprechend wohnen, und man trifft sich morgens und abends beim Essen, im Spa, am Skilift oder auf den Wanderwegen. Ein tolles Konzept.

Die Mischung macht’s: Originalmöbel und moderne Designer-Elemente im «GuardaVal.» (Bild: zVg)
Als Gast bekomme ich im «GuardaVal» einiges geboten – selbst nach Schweizer Massstäben. Denn anders als in den meisten Hotels hat man hier verstanden, wie praktisch es ist, wenn Skipässe und Tickets für den öffentlichen Nahverkehr im Zimmerpreis inkludiert sind. Ausserdem ist auch der Zugang zu einem 13'000 Quadratmeter grossen Wellness-Bereich sowie zu einem modernen Fitnessstudio im Preis inbegriffen. Wenn es bloss in allen Hotels des Landes so wäre!
Die Kochkunst überzeugt mich auf ganzer Linie. Im Hotelrestaurant probiere ich mich durch ein abwechslungsreiches Menü alpiner Gourmetküche. Ob gebratener Gotthard-Zander mit Kresse-Kartoffeln und Löwenzahn oder pochierte Aprikose mit Haselnussflan und Butterglace als Nachtisch: Selten habe ich in der Schweiz eine so raffinierte und zugleich ortsverbundene, ehrliche Küche kennengelernt.

Dank der insgesamt fünf Restaurants ist für Vielfalt gesorgt. Hier: das exzellente Alpenrestaurant «GuardaVal». (Bild: zVg)
Das genaue Gegenteil von ortsverbunden ist das Restaurant «Nam Thai», welches ebenfalls zur «Belvédère Hotel Familie» gehört. Hier überrascht mich die authentische Küche der beiden thailändischen Köche Ratthaphon Sanphaudom und Chinnawat Nanta. Ihre langjährige Erfahrung in gehobenen Hotels in Asien zeigt sich in jedem Gericht. Besonders lecker ist der Papayasalat: Während auf den umliegenden Gipfeln der Schnee schimmert, erinnern mich die süssen Tropenfrüchte an meinen letzten Aufenthalt in Bangkok. Ein asiatisches Restaurant im Herzen der Alpen zu eröffnen, ist eine mutige Entscheidung. Hier ist sie vollkommen aufgegangen.
Flexibilität ist wahrer Luxus
Woran erkenne ich Service-Exzellenz? An den Begrüssungsworten? Ob ich mit Namen angesprochen werde, an der Small-Talk-Kunst der Kellner? Für mich besteht Service-Exzellenz darin, wie mit unvorhergesehenen Ereignissen umgegangen wird.
Ein Beispiel: Die Frühstückszeit ist bis elf Uhr. Als ich kurz nach elf Uhr erscheine, ist das meiste schon abgeräumt und kein Gast mehr zu sehen. Ich entschuldige mich bei den Mitarbeitern für mein Zuspätkommen. «Nein, nein», lautet die Antwort: «Ein Gast ist nie zu spät.» Ich werde gefragt, ob ich lieber auf der Terrasse oder im Speisesaal frühstücken möchte. Innerhalb weniger Minuten ist mein Tisch gedeckt und vor mir türmen sich frisches Obst, ofenwarme Brötchen und eine beeindruckende Auswahl an Marmeladen und Jogurts auf.
Dies ist eine Dienstleistungsbereitschaft, wie ich sie nur selten erlebe. Davon könnten sich manche Hotels der Schweiz eine Scheibe abschneiden.

Das viele Holz und die hochwertigen Materialien machen mein Zimmer besonders gemütlich. (Bild: zVg)
Die weltbeste Metzgerei?
Überhaupt geht das Hotel «GuardaVal» immer über den Rahmen des Erwarteten hinaus. Ich bestelle mir ein einfaches Glas Rosé, werde dabei von der Sommelierin Dagmar Jandlova bestens beraten und erhalte dazu eine wunderschön angerichtete Auswahl feinster Aperitivi: Parmigiano, Schinken vom lokalen Bauern, Oliven, selbst gebackenes Brot. Die Qualität der Lebensmittel ist hier im Unterengadin beeindruckend.
Das merke ich auch in der vielleicht besten Metzgerei der Welt. Gleich neben dem Hotel liegt der Metzger «Hatecke». Während einer Degustation lerne ich die verschiedenen Fleischspezialitäten der Region kennen. Am liebsten wäre ich abgereist mit dem Kofferraum voller Hirschtrockenfleisch und Salsiz, der bekannten Wurst aus Graubünden.
Stattdessen nehme ich viel Entspannung und Inspiration mit nach Hause. Und die überraschende Erkenntnis: Der Preis-Leistungssieger unter den Alpenhotels und -resorts liegt in der Schweiz.
Als früherer Grandhotelier und Betreiber des Hotel Rankings «101 beste Hotels» ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er schreibt, bereist er auf eigene Rechnung.













