«Ein gutes Unternehmen läuft auch zwei Monate ohne den Chef»

Von Gregor Waser

Herr Wittwer, Sie haben sich als Generaldirektor des TCS für zwei Monate auf einen Roadtrip durch Südamerika verabschiedet. Viele CEOs würden sich das kaum zutrauen. Warum war das möglich?

Für die Südamerika-Reise konnte ich ein Sabbatical nutzen, das man beim TCS nach einigen Jahren beziehen kann – und wir waren zwei Monate unterwegs. Das ist aber die absolute Ausnahme. Ich habe nicht mehr Ferien als andere Mitarbeitende. Die Afrika-Trips dauerten jeweils drei Wochen. Auf Instagram wirkt es oft, als wären wir ständig unterwegs, weil ich das Material einer Reise über Monate hinweg portioniere.

Organisatorisch glaube ich, dass wir die Rolle des Managers oft überschätzen. Als ich Student war, habe ich für meine Doktorarbeit den Bankier Hans Julius Bär interviewt. Er zeigte auf sein Telefon und sagte: «Ich habe das teuerste Telefon der Firma, aber ich bin der, der es am wenigsten benutzt.»

Wenn beim TCS die Patrouilleure wegen einer Grippewelle ausfallen, haben wir ein Problem. Wenn die Manager Grippe haben, läuft die Organisation trotzdem weiter.

Wenn beim TCS die Patrouilleure wegen einer Grippewelle ausfallen, haben wir ein Problem. Wenn die Manager Grippe haben, läuft die Organisation trotzdem weiter. Unsere Aufgabe als Führungskräfte ist es, die Richtung vorzugeben, die Einheiten zu koordinieren und den Mitarbeitenden den Rücken freizuhalten, damit sie selbstständig entscheiden können. Ein gutes Unternehmen läuft auch mal zwei Monate ohne die Spitze. Dank moderner Satellitentechnik wie Starlink und InReach bin ich im absoluten Notfall ohnehin erreichbar und kann mich wie aus dem Homeoffice dazuschalten.

Was macht für Sie den persönlichen Reiz des Overlandens, das heisst eine längere Reise mit einem geländegängigen Fahrzeug, aus?

In der Schweiz leben wir in einer Komfortblase. Alles ist geregelt, sicher und organisiert. Als CEO ist man zudem von Teams umgeben, die einem vieles abnehmen. Das Overlanden ist der bewusste Ausbruch aus dieser Sicherheit. Wenn man mitten in den Anden oder in der Wüste völlig auf sich allein gestellt übernachtet, spürt man eine ganz andere Verbindung zu sich selbst und zur Welt.

Es relativiert auch die eigenen Sorgen. Wenn man zurückkommt, sieht man die täglichen Problemchen in einem ganz anderen Licht. Es bringt eine tiefe Dankbarkeit zurück – auch für kleine Dinge. Wenn man wochenlang mit einer begrenzten Menge Wasser im Auto auskommen musste – ich weiss, dass ich mit acht Litern duschen und Haare waschen kann –, sieht man die Welt anders. Man sollte nie vergessen, dass für viele Menschen auf dieser Welt acht Liter sauberes Wasser ein absoluter Luxus sind.

Woher kommt diese Leidenschaft für das Reisen abseits der Zivilisation?

Ich bin in Ouagadougou in Burkina Faso aufgewachsen. Damals konnte man die Sahara noch über die Algerien-Route durchqueren, und Ouagadougou war die erste grössere Stadt nach der Wüste. Wenn ich als Zehnjähriger ein Auto mit Schweizer Nummernschild sah, bot ich den Reisenden an, bei uns im Garten zu übernachten und wieder einmal zu duschen. Mein Traum war es immer, diese Sahara-Durchquerung irgendwann selbst zu machen.

Später, mit Karriere und Familie, rückte dieser Traum zunächst in den Hintergrund. Vor einigen Jahren traf ich im Club zum Rennweg in Zürich Thomas Gutzwiller, den ehemaligen HSG-Professor. Er erzählte mir, dass er gerade ein Fahrzeug für eine Wüstendurchquerung vorbereitete, und fragte: «Möchtest du mitkommen?» Wir kannten uns vorher kaum. Als ich ihn zum dritten Mal in meinem Leben sah, stieg ich in seinen Toyota Land Cruiser, und wir fuhren über 9’000 Kilometer durch Marokko, Mauretanien, Senegal, Mali, Burkina Faso bis nach Ghana. Seitdem lassen mich solche Reisen nicht mehr los.


Wittwer auf dem Jujuy Salt Lake Argentinien. (Bild: zVg)

Viele kennen Sie als TCS-Chef, auf Instagram aber als @vanlifecoco. Erzählen Sie uns von Ihrem Expeditionsfahrzeug.

Ich habe seit einigen Jahren ein eigenes Fahrzeug. Im Gegensatz zu klassischen Campern, die für Campingplätze gedacht sind, fahre ich ein Expeditionsfahrzeug, das für das Overlanden konzipiert wurde – also für lange Reisen abseits der gewohnten Infrastruktur. Es ist völlig autark, verfügt über Solarzellen, einen übergrossen Dieseltank und ein dreifach gefiltertes Wassersystem. Alles, was man braucht, um durch Lateinamerika oder Afrika zu reisen.

Auf welcher Basis wurde das Fahrzeug gebaut?

Der Ursprung ist ein serienmässiger Mercedes Sprinter Lieferwagen mit Allradantrieb. Darauf kommt eine Wohnkabine. Um das Ganze reisetauglich zu machen, investiert man noch einmal viel: Gemessen am Gesamtpreis macht das Basisfahrzeug etwa einen Viertel aus, die Wohnkabine die Hälfte und das letzte Viertel fliesst in Zusatzausrüstung wie verstärkte Stossdämpfer, Luftkompressor, Unterfahrschutz oder eine Seilwinde.

Sie waren mit diesem Fahrzeug kürzlich in Südamerika unterwegs. Was waren die Highlights und Herausforderungen dieser Reise?

Wir haben das Auto nach Montevideo verschifft und sind von dort einmal quer durch Südamerika gefahren – vom Atlantik über die Anden bis zum Pazifik und wieder zurück. Die grösste Herausforderung war die Höhe. Wir sind stundenlang über holprige Sandpisten zwischen 3’000 und 5’000 Metern gefahren. Mercedes garantiert eigentlich nur eine Betriebssicherheit bis 2’500 Meter. In der dünnen Höhenluft spürt man, dass der Motor an Kraft verliert. Am 4’800 Meter hohen Paso de Agua Negra, den wir von der chilenischen Seite hochgefahren sind, ging es auf der steilen, steinigen Piste schliesslich nur noch im ersten Gang im Schritttempo um die letzten Kurven. Dem Motor fehlte schlicht der Sauerstoff. Aber wir haben es geschafft.

Nun verkaufen Sie das Fahrzeug. Weshalb?

Wir wollen auf einen Toyota Land Cruiser umsteigen. Der Mercedes Sprinter ist hervorragend für lange Strecken und schlechte Strassen geeignet. Wir sind mit ihm auch schon durch Dünenfelder in der Sahara gefahren. Für echtes Offroad-Fahren ist er aber einfach zu gross. Wir möchten künftig ein kompakteres und wendigeres Fahrzeug mit kürzerem Radstand.

Zudem geht es beim Overlanden in extremen Regionen um absolute Zuverlässigkeit. Einen Land Cruiser kann man praktisch überall auf der Welt reparieren – selbst in einer kleinen Hinterhofgarage. Wenn man tagelang über Wellblechpisten fährt, kann sich bei einem Lieferwagen schon einmal eine Verschalung lösen oder ein Sensor verrutschen. Der Land Cruiser ist konsequent für solche Belastungen gebaut – auch wenn man dafür in der Basisausstattung die Fenster noch von Hand herunterkurbelt.


Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Travelnews.