BofA-Chefökonom: «Die Schweiz muss ja nicht 5 Prozent wachsen»

Der Terminkalender ist dicht gefüllt. Zuerst Genf und dann Zürich, ein Meeting folgt dem anderen. 

Claudio Irigoyen kann sich nicht über mangelnde Nachfrage beklagen. 

Irigoyen ist Leiter der Global Economics Research bei der BofA Global Research. In dieser Funktion verantwortet er das globale Economics-Research-Team, koordiniert weltweite Konjunkturprognosen und analysiert die Entwicklung der globalen Wirtschaft. Bevor er in den Bankensektor wechselte, war er fünf Jahre lang Chefökonom und Direktor für Geldpolitik bei der Zentralbank Argentiniens. Er zählt zu den angesehensten seines Fachs. In Umfragen von «Institutional Investor» belegt er regelmässig die vordersten Plätze.

Reife der Marktteilnehmer

Irigoyen sieht die Weltwirtschaft in einer neuen geopolitischen Phase. Er sieht dabei die Präsidentschaft von Donald Trump nicht als Ursache, sondern vielmehr als Katalysator bestehender Trends. «Die Märkte reagieren mittlerweile weniger auf politische Schlagzeilen», sagt Irigoyen beim Treffen mit finews. Vieles werde heute sofort durch die erwartete Reaktion der Zentralbanken abgefedert – von der Emissionsstrategie des US-Treasury bis hin zu möglichen QE-Signalen (Quantitative Easing). Das Resultat sei paradoxerweise weniger Volatilität trotz mehr geopolitischem Lärm. «Das spricht für eine zunehmende Reife der Marktteilnehmer», betont er.

Trotz aller politischen und geopolitischen Unsicherheiten erwartet Irigoyen, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,4 Prozent wächst. Getragen wird dieses Wachstum von den aus seiner Sicht zwei wichtigsten Wachstumsmotoren: den USA und China. «Wir sind für beide optimistischer als der Marktkonsens und prognostizieren ein durchschnittliches Wachstum von 2,8 Prozent beziehungsweise 4,7 Prozent», fügt er hinzu.

Was beim Wettlauf der Mächte entscheidend ist

Zudem weist er auf Folgendes hin: Die tektonische Verschiebung zwischen den USA und China hat schon vor mehr als einem Jahrzehnt begonnen. «Die Logik beruht auf einem überparteilichen Konsens. Die USA sehen China als potenzielle Bedrohung für ihre Interessen», betont Irigoyen. Entscheidend sei heute nicht mehr die Zollpolitik, sondern der globale Zugriff auf kritische Inputs wie seltene Erden, Rohstoffe und Halbleiter. Der Wettlauf sei klar: Wer zuerst in der Lage ist, mikrochipsbasierte Wertschöpfung autonom zu produzieren, habe im Konfliktfall einen strategischen Vorteil.

China wiederum exportiere weiter Deflation in Form von günstigen Gütern in andere Regionen. «Das erzeugt politischen Druck und könnte zu mehr protektionistischen Massnahmen führen, auch in Europa. Doch Zölle lösen Europas strukturelle Probleme nicht. Diese liegen tiefer und erfordern politische Reformen», sagt Irigoyen.

Europa: zu viel Reaktion, zu wenig Reform

Irigoyens Urteil über die europäische Wirtschaft fällt besonders deutlich aus. Die Zeiten des günstigen russischen Gases seien vorbei, während tragfähige Alternativstrategien bislang nur unzureichend entwickelt wurden. Auch bei Verteidigung, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI) bleibe Europa zurück. «Die KI-Revolution passiert in den USA und in China. In Europa ist Innovation vorhanden, doch Regulierung erschwert Unternehmensgründungen und Wachstum», so Irigoyen. 

Mit Kurzschlusshandlungen wird sich daran auch nichts ändern. «Produktivitätsgewinne benötigen Reformen, die politisch unangenehm, aber langfristig unverzichtbar sind. Präventive Massnahmen finden in der politischen Praxis nur selten unmittelbare Anerkennung», sagt Irigoyens.

Während die USA als Wirtschaftsraum trotz eigener Baustellen weiterhin unternehmerischer agieren könnten, sei Europa institutionell stärker fragmentiert und leide an der fehlenden fiskalischen Integration und der begrenzten Koordination in der Industriepolitik. «Spätestens der Draghi-Bericht hat gezeigt, dass es kein Erkenntnisproblem gibt. Das Problem ist vielmehr, dass niemand erklärt, wie man Anreize schafft, damit Politiker die darin enthaltenen Empfehlungen umsetzen.»

Das Luxusproblem der Schweiz

Für die Schweiz zeichnet Irigoyen ein deutlich optimistischeres Bild. Sie teile viele der europäischen strukturellen Probleme nicht und sei auch aufgrund ihrer Währungssituation in einer Ausnahmeposition. «Der Franken ist eine der wenigen echten Reservewährungen. In einer Welt, in der Vertrauen in Fiat-Währungen sinkt, wird das zum strategischen Asset.» Kapitalflüsse in Krisen führten zwar zu Aufwertungsdruck – «aber es gibt schlimmere Probleme als jene, die aus zu viel Vertrauen entstehen».

Wachstumswunder seien nicht zu erwarten, aber auch nicht erforderlich: «Die Schweiz muss nicht 5 Prozent wachsen. Mexiko muss 5 Prozent wachsen. Im Gegensatz zu Schwellenländern reicht es für die Schweiz, auf Stabilität und schrittweisen Fortschritt zu setzen.» Zudem profitiere sie von ihrer Unabhängigkeit. Dies sollte sie aber nicht von wirtschaftlicher Zusammenarbeit abhalten, wenn sich die Chance bietet: «Entscheidend ist, Handel und Investitionen weiter zu fördern und die Schweizer Stärken gezielt einzubringen.»

KI-Blase? Die Hausse ist breiter

Zur viel diskutierten KI-Blase äussert sich Irigoyen nüchtern. Die Bewertungsextreme einzelner Tech-Konzerne seien unbestritten, aber das Gesamtphänomen sei kein KI-Sonderfall: «Die Hausse ist breiter. Aktien in Japan, Europa oder Mexiko notieren ebenfalls auf Höchstständen – ohne KI-Revolution.»

Die Ursache liege in der überschüssigen Liquidität, die seit 2008 in entwickelte Märkte statt in Güterpreise geflossen sei. Das führe zu Vermögenspreisinflation und wachsender Ungleichheit – und schaffe politische Anreize für höhere Staatsdefizite, die wiederum durch Zentralbanken gestützt würden. «Das System basiert heute auf der Annahme, dass Liquidität nicht entzogen wird, weil ihr Entzug eine Rezession auslösen würde. Zentralbanken können sich dieser Situation schwerlich entziehen.»

Sorgen bereitet Irigoyen weniger die Tech-Bewertung als der rapide wachsende private Kreditmarkt. Seiner Meinung nach führt die strengere Regulierung von Banken dazu, dass zunehmend Kapital in weniger regulierte Bereiche des Finanzsystems fliesst. Während professionelle Investoren Verluste in der Regel besser tragen können, warnt er davor, dass Pensionskassen höheren Risiken ausgesetzt seien. Letztere sollten nicht noch stärker in private Kredite investieren, das Risiko sei schlichtweg zu gross.