Weckruf für das Schweizer Wealth Management: Corient kauft Bedrock

Die Genfer Bedrock Group gehört seit Jahren zu den angesehensten Namen im Schweizer Markt für unabhängige Vermögensverwalter.

Das Unternehmen mit Niederlassungen in Genf, London, Monaco und Lissabon zählt mit einem verwalteten Kundenvermögen von 8,4 Milliarden Franken zu den grössten seiner Art der Schweiz. Gegründet wurde es 2004 von Ariel Arazi, Maurice Ephrati und David Joory, die es bis heute leiten — mit einem konsequenten Family-Office-Ansatz als Markenzeichen.

Ein anderer und weitaus dramatischerer Weg

2017 hatte Bedrock Pläne zur Expansion nach Zürich unter Federführung von Alexander Classen angekündigt (finews berichtete), der inzwischen Präsident von EFG International ist. Aus dieser Expansion wurde letztlich nichts.

Stattdessen schlägt Bedrock nun einen weitaus dramatischeren Weg ein: Der Anschluss an Corient, den in Miami beheimateten Wealth-Management-Giganten, der nach eigener Überzeugung im Begriff ist, den weltweit ersten echten globalen Vermögensverwalter aufzubauen.

Corient, Stonehage Fleming, Stanhope — und jetzt Bedrock

Am Donnerstag gab Corient die Übernahme von Bedrock bekannt. Das Genfer Unternehmen stösst damit zu einem Verbund, der bereits Stonehage Fleming — den grössten unabhängigen Vermögensverwalter Europas — und die Londoner Stanhope Capital Group umfasst. Letztere wurde von Daniel Pinto gegründet und unterhält seit vielen Jahren ein Büro in Genf.

Die drei Transaktionen zusammen vergrössern die verwalteten Vermögen von Corient um rund 220 Milliarden Dollar auf knapp 468 Milliarden Dollar. Nach Abschluss aller Deals entsteht ein globales Unternehmen mit rund 12'000 Mitarbeitenden.

Die Architekten des Deals

Im Schweizer Wealth Management ist der Corient-Einstieg die bedeutendste Transaktion seit Jahren. Einen unabhängigen Vermögensverwalter vergleichbarer Dimension hat es hierzulande bislang nicht gegeben.

Finews hatte Gelegenheit, ausführlich mit den beiden Männern zu sprechen, die Corients europäische Expansion vorantreiben. Kurt MacAlpine, 44, ist Gründungspartner und Chief Executive Officer von Corient. Das Unternehmen gründete er 2020, nachdem er zuvor die Transformation von CI Financial geleitet, bei WisdomTree die globale Distribution verantwortet und fast ein Jahrzehnt als Partner bei McKinsey verbracht hatte, wo er die nordamerikanische Asset-Management-Beratung leitete.


Auf Expansionskurs: Kurt MacAlpine, Gründungspartner und CEO von Corient. (Bild: zvg)

Eine transatlantische Strategie

MacAlpine hat seine Karriere damit verbracht, die strukturellen Schwächen des Wealth Management zu analysieren — und ist überzeugt, einen Weg gefunden zu haben, sie zu beheben.

Pinto, 58, gründete Stanhope Capital 2004 und baute es zu einer der grössten unabhängigen Wealth-Management-Gruppen Europas aus. Der Harvard-Absolvent leitete zuvor ein von CVC unterstütztes Risikokapitalunternehmen und verbrachte sieben Jahre bei UBS Warburg im Bereich Corporate Finance.

Das Problem, das sie lösen wollen

Pinto ist auch Buchautor: Sein Werk «Capital Wars» untersuchte die neue Ost-West-Herausforderung für unternehmerische Führung. Mehrfach ausgezeichnet — unter anderem als einer der fünf besten Vermögensverwalter Grossbritanniens durch Spear's — wird er im Zuge der im September 2025 angekündigten Transaktion Partner und Chief Executive für EMEA bei Corient.

Hinter der Expansionslogik steht bei MacAlpine eine klare Diagnose: «Ich persönlich glaube nicht, dass es heute wirklich globale Vermögensverwalter gibt», sagt er. «Es gibt Anbieter mit Büros in verschiedenen Ländern — aber keiner betreut Familien über Grenzen hinweg auf wirklich integrierte Weise.»

Reibungsverluste an jeder Grenze

Das strukturelle Problem sitzt tief. «Ob es die Struktur der Banken ist, mit denen sie zusammenarbeiten, die Vergütungssysteme, die Zusammenarbeit erschweren, oder andere Interessenkonflikte — all das verhindert, dass Kunden eine wirklich globale Erfahrung machen», sagt MacAlpine.

Er veranschaulicht das mit einem einprägsamen Beispiel. «Wenn eine Familie mit einem Milliardenvermögen beschliesst, alle Assets in einer einzigen Jurisdiktion zu konsolidieren, vervierfacht der dortige Berater seine Vergütung — und alle anderen, die den Kunden betreuen, gehen leer aus. Das ist keine Struktur, die sich für wirklich globale Kundenteams eignet.»

Grösse als Investitionsvoraussetzung

Pinto beleuchtet dasselbe Problem aus einem anderen Blickwinkel — einem, der im Schweizer Kontext besonders relevant ist, wo rund 1'300 unabhängige Vermögensverwalter neben einigen der wichtigsten Privatbanken der Welt tätig sind.

«Der Vermögensverwaltungsmarkt ist hantelförmig», sagt er. «Auf der einen Seite stehen die Banken — mit allen erdenklichen Ressourcen, aber zu vielen Interessenkonflikten. Auf der anderen Seite gibt es Hunderte unabhängiger Anbieter ohne diese Konflikte — darum florieren sie. Aber ihnen fehlt die Grösse, um global zu investieren und Zugang zu den besten Fonds und Strategien zu erhalten.»

DanielPinto
Daniel Pinto, Gründer von Stanhope Capital und neuer EMEA-Chef bei Corient. (Bild: zVg)

Das Beste beider Welten

Sein Fazit ist klar. «Lasst uns das Beste aus beiden Welten vereinen: die Stärken der unabhängigen Vermögensverwaltung — Interessengleichheit, Servicequalität, vollständige Hingabe an die Kunden — kombiniert mit der Grösse, die es uns ermöglicht, vermögende Kunden besser zu betreuen. Diese Mitte ist für mich das Nonplusultra.»

Die globale Expansion hat MacAlpine nicht überstürzt. Corient verbrachte mehr als fünf Jahre damit, sein Modell in den USA zu etablieren, bevor es den europäischen Schritt wagte — und dafür mussten drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein.

Die Bedingungen für den globalen Schritt

«Die erste war echte lokale Grösse in jedem Markt, in dem wir tätig sind», erklärt MacAlpine. «Die zweite war echte Mehrjurisdiktionsfähigkeit — die Möglichkeit, Kunden dort zu betreuen, wo sie heute leben und künftig leben werden. Und die dritte war die Globalisierung unserer einzigartigen Professional Services Partnership, der ersten ihrer Art in der Vermögensverwaltung.»

Diese Partnerschaftsstruktur ist Corients markantestes Merkmal. Anders als bei traditionellen Wealth Managern oder den grossen Privatbanken werden Berater bei Corient kollektiv vergütet — nicht individuell. Es gibt keinen Anreiz, Kundenbeziehungen zu horten, keine Reibung, wenn Familienvermögen über Grenzen bewegt wird. «Wir wollen das erste Unternehmen sein, das globale Familien wirklich betreuen kann — egal wo sie leben, überall auf der Welt, ohne jegliche Reibungsverluste», sagt MacAlpine.

Die Schweiz als globaler Hub

Die Bedrock-Übernahme hält wichtige Lektionen für die gesamte Schweizer Vermögensverwaltungsbranche bereit. Die Schweiz ist für Corient nicht einfach ein weiterer Markt in der europäischen Expansion — sie ist einer von nur zwei Standorten, die das Unternehmen als echten globalen Hub betrachtet.

«Wir sehen die Schweiz als Hub, der die Bedürfnisse globaler Kunden erfüllen kann — ob aus Europa, dem Nahen Osten oder Lateinamerika. London und die Schweiz sind die einzigen Orte in Europa, die als globale Hubs herausragen», erklärt Pinto.

200 Mitarbeitende in der Schweiz

Der kombinierte Schweizer Fussabdruck der drei Transaktionen ist beeindruckend. Stanhope Capital und Stonehage Fleming bringen zusammen bereits rund 160 Mitarbeitende in Genf, Zürich und Neuenburg. Bedrock fügt rund 40 weitere in Genf hinzu.

Das Ergebnis: eine Schweizer Operation von rund 200 Mitarbeitenden unter dem Dach von Corient — eine Grösse, die nach Massstäben der hiesigen Branche ohne Präzedenzfall ist. Die grössten unabhängigen Anbieter beschäftigen typischerweise 50 bis 60 Personen. Corient wird viermal so gross sein.

Eine Marke, ein Unternehmen

Pinto stellt auch die verbreitete Annahme in Frage, dass Grösse und Qualität im Widerspruch stehen. «Viele verbinden Grösse mit geringerer Qualität. Wir sehen das genau umgekehrt. Mit der entsprechenden Grösse — und den Möglichkeiten, die KI bietet — lässt sich auch im grossen Massstab ein erstklassiges Kundenerlebnis schaffen.»

Sämtliche angeschlossenen Bereiche werden unter einer einzigen Marke operieren. Stanhope Capital, Stonehage Fleming, Bedrock — sie alle werden zu Corient. «Wir werden weltweit eine einzige Marke führen», sagt MacAlpine. «Stanhope wird ab Tag eins Corient sein, Stonehage Fleming wird ab Tag eins Corient sein, Bedrock wird ab Tag eins Corient sein.»

Weitere Schritte in der Schweiz geplant

Die Gründer von Bedrock — Arazi, Ephrati und Joory — werden neben MacAlpine, Pinto und mehr als 250 anderen zu Partnern in der Corient-Partnerschaft. Diese Kapitalbeteiligung ist laut Corient der entscheidende Mechanismus, der die Interessen aller Beteiligten mit jenen der Kunden in Einklang bringt.

Dass das Schweizer Kapitel damit abgeschlossen ist, lassen weder MacAlpine noch Pinto erkennen. Auf die direkte Frage, ob der Akquisitionshunger in der Schweiz gestillt sei, ist MacAlpine unmissverständlich: «Wir werden weiter wachsen — organisch wie anorganisch. Die Schweiz ist ein fantastischer Heimmarkt und ein unglaublicher globaler Hub. Unser Ziel ist es, hier eine starke Position aufzubauen.»

Der Blick nach vorn

Für eine Branche, die seit jeher von Fragmentierung, Boutique-Grösse und einem ausgeprägten Stolz auf die Unabhängigkeit geprägt ist, ist dies ein Signal: Mit ihrer einzigartigen Kombination aus einheimischem Vermögen, internationaler Kundenbasis und gut ausgebauter  Finanzinfrastruktur nimmt sie in der Vision von Corient einen zentralen Platz ein.

Die Bedrock-Transaktion sowie die Übernahme von Stanhope Capital Group unterstehen noch dem Vorbehalt behördlichen Genehmigungen.