Der KI-Moment der Schweizer Finanzbranche
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Nach meinem Besuch in Davos in diesem Jahr ist mir noch einmal deutlich geworden, wie schnell sich unsere Welt und die globale Wirtschaft verändern.
Unser Alltag und das Tagesgeschäft vieler Unternehmen sind von Unsicherheiten und geopolitischen Spannungen geprägt, während der technologische Wandel stetig rasanter wird. In diesem Umfeld wird eine Technologie zum entscheidenden Treiber für Veränderung: Künstliche Intelligenz.
«Für den Schweizer Finanzbranche gilt es, das Wertversprechen und die Stärken mit dem KI-Zeitalter zu verbinden.»
Während wir vor nur einem Jahr noch über die theoretischen Möglichkeiten von generativer KI diskutiert haben, liegt der Fokus heute auf der Frage, wie sich KI-Agenten in tägliche Prozesse integrieren lassen. Ganz praktisch bedeutet das einen fundamentalen Wandel vom Abrufen von Informationen hin zur Beschleunigung von Arbeitsabläufen. Das macht deutlich: Die Zeit der Experimente ist vorbei, jetzt geht es an die Umsetzung.
Die Schweiz ist seit Jahrzehnten der Massstab für Stabilität, Sicherheit und Vertrauen – besonders in unsicheren Zeiten. Für die Schweizer Finanzbranche bedeutet dies, das eigene Wertversprechen und die Stärken des Marktes mit dem KI-Zeitalter zu verbinden.
KI als Wachstumsmotor
Mit dem Aufkommen von KI, die sämtliche Arbeitsabläufe von Finanzinstituten durchdringt, geht auch ein grundlegender Wandel im Schweizer Finanzwesen einher – von Zürich bis Genf und von der Kantonalbank bis zur Privatbank. Um in diesem neuen Wettbewerbsumfeld weiterhin erfolgreich sein zu können, stellen Anbieter ihre Produktstrategie, die Zielgruppen-Ansprache und ihren Technologie-Stack auf den Prüfstand.
«Fachliche Kompetenz sind die Eckpfeiler – insbesondere in der Schweiz.»
Gerade hier erweist sich KI als mächtiges Werkzeug, denn sie schafft nicht nur Effizienz im Backoffice, sondern kann bei richtiger Anwendung zum Wachstumsmotor werden. Das beobachten wir auch bei Bloomberg. Ein Beispiel:
Schon seit dem Jahr 2009 kombinieren wir vertrauenswürdige Daten aus den vergangenen 40 Jahren mit KI-Lösungen, die wir speziell für die Finanzbranche entwickeln. Unser Ziel war es dabei von Anfang an, die KI-Lösungen so zu gestalten, dass sie Finanzprofis entlang ihrer gewohnten Arbeitsabläufe nützliche und messbare Ergebnisse liefern. Lösungen also, die unseren Kunden dabei helfen, in unsicheren Zeiten besser informierte Entscheidungen zu treffen – auf Basis vertrauenswürdiger Informationen und hochwertiger Daten und Dokumente.
Mit menschlichem Fachwissen, nicht ohne
Dabei hat uns eine Grundüberzeugung geleitet, die auch immer wieder in meinen Gesprächen in Davos aufkam: Das Finanzwesen ist nach wie vor ein People’s Business. In der Konsequenz bedeutet das, menschliches Fachwissen mit KI zu ergänzen und zu stärken – nicht es zu ersetzen.
Das heisst, dass wir KI-Agenten gezielt einsetzen, um die stetig wachsende Menge an Finanzinformationen aus einer Vielzahl von Quellen zu verarbeiten und zu organisieren. So gewinnen Finanzprofis mehr Zeit für strategische Aufgaben. Denn fachliche Kompetenz und menschliches Urteilsvermögen sind unbestritten die Eckpfeiler des Finanzsektors – das gilt insbesondere auch in der Schweiz.
Integrierte Plattform als Schlüssel
Doch die Branche wird nicht nur von aussen durch KI verändert, sondern verändert sich auch von innen heraus. Wir beobachten derzeit, wie die traditionell grosse Buy-Side der Schweiz mit ihren vielen Privatbanken, Asset Managern und Vermögensverwaltern aller Grössenordnungen eine Konsolidierungswelle durchläuft. Dabei stellen viele Institute fest: die grösste Herausforderung für künftiges Wachstum sind veraltete Technologien.
Gemeinsam mit unseren Schweizer Kunden arbeiten wir genau daran, diese Herausforderungen zu überwinden. Modernisierung bedeutet heute nicht mehr, einzelne Features hinzuzufügen. In einem so anspruchsvollen Markt wie der Schweiz ist die Fähigkeit, Erkenntnisse über Wirtschaftsräume und Anlageklassen hinweg zu synthetisieren, entscheidend für langfristigen Erfolg.
Der Schlüssel hierzu liegt im Aufbau einer integrierten Plattform, auf der sich Daten nicht nur finden und verwerten lassen, sondern auf der sie nachvollziehbar und vertrauenswürdig sind.
Die Finanzbranche am Wendepunkt
Unsere jüngsten Umfragen unter europäischen Finanzentscheidern zeigen ganz klar: die Botschaft ist in der Branche längst angekommen. Die allermeisten Befragten sehen den Einsatz von KI inzwischen als Wettbewerbsnotwendigkeit. Mit dem Tempo nicht Schritt zu halten, wird zum Risiko für die langfristige Profitabilität.
«Die Finanzbranche steht an einem Wendepunkt.»
Auch dafür sind die Gespräche in Davos so wichtig, um sich über Best Practices und Anwendungsfälle auszutauschen – getreu dem diesjährigen Motto «Im Geiste des Dialogs». Nur gemeinsam können wir uns auf die Prinzipien für den verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien wie KI verständigen.
Was sich wie ein roter Faden durch meine Gespräche zog: Zuverlässigkeit, Nachvollziehbarkeit und Vertrauenswürdigkeit sind inzwischen absolut notwendig. Genauso wie zwei Faktoren, die immer wichtiger werden, je tiefer KI in die Entscheidungsprozesse von Investoren integriert wird: Belastbarkeit und Vergleichbarkeit. Das ist auch nur folgerichtig, um das Vertrauen als Basis der Finanzmärkte weltweit und in der Schweiz zu stärken.
Mit Blick auf meine Zeit in Davos steht für mich fest: Die Finanzbranche steht an einem Wendepunkt. Der Schweiz stehen, dank der Stabilität des Frankens und dem beständigen regulatorischen Umfeld, alle Türen weit offen. Auf dieser Basis kann die Schweizer Finanzbranche weiter mutig vorangehen und ihre Traditionen und die exzellente Reputation im KI-Zeitalter auf ein neues Level heben.
Jean-Paul Zammitt ist Präsident und Mitglied der Geschäftsführung von Bloomberg LP. In dieser Funktion leitet er den Bereich Financial Solutions, zu dem unter anderem auch das Bloomberg Terminal und Softwarelösungen für Buy- und Sell-Side-Worfklows gehören. Bloomberg wurde 1981 gegründet und ist seither einer der weltweit führenden Anbieter von Daten und Informationen für Wirtschaft und Finanzen.













