Peter Giger: «Je später die Krise kommt, desto schmerzhafter wird sie»

«Irgendwann wird mal wieder eine richtige Krise kommen. Das ist eine Frage der Zeit. Und je später sie kommt, desto schmerzhafter wird sie sein.»

Wenn einer der obersten Risikomanager der globalen Versicherungsbranche einen solchen Satz sagt, lohnt es sich, genauer hinzuhören.

Peter Giger, Group Chief Risk Officer von Zurich Insurance, beschäftigt sich beruflich mit Risiken, die Unternehmen, Finanzmärkte und ganze Volkswirtschaften treffen können. Im Gespräch mit finews richtet er den Blick deshalb weit über das klassische Versicherungsgeschäft hinaus.

Eine seiner zentralen Fragen betrifft die wachsende Staatsverschuldung. Viele Industrieländer haben ihre Schulden über Jahre massiv ausgeweitet. Gleichzeitig haben sich die Finanzmärkte an hohe Liquidität und staatliche Interventionen in Krisenzeiten gewöhnt. Doch was passiert, wenn dieses Vertrauen irgendwann ins Wanken gerät? 

 

Giger warnt davor, sich von der derzeitigen Stabilität täuschen zu lassen. Krisen gehören für ihn zu einer funktionierenden Marktwirtschaft. Sie korrigieren Fehlentwicklungen und zwingen Marktteilnehmer, Risiken neu zu bewerten. Oder anders gesagt: Wer Risiken vollständig vermeiden will, verzichtet letztlich auch auf die entsprechende Risikoprämie.

KI verändert die Risikolandschaft

Doch die bekannten makroökonomischen Gefahren sind nur ein Teil der neuen Risikowelt.

Kaum eine Technologie verändert Unternehmen derzeit so schnell wie künstliche Intelligenz. Giger sieht dabei eine typische Diskrepanz zwischen kurzfristigen Erwartungen und langfristigen Auswirkungen: Die kurzfristigen Effekte neuer Technologien würden häufig überschätzt, die langfristigen dagegen unterschätzt.

Was bedeutet das für Banken, Versicherer und andere Unternehmen? Welche neuen Abhängigkeiten entstehen durch KI? Und was geschieht, wenn dieselbe Technologie, mit der Unternehmen ihre Cyberabwehr verbessern, gleichzeitig Angreifern völlig neue Möglichkeiten eröffnet?

Damit führt das Gespräch direkt zu einem weiteren Risiko, das für die Finanzindustrie immer wichtiger wird: Cyberattacken.

Wo endet die Versicherbarkeit?

Für einen Versicherer wie Zurich stellt sich dabei eine fundamentale Frage: Welche Risiken lassen sich überhaupt noch versichern?

Bei einem einzelnen Unternehmen lässt sich ein Schaden modellieren und über ein Kollektiv verteilen. Schwieriger wird es, wenn ein Ereignis gleichzeitig Tausende Unternehmen, kritische Infrastrukturen oder ganze Volkswirtschaften treffen kann.

Cyberrisiken machen dieses Problem besonders sichtbar. Die zunehmende Vernetzung der Wirtschaft schafft Effizienz, gleichzeitig entstehen Konzentrationen und Abhängigkeiten, deren Folgen im Ernstfall weit über ein einzelnes Unternehmen hinausreichen können.

Damit geht es auch um die Grenzen des Versicherungssystems und letztlich um die Frage, welche Risiken letztlich von Unternehmen, Versicherern und Staaten getragen werden müssen.

Im Podcast von finews spricht Peter Giger über die Risiken, die ihn derzeit besonders beschäftigen und darüber, warum eine Welt ohne Risiko weder realistisch noch wirtschaftlich erstrebenswert wäre.

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