«Die meisten Boards sind für KI nicht ausreichend vorbereitet»

Postenschacher haben es schwer. Der Druck auf Verwaltungsräte im Schweizer Finanzsektor nimmt deutlich zu. Was lange als prestigeträchtige Nebenbeschäftigung galt, entwickelt sich zu einer hochprofessionellen und risikobehafteten Aufgabe.

Arnaud Tesson, ehemaliger Partner und Leiter der US Asset Management Practice bei Egon Zehnder und heute unabhängiger Governance-Berater und Senior Advisor bei eleway, beobachtet einen strukturellen Wandel: «Boards werden kleiner, fokussierter und deutlich professioneller. Es geht nicht mehr darum, viele Mandate zu sammeln, sondern wenige – dafür mit der nötigen Tiefe.» 

Bei grossen Unternehmen wurden die Rekrutierungsprozesse schon seit geraumer Zeit professionalisiert. Mittlerweile lässt sich der Wandel aber auch bei den Asset Management Firmen beobachten. «Die Erwartungen an Verwaltungsräte sind gestiegen: regulatorisch, aber auch gesellschaftlich», sagt Tesson, der in der Schweiz für Board & Executive Search-Spezialisten Eleway tätig ist.

Neue Profile statt grosser Namen

Ein zentraler Treiber ist die zunehmende persönliche Haftung. Spätestens nach dem Zusammenbruch der Credit Suisse sei klar geworden, dass Fehlentscheide konkrete Konsequenzen für einzelne Verwaltungsräte haben können. «Das verändert die Bereitschaft, Mandate zu übernehmen – und zwingt Boards dazu, die richtigen Profile zu finden und angemessen zu vergüten.»

Parallel dazu verändert sich die Suche nach geeigneten Kandidaten grundlegend. Während früher vor allem ehemalige CEOs und bekannte Persönlichkeiten gefragt waren, rücken heute andere Qualitäten in den Fokus.

«Es geht weniger um grosse Namen und mehr um die Fähigkeit, kritisch zu denken, unabhängig zu agieren und auch unbequeme Fragen zu stellen», betont Tesson. Gefragt seien Persönlichkeiten mit operativer Tiefe – etwa aus den Bereichen Technologie, Operations oder Vertrieb – sowie Kandidaten mit internationalem Hintergrund.

Zudem erweitere sich der Talentpool deutlich:

  • stärkere Einbindung internationaler Kandidaten
  • mehr Frauen in Verwaltungsräten
  • gezielte Öffnung für jüngere Profile

«Allein durch diese Diversifizierung vergrössert sich der Pool erheblich», so Tesson.

KI als neue Herausforderung für Boards

Eine der grössten Baustellen sieht Tesson in der technologischen Kompetenz von Verwaltungsräten. Insbesondere im Umgang mit künstlicher Intelligenz bestehe erheblicher Nachholbedarf.

«Die meisten Boards sind heute nicht ausreichend vorbereitet, um KI-getriebene Entscheidungen zu überwachen», warnt er. Gleichzeitig wachse die Abhängigkeit von algorithmischen Systemen in Bereichen wie Risk, Compliance oder Portfoliomanagement.

Gefragt seien sogenannte «T-shaped profiles» – also Verwaltungsräte mit spezifischer Fachkompetenz, aber gleichzeitig breitem Verständnis für strategische und Governance-Themen.

«Es reicht nicht, einen einzelnen Technologieexperten im Gremium zu haben», so Tesson. «Das gesamte Board muss in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen.»

Schweiz bleibt sicherer Hafen – aber im Wandel

Trotz aller Umbrüche sieht Tesson den Schweizer Finanzplatz weiterhin gut positioniert. «Die Schweiz bleibt ein sicherer Hafen für Investoren, aber die Gründe dafür verändern sich.»

Während früher Diskretion und Stabilität im Vordergrund standen, rücken heute Governance-Qualität, Transparenz und Entscheidungsstärke stärker in den Fokus.

«Die Zukunft des Finanzplatzes wird weniger durch traditionelle Stärken geprägt sein als durch die Qualität seiner Führungsgremien», sagt Tesson. «Und genau dort entscheidet sich, ob die Transformation gelingt.»