«Banken, die jetzt nicht handeln, werden in grosse Probleme kommen»
Alle reden über künstliche Intelligenz. Banken starten Pilotprojekte, automatisieren erste Prozesse und experimentieren mit neuen Anwendungen. Doch reicht das? Nein, sagt Salomon Wettstein. Der CEO des Beratungs- und Technologieunternehmens Synpulse8 ist überzeugt: Viele Banken unterschätzen, mit welcher Geschwindigkeit KI ihr Geschäft verändern wird.
Ein bisschen ChatGPT, effizientere E-Mails und automatisierte Compliance-Prozesse – für Wettstein greift das zu kurz. Künstliche Intelligenz dürfe nicht länger bloss als zusätzliches Werkzeug betrachtet werden. Sie habe das Potenzial, ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf zu stellen.
Gefährliche Lücke
Das Problem beschreibt Wettstein als «AI Adoption Gap»: Die technologischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant, während viele Finanzinstitute bei der Umsetzung kaum Schritt halten können.
Gerade Banken befinden sich dabei in einer schwierigen Ausgangslage. Sie operieren in einem stark regulierten Umfeld und können es sich nicht leisten, neue Technologien unkontrolliert einzusetzen. Dennoch dürfe die Regulierung nicht zur Ausrede werden, die notwendige Transformation hinauszuzögern.
Banken müssten jetzt den Schritt von einzelnen Experimenten hin zu einer konsequenten «AI First»-Strategie vollziehen.
Die Zeit drängt. «Die Banken, die das in den nächsten zwei, drei Jahren nicht machen, werden in grosse Probleme kommen», warnt Wettstein im Podcast.
Onboarding in 30 Minuten
Wie tiefgreifend der Wandel ausfallen könnte, zeigt sich besonders im Private Banking. Ein Kunden-Onboarding, das heute Wochen oder Monate beansprucht, könnte künftig während eines einzigen Beratungsgesprächs weitgehend automatisiert werden.
KI-Agenten hören mit, analysieren die finanzielle Situation des Kunden, ermitteln Risikoprofil und Herkunft des Vermögens und bereiten im Hintergrund die notwendigen Schritte vor. Am Ende des Gesprächs steht das fertige Kundenprofil – und im Idealfall fehlt nur noch die Unterschrift.
Statt drei oder vier Monate könnte der gesamte Prozess 30 Minuten dauern.
Kundenberater müssen umdenken
Damit verändert sich auch das Berufsbild des Kundenberaters. Relationship Manager müssen künftig nicht nur Finanzprodukte und Prozesse beherrschen, sondern verstehen, wie sie KI-Agenten richtig einsetzen.
Für Wettstein gehört die Qualifizierung der Mitarbeitenden deshalb zu den dringendsten strategischen Aufgaben der Banken. Würde er heute eine Privatbank führen, wäre eine auf 24 Monate angelegte «AI First Banking Initiative» seine oberste Priorität.
Parallel dazu würde er ein Programm lancieren, um Kundenberater und andere Schlüsselmitarbeitende konsequent für den Einsatz von KI zu qualifizieren.
Der entscheidende Trumpf der Schweiz
Den Finanzplatz Schweiz sieht der international tätige Schweizer dennoch gut positioniert. Wettstein lebt in Hongkong und kennt damit sowohl die asiatische als auch die europäische Finanzindustrie aus nächster Nähe.
Zwar hat Hongkong die Schweiz inzwischen als grösstes Offshore-Finanzzentrum überholt. Für Wettstein war diese Entwicklung angesichts der deutlich höheren Wachstumsraten in Asien absehbar.
Doch im globalen Wealth Management verfüge die Schweiz weiterhin über einen Wettbewerbsvorteil, der sich nicht einfach kopieren lasse: Vertrauen.
Über Jahrzehnte sei eine Kultur entstanden, die internationale Vermögende weiterhin in die Schweiz ziehe. Dazu gehörten nicht nur die Banken, sondern auch die politische und wirtschaftliche Stabilität des Landes.
Im Podcast spricht Wettstein auch über die strategische Weiterentwicklung von Synpulse, was Banken von Neobanken lernen können und weshalb die nächste Disruption bereits wartet.
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