McKinsey: So verändert die KI die Versicherungsbranche

Mit einem weltweiten Prämienvolumen von geschätzt 8,3 Billionen Dollar im Jahr 2025 zählt die Versicherungsbranche zwar zu den grössten Finanzindustrien. Allerdings konnte die Profitabilität in den vergangenen zwanzig Jahren mit dem Prämienwachstum nicht Schritt halten. Nach Ansicht von McKinsey könnte künstliche Intelligenz (KI) genau jene strukturellen Schwächen beseitigen, die den Sektor seit Jahren belasten: geringe Produktivität, hohe Vertriebskosten, langsame Innovationszyklen und eine schwindende Relevanz für neue Risiken.

Die wichtigsten Punkte sind:

  1. Grosse Lücken: Der Anteil der Versicherungsbranche an den wirtschaftlichen Chancen hat mit dem Wachstum des zugrundeliegenden Risikos nicht Schritt gehalten. Im vergangenen Jahrzehnt wuchsen die Umsätze langsamer (1,24-fach) als in den meisten grossen Branchen und sogar das globale Bruttoinlandprodukt (1,58-fach). Allein die globale «Schutzlücke» für Naturkatastrophen erreichte im Jahr 2025 133 Milliarden US-Dollar. Und weniger als 1 Prozent der globalen Cyberkosten sind derzeit versichert, eine Lücke von etwa 900 Milliarden Dollar.
  2. Hohe Vertriebskosten: Provisionen und Akquisitionskosten beanspruchen zwischen 10 und 25 Cent jedes Prämiendollars. Die Kostenstruktur hat sich trotz wiederholter Wellen digitaler Investitionen kaum verändert.
  3. Flache Produktivität: Die Kostenquoten sind seit zwei Jahrzehnten weitgehend stagnierend. Die durchschnittliche P&C-Kostenquote liegt seit 2005 zwischen 27 und 32 Prozent, wobei die besten Anbieter unter 22 Prozent liegen und die Nachzügler bei 32 Prozent – eine Kluft, welche die Technologie nur noch vergrössert habe.
  4. Langsames Tempo der Veränderung: Obwohl die Branche begonnen hat, sich schneller zu entwickeln, hinkt sie historisch hinter anderen Sektoren her, wenn es darum ging, Technologie und Innovation zu übernehmen.

Besonders grosses Potenzial sieht die Beratung bei der Erschliessung bislang unzureichend versicherter Risiken. Dazu zählen Cyberangriffe, Klimarisiken sowie Schäden im Zusammenhang mit KI. Dank besserer Datenanalysen und präziserer Risikomodelle könnten Versicherer diese Risiken künftig genauer kalkulieren und profitabler versichern. Gleichzeitig eröffnet KI neue Möglichkeiten, Kunden bereits vor einem Schaden mit kontinuierlicher Risikoüberwachung und Präventionsdiensten zu unterstützen.

KI-Assistenten verdrängen klassische Vermittler

Noch weitreichender könnten die Folgen im Vertrieb sein. McKinsey erwartet, dass KI-Assistenten künftig immer häufiger Policen vergleichen, Angebote bewerten und Wechsel empfehlen. Damit verlagert sich der erste Kundenkontakt vom Versicherungsberater oder Makler zu digitalen Plattformen und persönlichen KI-Assistenten. Wer dort nicht sichtbar ist, könnte künftig den Zugang zum Kunden verlieren.

Vor allem im standardisierten Privatkundengeschäft dürfte dieser Wandel rasch erfolgen. In komplexeren Bereichen wie Firmenversicherungen oder der Vermögensversicherung bleibt die persönliche Beratung zwar wichtig, doch auch dort rechnet McKinsey mit sinkenden Vertriebskosten und deutlich höheren Produktivitätsgewinnen durch KI.

Gewinner setzen auf Grösse oder Spezialisierung

Der Berater sieht langfristig zwei erfolgversprechende Strategien: Entweder Versicherer erreichen genügend Grösse, um die hohen Investitionen in Daten und KI-Infrastruktur zu amortisieren, oder sie spezialisieren sich auf klar definierte Nischen mit hoher Expertise.

Dazwischen werde es für viele mittelgrosse Anbieter zunehmend schwierig werden. Unternehmen, die den KI-Einsatz lediglich mit einzelnen Pilotprojekten testen, liefen Gefahr, den Anschluss an den Markt zu verlieren.

Drei Hausaufgaben für CEOs

McKinsey empfiehlt den Unternehmensleitungen drei Sofortmassnahmen. Erstens sollten sie eine klare KI-Strategie definieren und die Verantwortung auf höchster Ebene verankern. Zweitens gelte es, Technologie, Daten, Organisation und Fachwissen gleichzeitig neu auszurichten. Drittens müsse der kulturelle Wandel im Unternehmen beschleunigt werden, damit KI nicht nur eingeführt, sondern auch konsequent im Alltag genutzt werde.

Nur Versicherer, die KI umfassend industrialisierten, könnten sich nachhaltige Wettbewerbsvorteile sichern.