Kann Europa wirklich auf aktives Management verzichten?
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Ein klar definiertes aktives Management beschränkt sich nicht darauf, langfristig eine nach Abzug der Kosten positive Wertentwicklung zu erzielen, sondern analysiert, vergleicht und selektiert. Es lenkt das Kapital konkret in Unternehmen und beteiligt sich über Börsengänge und Kapitalerhöhungen direkt an deren Finanzierung.
Kann Europa auf diese Fähigkeit zur Auswahl und Allokation von Kapital verzichten, gerade jetzt, wo die Wertentwicklung genau von diesen Entscheidungen abhängt?
Debatte darf nicht pauschal geführt werden
Der Aufstieg der passiven Vermögensverwaltung hat sich dank einer einfachen und wirkungsvollen Argumentation durchgesetzt: kostengünstiger, transparenter, als schwer zu übertreffen geltend.
Das Etikett «aktiv» kann täuschen
Dies tut sie allerdings. Unter dem Begriff «aktiv» existieren sehr unterschiedliche Ansätze nebeneinander: Einige basieren auf Überzeugungen, andere orientieren sich stark an Indizes und entsprechen in der Praxis einem Benchmark orientierten Management.
Durch die Zusammenfassung dieser Strategien hat die Finanzbranche die Vorstellung genährt, dass die aktive Vermögensverwaltung insgesamt daran scheitert, die Indizes zu schlagen.
Wenn man diese Ansätze jedoch unterscheidet, ändern sich die Schlussfolgerungen. Echte aktive Verwaltung, die tatsächlich unabhängig von ihrem Index ist, ist in der Lage, eine nach Abzug der Kosten positive Outperformance zu erzielen.
Der Active Share, der den Grad der Differenzierung eines Portfolios gegenüber seinem Referenzindex misst, zeigt eine Schwelle auf: Ab etwa 70 Prozent tritt die Outperformance tendenziell ein, mit fast +0,7 Prozent auf Jahresbasis für die am stärksten differenzierten Fonds.
Die Frage ist also nicht, ob die aktive Verwaltung eine Outperformance erzielt, sondern ob man eine Verwaltung, die nicht aktiv ist, weiterhin als «aktiv» bezeichnet.
Kapitalallokation: Machtverlagerung in die USA schwächt Primärfinanzierung europäischer Unternehmen
Über die Performance hinaus hat die Art und Weise, wie Vermögen angelegt wird, direkten Einfluss auf die Unternehmensfinanzierung und die Marktdynamik.
Die passive Verwaltung greift jedoch in entscheidenden Momenten kaum ein: Börsengänge, Kapitalerhöhungen, Ausgabe von Obligationen.
Im Gegensatz dazu selektiert, finanziert und begleitet die aktive Verwaltung. Sie trägt zur effizienten Kapitalallokation bei und belebt das Marktökosystem – durch die Entwicklung von Analysen, die Preisfindung und den Dialog mit den Unternehmen. In dem Masse, wie sich die Kapitalanlage zunehmend an Indizes orientiert, schwinden diese Funktionen.
Die Vermögensallokation wird mechanischer, konzentrierter, und die Risiken verändern sich: Herdeneffekte, verstärkte Prozyklizität, Anfälligkeit im Falle von Schocks. Vor allem aber ist dieser Wandel strategischer Natur. Passive Strategien werden zu mehr als 80 Prozent von drei US-amerikanischen Akteuren kontrolliert, wodurch ein wachsender Anteil der Stimmrechte aus europäischen Vermögensanlagen ausserhalb des Kontinents gelenkt wird.
Europa spart zwar, finanziert aber seine eigenen Unternehmen immer weniger. Diese Verlagerung der Macht bei der Kapitalallokation schwächt die Primärfinanzierung und verstärkt die Abhängigkeit vom Ausland. Kann man eine Wirtschaft nachhaltig steuern, indem man ihre Abwanderung fördert?
Transparenz ist gefordert
Wenn die aktive Vermögensverwaltung beiseite geschoben wird, dann vor allem, weil sie nur unzureichend definiert ist. Solange unter ein und demselben Begriff sowohl wirklich differenzierte Strategien als auch Benchmark orientierte Anlagen nebeneinander bestehen, bleibt die Debatte verzerrt.
Die Klärung dieser Definition ist keine technische Angelegenheit: Es handelt sich um ein Erfordernis der Transparenz.
Dies setzt voraus, dass klar zwischen aktivem Management und Benchmark orientiertem oder semi-passivem Management unterschieden wird, wobei Indikatoren wie der Active Share oder der Tracking Error herangezogen werden, um die tatsächliche Differenzierung gegenüber den Indizes zu messen. Ohne diese Klärung wird das aktive Management hinsichtlich seiner Fähigkeit, die europäische Wirtschaft zu finanzieren, weiterhin nicht ausreichend genutzt.
Kann Europa auf aktives Management verzichten? Kann es auf einen Hebel für differenzierte Performance, auf ein Instrument zur Finanzierung seiner Wirtschaft und auf ein Instrument der finanziellen Souveränität verzichten?
Die Antwort lautet: Nein. Doch dazu muss ihm wieder eine klare Definition gegeben werden. Denn in einer Welt, in der die Kapitalallokation schon immer eine strategische Herausforderung war, ist Klarheit kein Luxus, sondern unverzichtbar.
Gemäss Morningstar-Daten von Ende Juli 2026 verzeichneten aktive Anleihenfonds seit Jahresbeginn Nettozuflüsse von 132,2 Milliarden Euro, gegenüber 64,5 Milliarden Euro bei passiven Produkten.
Bei Aktien zeigt sich hingegen das Gegenteil: Passive Aktienfonds sammelten in Europa 231 Milliarden Euro ein, während aktive Aktienfonds Nettoabflüsse von 25 Milliarden Euro verzeichneten.
Gerade diese gegenläufige Entwicklung zeigt, dass die Debatte über aktives und passives Management nicht pauschal geführt werden sollte.
Maxime Carmignac ist CEO von Carmignac UK und die Tochter von Firmengründer die Tochter von Edouard Carmignac.
Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist die Studie «Aktives Management: Eine Quelle für Outperformance, europäische Finanzsouveränität und Anlegerschutz».
Die Autoren sind: Maxime Carmignac, CEO von Carmignac UK, Bertrand Merveille, Geschäftsführer von BDL Capital Management, Anne-Sophie d’Andlau und Catherine Berjal, Mitbegründerinnen von CIAM, Philippe Lebeau, Vorstandsvorsitzender von Comgest S.A., Marie Jacot, CEO von Edmond de Rothschild AM France, Sidney Oury, Mitbegründer von IVO Capital Partners, und Romain Burnand, Vorsitzender von Moneta Asset Management.
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