Sanktionen: Endspiel um Kubas Zigarren

Seit dem 4. September steht der Betrieb still. Die 5th Avenue Products Trading im badischen Waldshut-Tiengen, offizielle Alleinimporteurin kubanischer Zigarren für Deutschland, Österreich und Polen, hat ihre Lieferungen eingestellt, wie das Fachportal Cigars-Connect letzte Woche berichtete; inzwischen läuft die vorläufige Insolvenzverwaltung.

Der Grund liegt nicht im Geschäft. Daten aus dem deutschen Unternehmensregister zeigen, dass das Unternehmen im Jahr 2024 gut 63,8 Millionen Euro umsetzte und damit ein Betriebsergebnis von 20,2 Millionen erzielte — eine operative Marge von glänzenden 31,7 Prozent. Unter dem Strich resultierte ein Gewinn von 14,4 Millionen.

Was 5th Avenue zumindest vorläufig zu Fall brachte, waren gesperrte Bankkonten.

Habanos-Grossinvestor in chinesischer Untersuchungshaft

Gründer der Gesellschaft war Heinrich Villiger, der im Sommer 2025 kurz nach seinem 95. Geburtstag verstorben ist.

Die deutsche Tochtergesellschaft seiner Villiger Söhne hielt bis vor einem Jahr 45 Prozent am deutschen Alleinimporteur 5th Avenue. Die letzten Jahre seines Lebens waren überschattet von einer hässlichen Auseinandersetzung mit seinem Mitaktionär, dessen Herren in Havanna und Kambodscha sassen (finews berichtete) — heute sitzt der eine in China, in Untersuchungshaft.

Das kubanische Exportmonopol Corporación Habanos S.A., von dem 5th Avenue Products Trading ebenso wie der Schweizer Exklusivimporteur Intertabak in Pratteln seine Zigarren bezieht, gehört zur Hälfte dem kubanischen Staat. Die andere Hälfte hält, über zwei Zwischengesellschaften, die Madrider Allied Cigar Corporation. Und hinter dieser steht, über eine undurchsichtige Kette von BVI- und Hongkong-Vehikeln, der vom Glück verlassene Milliardär Chen Zhi.

Angeklagt in den USA, OFAC-Sanktionen

Am 10. September 2025 gaben die Erben von Villiger unter massivem Druck diesen Mitbesitzern ein Viertel des Unternehmens ab. Der Schlüssel lautet seither: 20 Prozent bei Villiger Söhne, 80 Prozent beim Habanos-Imperium. 

Die Beteiligungen laufen über eine eindrücklich verschachtelte internationale Struktur, siehe separate Datenseite:


(Grafik: finews; Klick öffnet Grafik in eigenem Tab)

Was damals noch niemand ahnte: Knapp fünf Wochen später sollte das US-Justizministerium eine Anklageschrift entsiegeln, die die kubanische Zigarrenwelt in eine schwere Krise stürzte.

Anteile von Imperial gekauft

Die Vorgeschichte beginnt bereits 2020. Imperial Brands, der in London börsenkotierte Zigaretten-Multi, trennt sich von seinem Premium-Zigarrengeschäft, darunter 50 Prozent an der Corporación Habanos S.A. – jenem kubanisch-spanischen Joint Venture, das das Weltmonopol auf den Export sämtlicher 27 in Kuba hergestellten Marken hält, darunter Cohiba, Montecristo, Partagás und Romeo y Julieta.

Käuferin für 1,04 Milliarden Euro ist die Allied Cigar Corporation in Madrid, hervorgegangen aus einer Vorratsgesellschaft namens Eldorado Directorship, finanziert über eine Hongkonger Gesellschaft und gehalten von einem Fonds auf den Kaimaninseln. Die Investoren bleiben (vorerst) anonym. Separat verkaufte Imperial das amerikanische Vertriebsende für weitere 185 Millionen an eine zweite Gesellschaft namens Gemstone Investment Holding.

Cyber-Betrugsfabriken, Geldwäscherei und Zwangsarbeit?

Wer hinter der Allied Cigar Corporation steht, bleibt länger im Dunkeln. 2020 fragte finews: «Who Are Cohiba's Mystery Buyers?»

Erst im Oktober 2022 machte Radio Free Asia bekannt, dass es sich beim Eigentümer um Chen Zhi handelt, Gründer der Prince Group, geboren in Fujian (China). Er verfügte zum Zeitpunkt seiner Sanktionierung über einen kambodschanischen, vanuatuischen, zypriotischen sowie einen Pass von St. Lucia.

Seine genaue Beteiligungsquote, 57,1 Prozent am Kopf der Struktur, wurde erst durch die US-Anklage bekannt. Ihm werden Cyber-Betrugsfabriken in Südostasien, Geldwäscherei und Zwangsarbeit zur Last gelegt; die Behörden beschlagnahmten Bitcoin im damaligen Wert von rund 15 Milliarden Dollar. Es ist die grösste Konfiskation der US-Justizgeschichte.

Multimillionen-Business mit Zigarren

Auch im Zigarren-Business geht es um viel Geld. Seinen Umsatz publiziert Habanos jedes Jahr am Festival del Habano, an dem finews letztmals im Februar 2025 zugegen war: zuletzt 827 Millionen Dollar für 2024.

Der Gewinn, der auf diesem Umsatz fusst, war bislang ein streng gehütetes Geheimnis. Die in Madrid hinterlegten Jahresrechnungen der Beteiligungsgesellschaften, in die finews Einsicht genommen hat, machen ihn nun erstmals sichtbar: Die Corporación Habanos erwirtschaftete 2024 einen Gewinn von 119,6 Millionen Euro bei einem Eigenkapital von 523 Millionen.

Rund 87 Prozent dieses Jahresgewinns wurden ausgeschüttet. Auf jede der beiden Seiten entfielen 52,3 Millionen Euro – nach 23,2 Millionen im coronabedingt schwachen Vorjahr. Noch profitabler ist der Vertrieb. Die Madrider Holding Altabana, an der ebenfalls beide Seiten je zur Hälfte beteiligt sind, konsolidierte 2024 einen Umsatz von 586,9 Millionen Euro und einen Gewinn von 174,1 Millionen – deutlich mehr als das Exportmonopol in Havanna.

chen zhi
Chen Zhi bei seiner Auslieferung an China im Januar 2026. (Screenshot von CCTV)

2024: Fast 300 Millionen Euro Gewinn

Altabana hielt, das zeigen die Jahresabschlüsse 2024, die Beteiligungen an den Länderimporteuren, und zwar weltweit: damals 55 (heute 80) Prozent an 5th Avenue im deutschen Waldshut, 50 Prozent an Intertabak in Pratteln, je 50 Prozent an Hunters & Frankau in London und an der Pacific Cigar Company in Hongkong (als grösste regionale Handelsgesellschaft im Imperium deckt sie den ganzen Raum Asien-Pazifik ab), 60 Prozent an Diadema in Mailand. Dazu kommen Paris, Lissabon, Brüssel, Amsterdam, Stockholm, Moskau, Buenos Aires, Toronto, Sofia, Andorra, Las Palmas und Santo Domingo — die meisten davon zu hundert Prozent.

Zusammengenommen warf die Kette damit fast 294 Millionen Euro Jahresgewinn ab: rund 120 Millionen beim Exporteur in Havanna, 174 Millionen im Ländervertrieb. Auf jede der beiden Joint-Venture-Seiten entfallen davon gut 113 Millionen, der Rest (67 Millionen Euro) auf die regionalen Joint-Venture-Partner wie Villiger in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Polen oder die von Sir David Tang (1954-2017) aufgebaute Tang Tobacco für Asien-Pazifik.

Investition nach Private-Equity-Drehbuch

Was nach der Übernahme 2020 folgte, trägt die Handschrift von Private Equity. Die Preise zogen im Jahr 2022 an: Für die Flaggschiffmarken wie Cohiba, Trinidad und die Premiumlinie 1935 von Montecristo wurden sie verdoppelt bis verdreifacht.

Auch die regionalen Vertriebspartner bekamen den neuen Geist zu spüren. Im Februar 2024 kündigte Habanos den Vertriebsvertrag mit 5th Avenue, um den Forderungen nach einem höheren Anteil an der Firma Nachdruck zu verleihen. Auch die Schweizer Intertabak erfuhr, ihre Zuteilung werde um 40 Prozent gekürzt – abwendbar, so hiess es damals, nur durch eine Änderung der Eigentümerstruktur. Eine solche hat allerdings nach allem, was bekannt ist, nicht stattgefunden.


Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Sanktionen den Weltvertrieb zerlegten und warum es Deutschland erwischt hat und die Schweiz nicht.