Vom Julius-Bär-CEO zum Blockchain-Investor: Philipp Rickenbachers neuer Fokus
Während fünf Jahren stand Philipp Rickenbacher Julius Bär als CEO vor. Im Februar 2024 verliess er das Finanzhaus . Heute verfolgt er die Geschicke der Privatbank aus der Sicht «eines interessierten Investoren», wie er beim Treffen mit finews sagt.
Seine Welt ist unlängst eine andere: Seit Mai vergangenen Jahres ist Rickenbacher Präsident von VC CV, einem auf Blockchain spezialisierten Venture Capitalist mit Sitz in Zug.
Von einer Umstellung oder gar Kulturschock will Rickenbacher nichts wissen. Für ihn ist der Wechsel vielmehr eine konsequente Weiterentwicklung – fachlich wie strategisch. Technologie sei einer der dominierenden Faktoren des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts, sagt er. «Blockchain ist ein Teil davon, und dieses Thema reizt mich.»
Blockchain an entscheidendem Punkt
Rickenbachers Interesse an Technologie reicht weit zurück: Er studierte an der ETH Zürich Biotechnologie und begleitete während über zwei Jahrzehnten im Banking mehrere technologische Transformationsphasen – intern wie auch an der Kundenschnittstelle.
Heute sieht er Technologie und Finanzindustrie an einem entscheidenden Punkt: Blockchain sei weit mehr als nur Bitcoin oder Kryptowährungen. Als Infrastruktur für dezentrale Daten und Transaktionen eröffne sie neue Formen von Anwendungen – vorausgesetzt, sie finde den Weg in einen funktionierenden regulatorischen Rahmen: «Neue Technologien setzen sich dann durch, wenn sie in der realen Welt ankommen und institutionelle Sicherheit bieten», sagt er. Genau diesen Punkt habe der Blockchain-Sektor inzwischen erreicht.
Schweiz droht Bedeutungsverlust
Mit Blick auf den Finanzplatz Schweiz zeigt sich Rickenbacher differenziert, aber kritisch. Die Einführung der DLT-Gesetzgebung Ende der 2010er-Jahre sei ein mutiger und richtiger Schritt gewesen und habe die Grundlage für das Crypto Valley geschaffen. Heute fehle es jedoch an politischer Dynamik und einer klaren Vision, wie die Entwicklung gemeinsam vorangetrieben werden soll, sagt er: «Während andere Regionen – insbesondere die USA und der Nahe Osten – regulatorisch bewusst Raum für Innovation schaffen, droht der Schweiz ein schleichender Bedeutungsverlust.»
Dabei gehe es weniger um die Gefahr, dass Firmen abwandern, sondern mehr um Opportunitätskosten: Startups, die sich gar nicht erst in der Schweiz ansiedeln. «Für Gründer ist die Schweiz heute ein weniger attraktiver Standort als noch vor vier oder fünf Jahren», betont Rickenbacher. Stillstand bedeute Rückschritt – gerade in einem globalen Technologiefeld.
Die drei Wachstumssäulen von CV VC
In seiner Rolle als Präsident von CV VC sieht Rickenbacher drei zentrale Wachstumssäulen:
- Erstens: klassische Equity-Venture-Capital-Finanzierungen für Blockchain- und Web3-Unternehmen. Anders als viele US-Investoren setzt CV VC bewusst nicht auf kurzfristige Token-Plays, sondern auf Beteiligungen an Unternehmen mit nachhaltiger Wertschöpfung.
- Zweitens: der Accelerator-Ansatz. CV VC begleitet junge Firmen systematisch bei der Skalierung, zunehmend auch als Dienstleister für externe Protokolle, Fonds und Institutionen.
- Drittens: der Aufbau eines globalen Ökosystems. CV VC versteht sich als Vernetzer zwischen Industrie, Investoren, Regulatoren und Wissenschaft – in der Schweiz ebenso wie international.
Geografisch liegt der Fokus neben dem Heimmarkt Schweiz auf den USA, dem Nahen Osten und Afrika. Insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate positionieren sich aus Sicht Rickenbachers als technologieoffener Hub mit klaren Ambitionen. So hat CV VC jüngst den in Abu Dhabi ansässigen Accelerator Elixir übernommen, um der wachsenden Nachfrage nach grenzüberschreitend vernetzten Frühphasen-Accelerationsprogrammen für Blockchain, KI und digitale Ökonomie aus den VAE gerecht zu werden. In Afrika wiederum – mit einem Standort in Kapstadt – sieht er grosses Potenzial für Blockchain-Anwendungen, gerade in Märkten mit hoher Digitalaffinität und eingeschränktem Zugang zu klassischen Bankdienstleistungen.
«Wir stehen erst am Anfang»
Der Bankensektor ist generell in Bewegung. Rickenbacher erteilt den Schweizer Instituten im internationalen Vergleich ein gutes Zeugnis. Man sei technologisch betrachtet weit, insbesondere durch voll regulierte Krypto-Banken und zahlreiche Initiativen etablierter Häuser. «Entscheidend ist es jetzt, eigenes Technologie-Knowhow aufzubauen – von Verwahrung und Handel über Research bis hin zu Beratungsmodellen im regulierten Rahmen.»
Der eigentliche Durchbruch hat technologisch allerdings laut Rickenbacher noch nicht stattgefunden: Stablecoins, Tokenisierung und neue Anwendungen im Wertschriftenbereich seien wichtige erste Schritte, aber nicht mehr.
Blockchain als Basistechnologie
«Technologien werden dann wirklich relevant, wenn sie überall sind», sagt Rickenbacher. Blockchain habe das Potenzial, eine solche Basistechnologie zu werden – vergleichbar mit Datenbanken oder Cloud-Infrastruktur.
Wertschöpfung entstehe dabei nicht primär über Tokens, sondern über Unternehmen «aus Fleisch und Blut», die Produkte, Dienstleistungen und nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelten. Je grösser die technologische Basis und die institutionelle Reife seien, desto mehr Innovation werde möglich. Rickenbacher: «Wir stehen erst am Anfang dessen, was aus dieser Technologie entstehen kann.»















