Zwischen Zug und Sizilien: Wie Amarcord auf Handwerk statt Modetrends setzt
Die Boutique von Amarcord liegt etwas versteckt in der Zuger Altstadt. Wer eintritt, steht zunächst zwischen Anzügen, Sakkos und Hemden, die ordentlich entlang der Wände präsentiert werden. Trotz der edlen Stoffe und der Welt der italienischen Schneiderkunst wirkt das Geschäft nicht elitär, sondern zugänglich und persönlich mit einer entspannten Atmosphäre. Eine Wendeltreppe führt ins obere Stockwerk zur Damenkollektion, die das Unternehmen erst im vergangenen Dezember lanciert hat.
Die Erinnerung an bessere Sonntage
Hinter Amarcord stehen die Geschwister Keren Naldi Torsello und Samuel Naldi. Sie gründeten das Unternehmen 2016 mit dem Anspruch, italienische Schneiderkunst und Schweizer Servicekultur zusammenzubringen. Bereits der Name verweist auf die Wurzeln der Marke: «Amarcord» stammt aus einem italienischen Dialekt und bedeutet sinngemäss «ich erinnere mich». Die Inspiration dazu lieferte der Grossvater der beiden.
«Die leicht melancholische Erinnerung an die Eleganz unseres Grossvaters war eine wichtige Inspiration», sagt Mitgründerin Keren Naldi Torsello gegenüber finews. Obwohl dieser nicht wohlhabend gewesen sei, habe er grossen Wert auf sein Erscheinungsbild gelegt. Selbst der Sonntagsanzug für den Kirchenbesuch sei damals etwas Besonderes gewesen – vom Schneider gefertigt und über viele Jahre getragen.
Das Auge hinter Amarcord
Die Begeisterung für Mode begleitet Keren Naldi Torsello schon seit ihrer Kindheit. Nach der Schule habe sie oft stundenlang die Runways grosser Modemarken verfolgt und dabei früh ein Gespür für Proportionen, Materialien und Verarbeitung entwickelt. «Qualität konnte ich erstaunlich früh erkennen – oder eben auch, wenn sie fehlte», erinnert sie sich zurück.

Das Gesicht hinter Amarcord: Keren Naldi Torsello. Zusammen mit ihrem Bruder Samuel gründete sie 2016 die Modemarke. (Bild: zVg)
Besonders angetan hat es ihr die klassische Schneiderkunst. Ein gut gemachter Anzug vermittle Präsenz, Persönlichkeit und Respekt. Gleichzeitig sei die sogenannte Sartoria eines der letzten Modehandwerke, in denen bis heute viele Arbeitsschritte von Hand ausgeführt würden. Gerade diese Verbindung aus Ästhetik, Handwerk und Kultur faszinierte sie bis heute.
Zwischen Zug und Sizilien
Zeitlosigkeit, Qualität und Langlebigkeit bilden die zentralen Werte der Marke. Die Kleidungsstücke sollen nicht nur eine Saison überdauern, sondern auch noch Jahre später ihren Platz im Kleiderschrank haben. Dieser Gedanke präge sowohl die Massanfertigungen als auch die Ready-to-Wear-Kollektionen. Neben klassischen Konfektionsgrössen bietet Amarcord weiterhin individuelle Massschneiderei an. Damit will das Familienunternehmen die traditionelle Schneiderkunst wieder stärker ins Bewusstsein rücken.
Ein grosser Teil der Kollektionen entsteht in einem eigenen Atelier in Sizilien. Dort fertigen neun Mitarbeitende Massanzüge sowie Teile der Ready-to-Wear-Linie. Zahlreiche Arbeitsschritte werden nach wie vor von Hand ausgeführt – vom Zuschnitt über das Einsetzen der Ärmel bis hin zu den letzten Stichen im Finish.
Wie eine zweite Haut
«Wenn nur wenige Menschen an einem Kleidungsstück arbeiten, fliesst automatisch ein Teil ihrer Persönlichkeit hinein», ist Naldi Torsello überzeugt. Die Nähe zum Handwerk unterscheide Amarcord von vielen Luxusmarken. Während dort häufig Marketing und Skalierung im Vordergrund stünden, setze das Zuger Familienunternehmen auf eine enge Verbindung zwischen Atelier und Kundschaft.
Was einen guten Anzug ausmacht? Für Naldi Torsello sind es in erster Linie die richtigen Proportionen. Erst danach kämen Balance, Komfort und Verarbeitung. Der perfekte Anzug fühle sich wie eine zweite Haut an und solle die Persönlichkeit seines Trägers unterstreichen, statt sie zu überdecken. Kleidung verstehe sie nicht als Verkleidung, sondern als Tool, das Selbstvertrauen und Präsenz vermitteln könne.

(Bild: zVg)
Die Farbe des Sommers
Die neue Sommerkollektion ist bereits die dritte Ready-to-Wear-Linie der Modemarke. Für die aktuelle Saison haben die Verantwortlichen die gesamte Kollektion um eine Farbe und ein Material aufgebaut: Korall und Leinen.
«Korall gilt als eine der prägenden Trendfarben des Jahres und soll Frische sowie Lebendigkeit in die Garderobe bringen», erläutert Naldi Torsello. Beim Material fiel die Wahl auf Leinen – ein Stoff, der polarisiert. «Leinen wird von manchen geliebt und von anderen gehasst», führt sie weiter aus. Deshalb wolle Amarcord zeigen, wie moderne Stoffentwicklung traditionelle Materialien weiterentwickeln könne.
Zum Einsatz kommen Leinenstoffe, die mit Aloe Vera behandelt werden. Dadurch wird das Material deutlich weicher und angenehmer auf der Haut, ohne seine natürlichen Eigenschaften zu verlieren. Das charakteristische Knittern bleibe zwar bestehen, sei jedoch Teil des Charmes. «Leinen war bereits vor über 5000 Jahren ein Symbol für Reichtum, Status und Reinheit», erklärt Naldi Torsello.
Die Garderobe als Visitenkarte
Die Kollektion soll ein Gefühl vermitteln, das in Italien als «Sprezzatura» bezeichnet wird – eine scheinbar mühelose Eleganz, die Komfort und Stil miteinander verbindet.
Zu der Kundschaft von Amarcord gehören nach Angabe von Naldi Torsello zahlreiche Unternehmer, Führungskräfte sowie Persönlichkeiten aus der Finanzbranche. Nicht wenige von ihnen liessen sich über Jahre hinweg begleiten und ihre Garderobe gezielt zusammenstellen. Dabei gehe es weniger um kurzfristige Modetrends als um Kleidung, die Professionalität, Beständigkeit und Persönlichkeit ausstrahlt.

Massgeschneiderte Anzüge und klassische Herrenschneiderei bilden nach wie vor das Herzstück der Marke Amarcord. (Bild: zVg)
Neu auch Damenmode
Neben der Herrenmode baut Amarcord auch sein Angebot für Frauen weiter aus. Seit Dezember vergangenen Jahres führt das Unternehmen eine eigene Damenkollektion. Das Sortiment ist zwar noch kleiner als jenes für Männer. Die Resonanz der Kundinnen sei bislang jedoch positiv.
Amarcords Damenlinie basiert auf klassischen Codes der Herrenschneiderei, die an die weibliche Silhouette angepasst werden. So entstehen Blazer ab 1'090 Franken und Hosen ab 480 Franken. Massgeschneiderte Herrenanzüge beginnen bei rund 2'500 Franken.
Von Zug nach Zürich
Die Entwicklung des Unternehmens soll in den kommenden Monaten weitergehen. Geplant sind ein eigener Onlineshop sowie ein zusätzlicher Standort in Zürich.
«Viele Kunden ausserhalb von Zug möchten Zugang zu unseren Kollektionen erhalten», sagt die Mitgründerin. Der digitale Vertrieb soll deshalb die Reichweite erhöhen, ohne den persönlichen Charakter der Marke aufzugeben.
Keren Naldi Torsello sieht in Zürich grosses Potenzial. Die Stadt verfüge über eine internationale Kundschaft, die Wert auf Qualität, Handwerk und persönliche Beratung lege.














