Jauch entdeckt: Earl Grey jenseits des Klischees

Mit Philippe Scholl verbindet mich keine klassische Business-Story, sondern etwas, das in der Schweiz oft nachhaltiger ist als jeder Networking-Event: ein gemeinsamer Kontext aus früheren Jahren.

Ich kenne Philippe aus meiner Sportzeit in Schaffhausen, damals war er bei einer örtlichen Luxus-Uhren-Marke tätig – diese Welt aus Präzision, Ritual und dem Blick fürs Detail hat zu ihm gepasst, lange bevor Tee überhaupt ein Thema war. Später zog er nach Biel, der Kontakt blieb lose, eher als Linie im Hintergrund als ein regelmässiger Austausch.

Präzision, Rohstoff und Stil

Bevor Philippe ins Tee-Business einstieg, war er lange bei Nespresso. Und irgendwo in dieser Zeit gab es einen dieser spontanen Abende, die man nicht plant, die aber hängen bleiben: Ich stand plötzlich als eine Art Barkeeper fürs Team hinter der Bar und mixte Rum-Espressi Martini – nicht aus Konzept, sondern weil es manchmal reicht, wenn jemand den Moment in die richtige Richtung schiebt.

Aus heutiger Sicht ist es nur konsequent, dass Philippe irgendwann bei Tee gelandet ist: auch dort geht es um Präzision, um Rohstoff, um Stil – und um die Fähigkeit, etwas so auszubalancieren, dass es nicht nach Show schmeckt, sondern nach spezieller Handschrift.

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Green Earl Grey von Avantcha. (Bild: Avantcha)

Meine Entdeckung in Dubai

Als wir uns dann nach einiger Zeit wieder trafen, war Tee plötzlich Thema und Mission. Philippe sagte irgendwann sinngemäss: «Du musst Markus kennenlernen.» Gemeint war Markus Zbinden, der Schweizer Gründer, der Avantcha seit über zehn Jahren aus Dubai herausführt – und Tee mit einer Ernsthaftigkeit denkt, die man sonst eher aus der Weinwelt kennt: Herkunft, Handwerk, Ritual, Präzision.

finews hat die Geschichte rund um Zbinden und Avantcha bereits früher erzählt; wer tiefer einsteigen will, findet dort den Kontext.

Das Problem des Parfüms

Diese Vorgeschichte erklärt auch, warum ich bei Avantcha immer besonders genau hinschaue. Tee ist eine Kategorie, in der viel über Duft verkauft wird – und genau deshalb stolpere ich regelmässig über ein Thema, das für viele selbstverständlich ist, für mich aber oft anstrengend wird: Earl Grey.

Ich mag nur sehr wenige Earl Grey Tees. Nicht, dass ich Zitrus nicht schätze – im Gegenteil –, mehr, weil die Bergamotte in vielen Blends eine Eigenschaft hat, die mich an Parfüm erinnert: Sie steht im Vordergrund, sie will gefallen, sie füllt den Raum, bevor das Blatt überhaupt die Chance bekommt, eine eigene Stimme zu entwickeln. In der Tasse ist dann viel «Aroma» und wenig «Tee», und ich merke nach zwei, drei Schlucken, dass mein Kopf längst ausgestiegen ist.

Seltene Balance

Umso überraschender ist es, wenn ein Tee ausgerechnet Green Earl Grey heisst – und mich trotzdem abholt. Beim Green Earl Grey von Avantcha gefällt mir neben der Idee, dass Earl Grey «neu» interpretiert wird, v.a. die schlichte Tatsache, dass das Blend eine Balance trifft, die selten ist: Die Bergamotte ist da, aber sie übernimmt nicht; sie setzt einen Akzent, ohne den Tee zu übermalen.

Der grüne Tee bleibt sichtbar, mit seiner Frische, seiner klaren Linie und dieser feinen Herbe, die gute Grüntees nicht bitter, sondern präzise macht. Dadurch wirkt die Zitrusnote eher wie Zeste als eine Duftwolke, und plötzlich entsteht genau das, was ich bei Earl Grey sonst vermisse: ein Tee, der über Stimmigkeit funktioniert.

Earl Grey – Next Level

Das zeigt sich ganz banal in meinem Alltag: ich trinke fast jeden Tag eine Tasse des Green Earl Grey, meist als zweite Tasse Tee. Ich lasse ihn drei Minuten ziehen, weil dort für mich die Balance beginnt: so kommt genug Struktur vom Blatt des Grüntees zum Vorschein. Wenn ein Produkt den Weg in die Routine findet, ist das ein sehr ehrliches Qualitätsurteil.

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Frischer und aufgeräumter Finish. (Bild: Avantcha)

Das Komische an Genuss ist ja ohnehin, dass er sich selten an unsere eigenen Kategorien hält. Als ich meiner Freundin – einer bekennenden Earl-Grey-Liebhaberin – erzählte, dass ich kaum Earl Greys mag, musste sie lachen und wies mich darauf hin, dass im Green Earl Grey das Earl Grey ja schon im Namen steht.  Dieser kurze Moment hat das Thema besser beschrieben als jede Theorie: Der Kopf liest Begriffe, bewertet vorab und macht Schubladen auf, während der Gaumen häufig viel schneller versteht, ob etwas trägt oder nicht. Genuss geht eben nicht über Etiketten…

Ohne süssliche Aromawolke

In der Tasse zeigt sich der Tee als helles, sauber gebautes Blend. In der Nase ist Zitrus präsent, und gleichzeitig kontrolliert; am Gaumen wirkt der Tee klar, leicht und dennoch strukturiert, weil die Grüntee-Basis nicht verschwindet. Das Finish bleibt frisch und aufgeräumt, ohne diese süssliche Aromawolke, die viele aromatisierte Tees hinterlassen.

In einem Satz: Ein Earl Grey für Menschen, die Earl Grey sonst zu laut finden – und die lieber Tee trinken als Duft.


Genuss-Tool: So brühen Sie ihn, damit die Balance bleibt

Wenn ein Blend über Ausgewogenheit funktioniert, kann man beim Brühen viel zerstören – meist nicht durch die Dosierung, sondern durch zu heisses Wasser und zu lange Zeit des Ziehenlassens. Wer den Tee so erleben will, wie er gedacht ist, fährt mit einer eher präzisen, ruhigen Zubereitung am besten.

… Wasser: eher weich bis mittel, weil hartes Wasser Grüntee schnell stumpf macht und Bitterkeit betont.
… Temperatur: 75–80°C. Je heisser, desto eher kippt es ins Herbe – und desto schneller wirkt Bergamotte wieder parfümiert.
… Dosierung: 2–2.5 g pro 200 ml als Startpunkt.
… Ziehzeit: 3 Minuten als verlässlicher Sweet Spot, wenn Sie die Balance zwischen Struktur und Eleganz suchen; wer es noch leichter mag, startet bei 2 Minuten und tastet sich heran.
… Zweiter Aufguss: lohnt sich, wenn Sie ihn noch klarer mögen; häufig wirkt der zweite Aufguss «aufgeräumter», weil die Aromatik noch besser in die Struktur findet.

Jauch-Fazit

Der Green Earl Grey von Avantcha ist für mich eine dieser stillen Entdeckungen. Er zeigt, dass ein Klassiker-Profil nicht lauter werden muss, um modern zu wirken. Er erinnert mich daran, wie oft wir Geschmack mit Begriffen verwechseln, bis uns eine Tasse das Gegenteil beweist.

Wer Earl Grey liebt, findet hier eine hellere, feinere Lesart; wer Earl Grey sonst meidet, bekommt vielleicht zum ersten Mal das Gefühl, dass Bergamotte nicht Parfum sondern ein sauber gesetzter Akzent sein kann.

Der Green Earl Grey ist erhältlich bei Avantcha (19 Franken / 100 Gramm)


«Jauch entdeckt»: Die zweiwöchentliche finews-Kolumne, in der Peter Jauch Champagner und andere Genussmittel präzise einordnet und mit Praxis-Tipps ergänzt.