«Finanzielle Abhängigkeit ist grobfahrlässig» – warum Frauen im Alter verlieren

Es ist eine Zahl, die aufhorchen lässt: Frauen in der Schweiz erhalten im Alter rund 20'000 Franken weniger Rente pro Jahr als Männer. Dies zeigt eine Studie von Swiss Life aus dem Jahr 2023.  Im Gespräch mit finews sagt Marion Koch, Leiterin des Anlagegeschäfts für Privatkunden bei Swiss Life, auch gleich den entscheidenden Satz dazu: «Der Gender Pension Gap ist kein Wissensproblem, sondern ein strukturelles.»

Die Lücke beginnt lange vor der Pension

Gemeint ist ein Nachteil, der nicht erst bei der Pension sichtbar wird, sondern sich über Jahre aufbaut. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, unterbrechen ihre Erwerbsbiografie öfter und übernehmen noch immer einen grösseren Teil der unbezahlten Care-Arbeit. «Wenn man weniger arbeitet, hat man weniger Einzahlungen in die erste und zweite Säule und kann somit im Alter weniger Geld für die Pension daraus ziehen», sagt Koch. Wer weniger einzahlt, kann meist auch weniger sparen, weniger privat vorsorgen und seltener investieren.

Darin liegt für sie der Kern des Problems. «Frauen können weniger in der dritten Säule sparen und somit auch weniger von Steueroptimierungen profitieren», sagt sie. «Und die Möglichkeit, Geld zu investieren, fällt dann ebenfalls weg.» Der Gender Pension Gap ist für Koch deshalb nicht bloss eine Kennzahl, sondern das Resultat vieler kleiner Verschiebungen, die sich mit der Zeit zu einer grossen Lücke summieren.

Teilzeit kostet doppelt

Besonders eindringlich spricht sie über Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüche. Vielen Frauen sei durchaus bewusst, dass ein reduziertes Pensum Ende Monat weniger Lohn bedeutet. Weniger präsent seien dagegen die langfristigen Folgen.

«Viele Frauen unterschätzen massiv, dass Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüche nicht nur kurzfristige Auswirkungen auf ihre finanzielle Situation haben», sagt Koch. Was heute nach einem pragmatischen Lebensmodell aussieht, kann sich Jahre später in Form von Vorsorgelücken, tieferen Renten und geringerer finanzieller Eigenständigkeit bemerkbar machen.

Die trügerische Sicherheit der Ehe

Hinzu komme eine Sicherheit, die oft mehr gefühlt als real sei: jene der Ehe. Verheiratete Frauen mit Kindern schätzten ihre finanzielle Lage im Alter häufig optimistischer ein als nicht verheiratete Mütter. «Hier sehen wir die gefühlte finanzielle Sicherheit von Ehe», analysiert Koch. Doch sie hält dagegen: «Ehe ist eigentlich eine rechtliche Einheit und keine finanzielle.» Gerade angesichts hoher Scheidungsraten sei es problematisch, wie selten Paare konkret darüber sprächen, was mit Einkommen, Vermögen und Vorsorgeansprüchen im Fall einer Trennung geschieht.

«Diese finanzielle Abhängigkeit ist grobfahrlässig», sagt sie. Dahinter steht kein moralischer Vorwurf, sondern die Beobachtung, dass finanzielle Verantwortung in vielen Beziehungen noch immer ungleich verteilt ist. Wer sich nicht selbst mit den eigenen Finanzen beschäftigt, gibt auch ein Stück Kontrolle über das eigene Leben aus der Hand.

Was Mädchen früh nicht lernen

Umso wichtiger ist für Koch die finanzielle Bildung. Sie sei in der Schweiz «auf der einen Seite eines unserer grössten Defizite, auf der anderen Seite einer der grössten Hebel, den wir haben». Das Problem beginne nicht erst im Erwachsenenalter, sondern viel früher – auch in der gesellschaftlichen Prägung. «Ich glaube, man spricht mit Mädchen und Jungen über andere Themen», sagt sie. Mit Knaben werde eher über grössere Anschaffungen, Geld oder Investitionen gesprochen, mit Mädchen deutlich seltener. Daraus entstehe früh ein Ungleichgewicht beim Wissen und beim Zutrauen.

Koch beschreibt das nicht als biologische, sondern als soziale Prägung. Knaben kämen oft früher mit Finanzthemen in Berührung, während Mädchen seltener ermutigt würden, sich mit Geld, Anlage oder Vorsorge auseinanderzusetzen. Dieses Muster ziehe sich später weiter: Frauen trauten sich beim Investieren häufig weniger zu, auch wenn sie nicht zwingend weniger kompetent seien. Dahinter stehe oft weniger ein objektiver Mangel an Wissen als das subjektive Gefühl, nicht genug zu wissen, um überhaupt anzufangen.

Frauen investieren besser als ihr Ruf

Gerade deshalb greife auch das Klischee von der zurückhaltenden Investorin zu kurz. «Wenn Frauen sich entschliessen zu investieren, sind sie oftmals die besseren Investorinnen, weil sie ihrer Investmentstrategie langfristig treu bleiben», hält Koch fest.

Männer neigten eher dazu, den Markt aktiv timen zu wollen. Frauen blieben häufig disziplinierter – und profitierten gerade deshalb langfristig. «Man wird nie den tiefen Punkt erwischen und auch nie den hohen Punkt erwischen.»

Anderssein als Vorteil

Für Koch ist Female Finance deshalb weit mehr als ein Marketingbegriff. «Female Finance bedeutet für mich, Frauen zu befähigen, Kontrolle über ihre Finanzen zu haben», betont sie. Mit der Initiative «SelbstMacherinnen» will Swiss Life dazu beitragen, diese Hürden zu senken – durch mehr Wissen, Beratung und einen Rahmen, in dem Fragen gestellt werden können, ohne sich zuerst als Expertin fühlen zu müssen.

Dass Koch das Thema mit solcher Deutlichkeit vertritt, hat auch mit ihrem eigenen Werdegang zu tun. Sie kommt nicht aus der klassischen Ökonomie, sondern aus der Naturwissenschaft: Sie studierte und promovierte an der ETH und wurde Molekularbiologin. Gerade dieser untypische Weg habe sie gelehrt, ihr Anderssein als Stärke zu nutzen. Sie habe früh gemerkt, dass sie andere Fragen stelle, anders auf Daten schaue und gerade damit etwas ins Team einbringen könne.

Jungen Frauen rät sie deshalb, sich möglichst viel Wissen anzueignen, ein gutes Netzwerk aufzubauen und mutig zu sein. Wer fachlich stark sei, Beziehungen pflege und bereit sei, in die Offensive zu gehen, könne «ganz viel erreichen – wenn nicht alles».