«Den Schweizer Finanzplatz jetzt nicht schlecht reden»

Die Schweizer Finanzbranche steht vor grössten Herausforderungen. Der Unternehmensberater Axel May skizziert die Zukunft der Banken.

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Axel May ist Senior Partner und Geschäftsleitungsmitglied von Hostettler, Kramarsch & Partner. 

Herr May, das Gerangel um das Bankkundengeheimnis, die Abgeltungssteuer, den automatischen Informationsaustausch setzt die Bankindustrie massiv unter Druck. Dazu kommt die harsche Kritik an den zum Teil exorbitanten Boni. Die Branche steht vor einschneidenden Veränderungen. Welche Player in unserer breitgefächerten Bankenstruktur haben die besten Überlebenschancen?

Nischenanbieter und Spezialisten werden immer einen Platz haben. Die Kantonal- und Regionalbanken haben mit dem Retailgeschäft und den Firmenkunden im KMU-Segment eine solide Basis, wobei die Konsolidierung unter den Regionalbanken fortschreiten wird.


«Wie weiter mit dem Investmentbanking?»


Die Grossbanken haben strukturelle Fragen zu lösen, um sich den neuen Realitäten anzupassen. So kommt jüngst die EU-Expertengruppe unter Vorsitz des finnischen Notenbankchefs Liikanen zu dem Schluss, dass systemrelevante Banken das riskante Investmentgeschäft vom klassischen Bankgeschäft mit Einlagen separieren sollen – mit womöglich gravierenden Auswirkungen auf deren Gewinnziele.

Und was ist mit den Privatbanken?

Auch die Privatbanken stehen vor strukturellen Herausforderungen. Sie werden mit einer höheren Kostenbasis umgehen müssen. Zudem wird es für sie künftig schwieriger werden, ihre Gelder in attraktive Anlagen diversifizieren zu können.


«Kooperationsbeispiel Raiffeisen-Notenstein»


Raiffeisen-Notenstein ist ein Beispiel für eine Kooperation, wie wir sie vielleicht in Zukunft häufiger sehen werden. Die vielen unabhängigen Vermögensverwalter schliesslich werden es schwer haben, mit den steigenden Kosten der Regulierung fertig zu werden.

Das wird nicht ohne Folgen auf die Beschäftigten bleiben. So hat die ZKB soeben einen Einstellungsstop verfügt. Andere Banken, unter anderen die Credit Suisse, ersetzen natürlich Abgänge seit geraumer Zeit nicht mehr. Steht die Schweiz vor einer massiven Redimensionierung des Personalbestands im Bankensektor? 

Ja, in fünf Jahren wird es im Bankensektor wohl einige tausend Arbeitsplätze weniger geben. Spezialisten braucht es hingegen immer. Und im Finanzsektor gibt es durchaus Segmente, die in den kommenden Jahren wachsen können, zum Beispiel das Asset Management.

Der sich verschärfende Wettbewerb wird auch die Löhne und die Bonuslandschaft erfassen. Was erwarten Sie diesbezüglich?

Insgesamt werden die Lohnniveaus in den kommenden Jahren sinken, vor allem die Boni. Getrieben wird dieser Trend von den Grossbanken und den Privatbanken. Zudem werden Bonuspläne an Bedeutung gewinnen, die sich am langfristigen Erfolg orientieren und erst über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren zur Auszahlung kommen.


«Boni in Form unbesicherter Anleihen anstelle von Aktien»


Das gilt insbesondere für Grossbanken: Anstatt mit Aktien sollen die Mitarbeiter ihre variable Vergütung in unbesicherten Anleihen ausbezahlt bekommen, deren Wert auf null gesetzt werden kann, sobald die Bank in Schieflage rutscht. Auch wird es sich nicht mehr vermeiden lassen, dass die Löhne von Bankern nach oben hin begrenzt werden. Solche Forderungen werden immer lauter.

Es gibt in der Schweiz seit längerem Stimmen aus der Politik, die eine Verselbständigung mit oder ohne Abspaltung des Investment banking fordern. Auch eine Arbeitskommission der EU hat sich kürzlich für eine klare Trennung ausgesprochen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Schweiz zu einer solchen «Zellteilung» kommt? Und wäre das ein Nachteil für unsere zwei Grossbanken?

Eine Abtrennung einzelner Geschäftsbereiche innerhalb einer Bank mit separater Finanzierung und Eigenkapitalausweis, wie es die Liikanen-Gruppe vorschlägt, hätte bestimmt erhebliche Auswirkungen auf die Gewinnsituation der Grossbanken. Mit der Aufteilung ist jedoch nicht alles gelöst, denn auch separate Investmentbanken können das System gefährden – Lehman lässt grüssen.


«Schweizer Weg ist vielversprechender»


Ich bin der Meinung, dass der Weg vor allem über eine Begrenzung der Verschuldung und stärkere Eigenkapitalunterlegung, wie er in der Schweiz beschritten wird, vielversprechender ist. Obwohl streng, ist er liberaler und lässt den Universalbanken im Rahmen ihrer Refinanzierung mehr eigenen Gestaltungsspielraum. Wie sie diesen nutzen, werden wir sehen.

Welches sind Ihrer Ansicht nach die Voraussetzungen, damit eine Bank – ob gross, klein, spezialisiert usw. – auch in fünf, zehn Jahren noch existiert und gutes Geld verdient?

Man sollte den Schweizer Finanzplatz jetzt nicht schlecht reden. Wir haben durchaus Trümpfe in der Hand. In der Anlageberatung haben wir eine gute Basis, sowohl für das Privatkundengeschäft als auch für institutionelle Kunden.


«Effizienz steigern ein Muss»


Voraussetzung ist sicher, dass die Banken effizienter werden – die hiesigen Kosten-Ertrags-Relationen sind zu hoch – und gleichzeitig die Beratungsqualität steigern. Schliesslich dürfte uns die prinzipienbasierte Regulierung dereinst zum Vorteil gereichen.

Sind Bankaktien auf Jahre hinaus als «out» zu betrachten, oder gibt es solche, auf die der Investor setzen kann? Welche Kriterien hat der Anleger in seinem Anlageentscheid vor allem zu beachten?

Die derzeitigen Price-Book-Ratios sind in der ganzen Bankenbranche tief. Das Vertrauen in das Bankgeschäft ist nachhaltig gestört. Je übersichtlicher das Geschäft und damit die Bilanz einer Bank künftig wird, desto eher kann der Anleger auf einen deutlichen Gewinneffekt hoffen, sollten sich Konjunktur und Kapitalmärkte vor dem Hintergrund der Schuldenkrise nachhaltig erholen.


Axel May gilt als Fachmann für Risiko- und Finanzmanagement. Nach mehr als 17 Jahren in leitenden Funktionen im Finanz- und Risikobereich, unter anderem bei der Deutschen Bank und der Allianz in Deutschland sowie Grossbritannien und zuletzt als Chief Financial und Risk Officer bei der Vontobel Holding, entschied er sich, 2010 als Partner bei Hostettler & Partner unternehmerisch tätig zu werden. In der Finanzbranche gilt er als Experte  auf den Gebieten risikoadjustierter Unternehmenssteuerung und Corporate Governance.

 

 

 

 

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Allianz Suisse

Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

Swiss Re

Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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