ETFs und aktive Strategien: Wo der Wachstumsschub zu erwarten ist

An der Schweizer Börse SIX betrug Ende Dezember 2025 die Gesamtzahl der kotierten ETF 2’099 Einheiten. Damit wurde die im zweiten Quartal 2025 erstmals übertroffene magische Grenze von 2’000 weiter ausgebaut.

ETFs boomen. Hans-Jörg Morath, Head ETF Sales im Asset Management der Zürcher Kantonalbank (ZKB), ist überzeugt: Der Sättigungspunkt ist noch längst nicht erreicht. Im Gegenteil. Nach seiner Einschätzung stehen wir am Beginn einer strukturellen Wachstumsphase. «Das geht noch weiter», sagt er im Gespräch mit finews.

Hans Jorg Morath

Hans-Jörg Morath, Head ETF Sales im Asset Management der Zürcher Kantonalbank (ZKB). (Bild: zVg)

ETF-Markt: Vom Profi-Tool zum Retail-Standard

Während Deutschland seit rund zehn Jahren als grösster ETF-Markt Europas gilt, begann die Erfolgsgeschichte erst viel später, genauer gesagt am 15. September 2020. 

Lange galten ETFs primär als Instrument für Portfolio-Manager zur effizienten Umsetzung von strategischer und taktischer Asset Allocation. Heute verzeichnet die Branche das stärkste Wachstum bei privaten Sparplänen. «Es kommen immer mehr private Sparer hinzu, die für ihre Altersvorsorge den Kapitalmarkt nutzen», sagt Morath.

Der wichtigste Unterschied zu Deutschland

Ein zentraler Treiber sei die verbesserte finanzielle Bildung. Digitale Kanäle, Social Media und Self-Education-Angebote erleichterten es Privatanlegern, sich eigenständig mit Portfolioaufbau, Diversifikation und Zinseszinseffekt auseinanderzuxsetzen. 

Gleichzeitig unterscheidet sich die Schweiz strukturell von Deutschland: Wer das steuerlich privilegierte 3a-Potenzial ausschöpft, investiert typischerweise erst danach in freie ETF-Sparpläne.

Markt wächst trotz Preisdruck weiter

Mit dem Marktwachstum verschärft sich der Wettbewerb. Neo-Broker bieten ETF-Sparpläne zu sehr tiefen Transaktionskosten an, teilweise faktisch kostenlos, abgesehen von den Produktkosten. Auch etablierte Banken bauen entsprechende Angebote aus.

Im passiven Bereich herrscht inzwischen auch hierzulande ein Verdrängungswettbewerb:  Margen-Erosion und Passivierung prägen das Asset Management seit Längerem. Morath betont jedoch: Der Markt wächst insgesamt. Es handelt sich nicht um ein Nullsummenspiel, sondern um eine Kombination aus Verdrängungswettbewerb und zusätzlichem Neugeldzufluss.

Der europäische ETF-Markt verzeichnete im vergangenen Jahr Zuflüsse von rund 400 Milliarden Dollar. Nach den ersten Monaten des laufenden Jahres liegt das Volumen bereits bei rund 100 Milliarden Dollar. Morath rechnet für Europa mit jährlichen Nettozuflüssen zwischen 500 und 600 Milliarden Euro, sofern die Dynamik anhält.

Aktive ETFs: Lancierungswelle mit Bewährungsprobe

Neben klassischen Indexprodukten gewinnen aktive ETFs an Bedeutung. In den Jahren 2024 und 2025 kamen europaweit über 50 neue aktive Produkte hinzu. Allein im Segment Aktien USA und Europa existieren inzwischen rund 20 Produkte mit dreijährigem Track Record.

Die entscheidende Phase beginnt nun: Performance-Historie aufbauen, Vertrauen schaffen und Investoren verständlich erklären, worin sich die Strategie vom Benchmark unterscheidet. «Der Kunde muss verstehen, in was er investiert», betont Morath. Aufklärung sei insbesondere bei komplexeren, nicht marktkapitalisierungsgewichteten Ansätzen zentral.

Für ihn ist das Zusammenspiel von passiven Core-Bausteinen und aktiven Satelliten weiterhin sinnvoll. In einem Core-Satellite-Ansatz könnten kosteneffiziente Indexprodukte mit taktischen, aktiven Strategien kombiniert werden – abhängig von Risikoprofil, Anlagehorizont und thematischen Präferenzen.

Nachhaltigkeit: Von der Mode zur Normalität

Nachhaltige Anlagestrategien sind laut Morath keine vorübergehende Modeerscheinung. Zwar habe sich der politische Diskurs teilweise abgekühlt, institutionelle Investoren hielten jedoch an ihren ESG-Vorgaben fest.

Bei Swisscanto entfielen im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Neugelder auf nachhaltige Strategien. «Das ist ein starkes Signal», sagt Morath. Nachhaltigkeit sei keine Randnotiz, sondern eine milliardenschwere Nische mit strukturellem Wachstum.

Themen und Trends: Edelmetalle, Small Caps, Emerging Markets

Neben dem strukturellen ETF-Wachstum identifiziert Morath mehrere taktische Schwerpunkte: Edelmetalle: Gold und Silber verzeichneten zuletzt eine starke Performance, begleitet von Gewinnmitnahmen. Die Anlageklasse bleibe attraktiv, auch über ETF-Lösungen, wie beispielsweise der physisch hinterlegte Gold-ETF, der Swisscanto vor zwanzig Jahren in Europa als erster seiner Art lancierte.

Small und Mid Caps: Nach der starken Entwicklung von Large Caps könnten kleinere Unternehmen wieder stärker in den Fokus rücken.

Emerging Markets: Schwellenländeraktien gewinnen erneut an Aufmerksamkeit.

Thematische Investments: Nach dem AI-Boom rücken neue langfristige Trends ins Blickfeld, darunter Healthy Longevity. Die ZKB lancierte 2024 mehrere aktive, auf nachhaltige Investmentthemen ausgerichtete Fonds.

Thematische Strategien erfordern laut Morath Geduld. Langfristige Megatrends unterliegen kurzfristigen Schwankungen – entscheidend sei ein entsprechender Anlagehorizont.