Karriereberaterin: «Es finden nicht alle wieder einen Job»
Die Zeiten, in denen erfahrene Banker nach einem Stellenverlust schnell bei einem anderen Institut unterkamen, sind vorbei – zumindest vorerst. Der Arbeitsmarkt im Schweizer Finanzsektor hat sich deutlich verändert. Insbesondere in Zürich hat sich die Situation zugespitzt.
«Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist sehr anspruchsvoll im Augenblick», sagt Daniela Haze-Stöckli in der neuen Folge des finews-Podcasts. Von einem generellen Einbruch des Schweizer Arbeitsmarktes möchte die Gründerin der Zürcher Karriereberatungs-Boutique Beyond Success zwar nicht sprechen. Im Banking sei die Situation aber besonders angespannt.
Neu sei vor allem, wer von dieser Entwicklung betroffen ist: «Es sind sehr gut ausgebildete, gut qualifizierte Leute, die länger brauchen, um die richtige Position wiederzufinden.»
UBS ist nur ein Teil der Geschichte
Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist die Integration der Credit Suisse in die UBS. Nach Abschluss wichtiger Migrationsarbeiten gelangen weitere Spezialisten auf den Arbeitsmarkt. Betroffen seien Middle- und Backoffice-Funktionen, aber auch Kundenberater und IT-Spezialisten.
Doch Haze-Stöckli warnt davor, die Entwicklung ausschliesslich auf UBS und Credit Suisse zurückzuführen. Auch andere Banken und Versicherungen bauen Stellen ab. Gleichzeitig findet der Personalabbau auch in der Pharmaindustrie, der Industrie und anderen Branchen statt.
Das erschwert Bankern den Wechsel in andere Wirtschaftszweige zusätzlich.
Besonders anspruchsvoll ist die Situation für hoch spezialisierte Fachkräfte. Wer über Jahre im Asset Management, Wealth Management, Investment Banking oder Private Banking tätig war, verfügt zwar über wertvolles Fachwissen. Dieses lässt sich aber nicht ohne Weiteres auf eine andere Branche übertragen.
Nicht einfach losschiessen
Haze-Stöckli spricht einen Punkt offen an, der in der Diskussion über den Stellenabbau im Finanzsektor häufig ausgeblendet wird.
«Nein, es finden nicht alle einen Job», sagt sie. Deshalb müsse die klassische Vorstellung einer linearen Karriere hinterfragt werden. Neben einer neuen Festanstellung könnten Selbstständigkeit, eine Partnerschaft oder eine Kombination verschiedener Tätigkeiten Alternativen sein. Entscheidend sei, frühzeitig verschiedene Szenarien zu entwickeln und zu klären, was davon auch finanziell tragbar sei.
Eine der grössten Herausforderungen sieht die Karriereberaterin dabei in der Reaktion unmittelbar nach einem Stellenverlust. Viele Betroffene würden «sofort losschiessen», ohne einen konkreten Plan zu haben.
Statt möglichst viele Bewerbungen zu verschicken, sollten sich Führungskräfte zunächst fragen: Was kann ich? Wofür stehe ich? Was sucht der Markt? Und wo fehlen mir Kompetenzen?
Banker müssen beim Lohn umdenken
Auch beim Salär hat sich die Ausgangslage verändert.
«Ja, das ist im Augenblick so. Angebot und Nachfrage», antwortet Haze-Stöckli auf die Frage, ob Banker bei einem Stellenwechsel Lohneinbussen akzeptieren müssen. Bei Neueinstellungen auf vergleichbaren Hierarchiestufen stünden die Löhne unter Druck. Banken könnten das grössere Angebot an Kandidaten nutzen, um ihre Kosten zu senken.
Die Konsequenzen reichen über die Finanzbranche hinaus. Die hohen Saläre aus dem Banking liessen sich bei einem Wechsel in andere Industrien häufig nicht übertragen.
Haze-Stöckli rechnet deshalb mit einer «Bereinigung der Löhne». Banker müssten sich stärker mit der Frage beschäftigen, welches Salär der Markt für ihre Fähigkeiten tatsächlich noch zu zahlen bereit sei – und nicht allein davon ausgehen, was ihre bisherige Position wert war.
Mehr Flexibilität gefragt
Die Antwort darauf ist für Haze-Stöckli nicht einfach der Verzicht auf Lohn. Vielmehr müsse die Flexibilität insgesamt steigen.
Dies betrifft nicht nur das Salär, sondern auch die Tätigkeit und den Arbeitsort. Denkbar seien künftig zudem Modelle, die von der klassischen 100-Prozent-Stelle abweichen – beispielsweise eine Teilzeitanstellung kombiniert mit Verwaltungsratsmandaten.
Möglichkeiten ausserhalb des klassischen Bankings gibt es durchaus. Haze-Stöckli beobachtet unter anderem Wechsel in die Selbstständigkeit und zu Family Offices. Auch Versicherungen und Private Equity seien mögliche Auffangbecken. Der Markt dafür sei allerdings begrenzt.
Karriere als Portfolio betrachten
Ihre vielleicht interessanteste Empfehlung richtet sich allerdings an Banker, deren Arbeitsplatz derzeit überhaupt nicht gefährdet ist.
Sie sollten nicht warten, bis eine Restrukturierung angekündigt wird oder die eigene Funktion verschwindet. Haze-Stöckli empfiehlt, spätestens alle fünf Jahre eine berufliche Standortbestimmung vorzunehmen: Ist das eigene Wissen weiterhin gefragt? Wie verändert sich die Funktion? Welche Kompetenzen fehlen? Und welche Alternativen bestehen zur heutigen Tätigkeit?
Sie vergleicht diese Form der Karriereplanung mit der Altersvorsorge: Auch damit beginne man schliesslich nicht erst bei der Pensionierung.
Noch treffender ist ihre Analogie zur Vermögensanlage.
«Das ist wie bei einem Finanzportfolio: Da versuchst du, kein Klumpenrisiko zu haben. Du diversifizierst», sagt Haze-Stöckli. Das Gleiche müsse für die berufliche Laufbahn gelten. Man sollte weder von einer einzigen Nische noch von einer Technologie oder einem Arbeitgeber vollständig abhängig sein.
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