ZFF-CEO will Stärken des Festivals ausspielen und setzt dabei auf den Finanzplatz
Das Motto für die Opening Night des diesjährigen Zurich Film Festival (ZFF) steht schon fest: «Dream Big».
Das ist auch ein passendes Thema, wenn man sich die Pläne des neuen Eigner-Teams ansieht, das im Juli vergangenen Jahres das Festival von der NZZ in einem Management-Buyout übernommen hat.
«Wir leben in so bedrückenden Zeiten, die Leute haben ein bisschen das Träumen verlernt», sagt ZFF-CEO Christian Jungen. «Das trifft auch auf Unternehmer oder Firmen zu. Ich finde, bevor man Grosses erreicht, muss man es ja träumen können. Und wir sind jetzt ja auch frisch gebackene Jungunternehmer mit grossen Träumen. Wir haben ambitionierte Pläne, denn wir wollen das ZFF zum führenden Kultur- und Gesellschaftsevent der Schweiz machen, und wollen darum vom ersten Tag an das Dream Big zelebrieren.» Das ZFF sei schon in den letzten zwei Jahren national stark gewachsen, vor allem in der Romandie, und verkaufe mittlerweile in allen 26 Kantonen der Schweiz Tickets.
Jungens ursprüngliche Rolle war es, einen Käufer für das Festival zu suchen. «Ich hatte eigentlich nicht mit dem Gedanken eines Management-Buyouts gespielt», sagte der langjährige Direktor des Festivals.
«Aber in den Verkaufspräsentationen haben immer wieder Leute gefragt: Wo bleibst du denn dann? Ohne dich geht es sowieso nicht.»
So sei dann die Idee gereift, das ZFF mit einer Eignergruppe zu übernehmen. Neben CEO Jungen gehören auch Festivaldirektorin Reta Guetg, der Unternehmer und Moderator Max Loong, der langjährige ZFF-Präsident Felix E. Müller und der Finanzfachmann Marek Skreta zu den neuen Besitzern.
Jungen mit Felix E. Müller, Reta Guetg, Max Loong und Marek Skreta an der Award Night 2025 (von links; Bild: zVg)
Startup-Aufbruchsstimmung
«Wir haben aus meiner Sicht schon verdammt viel geschafft in den letzten Monaten. Es war eine Herausforderung, neben dem daily business eine Firma aufzubauen. Aber wir haben eine echte Startup-Aufbruchsstimmung im Team.»
Für Jungen bietet die Trennung von der NZZ eine Reihe neuer Möglichkeiten. «Die Besitzverhältnisse haben zuvor vieles verunmöglicht. Das hat nicht nur die PR und das Sponsoring betroffen. Wenn man Sponsoring-Gelder suchen muss und jemand ist nicht gut auf die NZZ zu sprechen ist, dann befindet man sich als Tochterunternehmen in einer schlechten Position.
Sponsoring, gleich ob für Kultur oder Sport, sei derzeit schwierig. «Das ist wie der Schneemann in der Sonne: Es wird stets ein bisschen weniger.» Wenn Unternehmen früher Entscheidungen über Sponsoring getroffen haben, dann sei das oft eine Einzelentscheidung gewesen. Heute sei dabei oft ein Gremium mit langwierigeren Auswahl- und Entscheidungsprozessen involviert.
Laut Jungen wird der Faktor «Soft Money» immer wichtiger. Damit gemeint sind Gönnerbeiträge, Stiftungsbeiträge, Beiträge der öffentlichen Hand. «In diesem Bereich ist die Unabhängigkeit förderlich. Wer will schon die Tochterunternehmung eines gewinnorientierten Medienhauses unterstützen?»
Jetzt sei die Lage geklärt, und er müsse sich auch nicht mehr für Positionen der NZZ rechtfertigen.
Willkommen im Club
Der CEO verweist darauf, dass sich seit der Übernahme die Zahl der Mitglieder im Gönnerverein von zuvor 78 auf weit über 100 erhöht hat. «Es kam zu einer richtigen Eintrittswelle, die zeigt: Die Zürcher Gesellschaft und Wirtschaft steht hinter dem Festival.»
Auch in Zürcher Unternehmerkreisen sei der Kauf durch die Eignergruppe positiv aufgenommen worden. «Da wurde respektiert, dass wir das mit eigenem Risiko gemacht haben. Viele Unternehmer klopften mir auf die Schultern und sagten: Willkommen im Club.»
Bei der Finanzierung des ZFF-Budgets von insgesamt rund 14 Millionen Franken macht das Sponsoring mit rund 60 Prozent den grössten Posten aus. Hier spielen die UBS und Mercedes-Benz als Hauptsponsoren eine wichtige Rolle. Auch die NZZ unterstützt das ZFF als Main Partner bis 2027.»
(Grafik: ZFF)
Laut Jungen sei der hohe Sponsoring-Anteil «Fluch und Segen zugleich». Das schaffe einerseits eine Abhängigkeit, andererseits würden die Sponsoren auch ihre Mitarbeitenden und vor allem Kunden an das Festival bringen.
«Da hat uns die bei vielen Firmen strenger gehandhabte Compliance fast schon in die Karten gespielt. Ein Abend am ZFF ist da kein Problem. Ein Kinobesuch ist viel günstiger als ein Konzert- oder Opernbesuch. Auch Zürich als Finanzplatz ist für uns sehr wichtig, weil natürlich viele Kundenberater gerne mit ihren Kundinnen und Kunden kommen.»
Glanz und Glamour mit vielen Stars
Donors und Stiftungen machen rund 7 Prozent aus, die Einnahmen aus Ticketverkäufen 15 Prozent. Während bei den verkauften Eintritten vor allem die Attraktivität des Programms eine Rolle spielt, ist bei den Einnahmen im Bereich Hospitality auch der Event-Charakter des Festivals wichtig. «Da müssen wir für die Unternehmen gute Pakete anbieten. Und etwas Glanz und Glamour mit vielen Stars hilft auch dabei.»
Jungen wehrt sich aber gegen das Bild einer «Cüpli-Veranstaltung». «Wir bieten Zugang zu Kino-Kultur – und das für ein breites Publikum. Wir nehmen die oft benutzten Begriffe der kulturellen Teilhabe und Inklusion ernst und haben entsprechende Partnerschaften sowie gestaffelte Ticketpreise.»
«Wir sind zu 90 Prozent eigenfinanziert. Von der Stadt Zürich erhalten wir eine halbe Million Franken. Ich glaube, ich kenne kein Festival, das die Veranstaltungsstadt im Namen führt und so wenig Unterstützung erhält.»
Auch hier habe der NZZ-Besitz in der Diskussion um Fördermittel eine Rolle gespielt, und Jungen hofft, dass der Zuschuss der Stadt in Zukunft steigen könnte, schliesslich habe man nun höhere Aufwände, weil Bereiche wie HR, Legal, Controlling und Finance nicht mehr durch die frühere Eigentümerin gedeckt seien.
Ohne Volunteers geht es nicht
Wie stark das Festival in der Stadt verwurzelt ist, zeigt sich auch am hohen Einsatz der Freiwilligen. «Wir hatten im vergangenen Jahr rund 600 Volunteers, ohne die die Durchführung gar nicht möglich wäre. Und das sind Menschen aus allen Lebensbereichen, von Studierenden bis zu pensionierten Managern.»

(Bild: ZFF)
Das ZFF hole im September viele Menschen nach Zürich, auch aus anderen Schweizer Regionen und aus dem Ausland. «Auch in den amerikanischen Filmstudios weiss man das Zürcher Publikum zu schätzen. Es ist anspruchsvoll, aber gleichzeitig kein Fach- oder Medienpublikum. Hier bekommt man echte, repräsentative Reaktionen.»
Jungen erhofft sich nach der Eigenständigkeit auch wieder mehr Präsenz in der Berichterstattung anderer Medien. «Als die NZZ das ZFF übernommen hat, war das klar messbar: Die Berichterstattung ging spürbar zurück. Jetzt sollte das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen.»
Hohe Reichweite in sozialen Medien
Allerdings will sich Jungen nicht beklagen: Das ZFF war laut einer Erhebung von Media Focus im vergangenen Jahr der Schweizer Event mit der grössten Reichweite. «Wir verzeichneten 30 Prozent mehr Berichterstattung und acht Prozent mehr Kontakte für Sponsoren als der Eurovision Song Contest», sagt er.
Eine andere wichtige Währung sind die sozialen Medien. «Wir haben zwar nicht extrem viele Follower, aber sehr viel Interaktion. Ein Video, etwa von Sharon Stone, kommt dann schnell auf mehrere Millionen Views.»
Der Anspruch des CEO beim Programm ist es, in Zürich die Filme zu zeigen, die ein halbes Jahr später um die Oscars konkurrieren. «Da werden wieder viele Europa-Premieren oder Premieren für den deutschsprachigen Raum dabei sein. Bei der Zahl der Filme werden wir uns wieder im Bereich von 100 bis 115 bewegen. Als ich das ZFF übernommen habe, waren es 180.» Jungen ist überzeugt: «Weniger ist mehr.»
Der Guardian hat das ZFF auf die Liste der zehn besten Filmfestivals von Europa gesetzt. Jungen: «Wir spielen in der Champions League – und da wollen wir auch bleiben.»

















