J.P. Morgan wächst und sieht neue Chancen in der Schweiz

Als Reinout Boettcher zum Interviewtermin erscheint, entschuldigt er sich als erstes. «Wenn ich sehe, wie sich das Jahr entwickelt hat, hätte ich ruhig ein wenig mutiger sein können mit meiner Prognose für 2025», sagt der Head of Swiss Investment Banking, der zugleich das Schweiz-Geschäft von J.P. Morgan verantwortet. 

Nicht etwa, dass Boettcher pessimistisch gewesen wäre. Er hatte sich optimistisch gezeigt, jedoch zurückhaltend optimistisch. «Dass der Schweizer Markt so aktiv wird, war Ende 2024 nicht vollständig absehbar», sagt Boettcher. 

Und so wurde er mit seiner vorsichtigen Prognose von der Markdynamik positiv überrascht: Der Schweizer Markt für Fusionen und Übernahmen hat 2025 überraschend stark abgeschnitten, insbesondere im Large-Cap-M&A-Geschäft. 

Pipeline ist voll, aber viele Projekte in einem frühen Stadium

Zeigt sich Boettcher deshalb so positiv für 2026? Die Pipeline für das kommende Jahr ist gemäss Boettcher «klar stärker als noch vor zwölf Monaten». Allerdings befinden sich viele Projekte noch in einem frühen Stadium. Entsprechend sei die «Conversion Probability» tiefer als bei fortgeschrittenen Mandaten.  

Die Grundtendenz ist dennoch eindeutig: Unternehmen denken wieder stärker strategisch, Transaktionen haben Priorität, die Finanzierungsmärkte funktionieren, und das Bewertungsumfeld ist stabil. 

Dies hängt auch mit den USA zusammen. Dort zeigten jüngste Grossdeals, dass auch grosse, finanzierungsintensive Transaktionen wieder möglich sind. Für Boettcher ist das auch für Europa und die Schweiz ein positives Signal. 

IPO-Markt: Investoren stellen hohe Ansprüche

Risiken für 2026 sieht Boettcher in geopolitischen Schocks, plötzlichen handelspolitischen Massnahmen oder einem unvorhersehbaren «Black Swan». Solange solche externen Faktoren ausbleiben, gebe es jedoch «keinen Hinweis auf eine Trendwende».

Im Mid-Market-Segment gebe es zwar substanzielle Aktivität, aber das gesamte Volumen bleibe abhängig von den kapitalkräftigen Grossunternehmen, von Carve-outs sowie vom Engagement privater Finanzinvestoren. Die Voraussetzungen dafür seien weiterhin gegeben: Schweizer Firmen seien hervorragend kapitalisiert und unverändert bereit, Marktanteile zu gewinnen, Synergien zu heben oder Nicht-Kerngeschäfte abzustossen.

Beim Börsengangsgeschäft bleibt Boettcher zurückhaltend. Der Schweizer IPO-Markt sei traditionell klein – in starken Jahren gebe es zwei bis drei Transaktionen. «Dass wir nächstes Jahr ein bis zwei IPOs sehen, würde ich nicht ausschliessen», sagt er. Investoren seien grundsätzlich bereit, neue Titel anzuschauen, allerdings nur bei sehr hoher Qualität. Firmen müssten heute deutlich mehr Zeit investieren, um ihre «IPO Readiness» sicherzustellen.

Neue Dynamik im Schweizer Bankenmarkt

Der Wegfall der Credit Suisse hat den Markt stark verändert, aber nicht destabilisiert. Boettcher lobt die ruhige Integration der Credit Suisse in die UBS und betont, dass der Markt dadurch offener geworden sei. Viele Firmen seien bereit, ihre Bankbeziehungen neu zu prüfen, was internationalen Häusern neue Chancen eröffne.

Das Umfeld bleibt aber hart umkämpft: «Die Schweiz ist ein hochattraktiver Markt. Alle grossen internationalen Banken sind lokal präsent und fokussiert darauf, ihre Position auszubauen. Wir möchten uns über unser umfassendes globales Angebot, technologische Führerschaft und innovative Lösungen in all unseren Geschäftsbereichen differenzieren.»

J.P. Morgan wächst in der Schweiz zweistellig 

Das gilt auch für J.P. Morgan. Für das US-Haus ist 2025 ein ausserordentlich erfolgreiches Jahr gewesen. Bis Ende Oktober rechnet das Institut mit knapp zehn Prozent Wachstum über alle Geschäftsbereiche hinweg. «Wenn wir als einer der grössten internationalen Player im Markt fast zweistellig wachsen, zeigt das, dass wir uns im harten Wettbewerb sehr gut behaupten können», sagt Boettcher.

Private Banking: Ambitionierte Wachstumspläne

Neben dem Firmenkundengeschäft zählt das Onshore-Private-Banking zu den wichtigsten Wachstumsfeldern. J.P. Morgan will sein Schweizer Wealth-Management-Geschäft in den nächsten drei bis fünf Jahren verdoppeln – ein ambitioniertes Ziel, das primär an der Rekrutierung geeigneter Talente hängt. 

«Wir suchen keine Verwalter von bestehenden Büchern, sondern Banker, die neues Geschäft bringen», betont Boettcher. Die Plattform des Hauses sei stark – globales Produktangebot, ausgezeichnete Bilanzqualität, hohe Marktwahrnehmung. Doch die Knappheit an Top-Relationship-Managern mache das Wachstum zu einer anspruchsvollen Aufgabe.