Hakan Sesle: «Für UHNWI ist eine persönliche Betreuung immer noch der Schlüssel»
Die Verfügbarkeit von Marktdaten ist in den letzten 10 Jahren explodiert. Ist damit auch die Beratungsqualität gestiegen?
Grundsätzlich gilt, dass jeder zusätzliche Datenpunkt hilft, Prognosen zu verbessern. Immer mehr bedeutet aber nicht, immer besser. Es ist etwas komplexer.
Wie würden Sie die Entwicklung der letzten 10 Jahre zusammenfassen?
Das Angebot an Marktdaten ist stark gewachsen. Wir erhalten von allen Partnerbanken mehr Research-Informationen, aber auch viele unabhängige Anbieter sind schon fast auf Bankenniveau. Der Aufwand für Aggregierung und Interpretation hat zugenommen und gleichzeitig ist dieser Aufwand immer schwieriger zu verrechnen. Wir beurteilen die Entwicklung im Grundsatz aber positiv.
Was haben die Kundinnen und Kunden von diesem Daten-Tsunami?
Sie profitieren indirekt sehr stark. Voraussetzung ist aber, dass einerseits ihr Berater oder ihre Beraterin die Informationen zu kuratieren weiss und andererseits die genauen Bedürfnisse kennt. Unsere Aufgabe als Vermögensverwaltung ist die Aufbereitung der Daten, die Übersetzung in Informationen, die für den Kunden relevant sind und die Schaffung von Kontext.
«Gerade in Stressphasen oder disruptiven Situationen braucht es die Erfahrung aus anderen Ereignissen, um eine gefestigte Prognose machen zu können.»
Direkt haben Kundinnen und Kunden nichts von der Datenflut?
Sie haben selbst sicher einfacher Zugang zu Daten und sind in der Regel besser informiert als früher.
Ändert sich damit die Rolle des Relationship Managers?
Sie entwickelt sich permanent. Die Kunden wünschen sich Zusammenhänge, Hintergründe, Kontext und nicht nur Daten. Diese Kuratierungsfunktion wird komplexer, aber auch spannender für den RM.
Spielen Erfahrung und «Bauchgefühl» noch eine Rolle?
Ich bin überzeugt, dass diese Kompetenzen noch sehr wichtig sind. Gerade in Stressphasen oder disruptiven Situationen braucht es die Erfahrung aus anderen Ereignissen, um eine gefestigte Prognose machen zu können.
Kontext- und Sentiments-Analysen sind auch bereits datenbasiert verfügbar. Heisst das, der RM wird in der Funktion als Informationsvermittler überflüssig?
Geld ist etwas sehr Persönliches. Ich bin überzeugt, Kundinnen und Kunden erwarten auch in Zukunft vor allem Transparenz in den Entscheidungen, Verlässlichkeit, Entscheidungslogik und Nachvollziehbarkeit. Das spricht auch langfristig für eine hybride Lösung aus Menschen und Daten.
«Es braucht aber eine permanente Validierung, da Desinformationskampagnen und Bots auch im Finanzmarktresearch präsent sind.»
Wie genau erarbeitet Marcuard Heritage seine Marktprognosen?
Wir nutzen quellenübergreifende Informationen als Entscheidungsgrundlage, vor allem für gewisse Fokusthemen. Via Analysten und einem eigenen Scoringmodell erstellen wir eine qualitative Beurteilung, die in einem Investmentkomitee, in einem klar definierten Prozess, verabschiedet wird. Es bleibt aber immer Raum für individuelle Kundenwünsche. Zudem analysieren wir die Research-Qualität der einzelnen Quellen über die Zeit, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wer in welchen Segmenten stark ist.
Inwieweit nutzt Marcuard Heritage bereits AI-Tools?
Wir haben selbstverständlich entsprechende Intelligenz in unseren Analysen eingebaut, derzeit vor allem für Datenaufbereitung, Übersetzung und Monitoring von Events. Es braucht aber eine permanente Validierung, da Desinformationskampagnen und Bots auch im Finanzmarktresearch präsent sind.
Wird Software mittelfristig die bessere Beraterin?
Die Entwicklung ist nicht absehbar und ich kann nichts ausschliessen. Was aber auch klar ist: nur durch Datenmengen und software-basierte Auswertung kann sich kein Vermögensverwalter von seinen Mitbewerbern differenzieren. Das wird eine Art Commodity. Die Dateninterpretation, vor allem in schwierigen Märkten und das Matching dieser Informationen mit den Kundenbedürfnissen wird relevant sein für den langfristigen Unternehmenserfolg.
«Nur durch Datenmengen und software-basierte Auswertung kann sich kein Vermögensverwalter von seinen Mitbewerbern differenzieren»
Was ist dabei die Erfolgsformel von Marcuard Heritage?
Diese Formel gibt es nicht, aber wir haben Bausteine zur Verfügung, die nach wie vor unseren Erfolg stützen: einerseits haben wir dank vielen Partnerbanken Zugriff auf enorm viele Daten und wissen, wer wo stark ist. Zudem haben wir eine gelebte Kundennähe, die sicherstellt, dass wir wissen, wonach die Kundinnen und Kunden suchen und was ihnen wichtig ist. Dieses Wissen wirkt als individueller Filter bei der Dateninterpretation und ermöglicht massgeschneiderte Lösungen.
Sie glauben also nicht, dass Robo-Adviser in der Vermögensverwaltung nachhaltig Fuss fassen?
Bislang ist mir noch nichts begegnet, dass dies realistisch erscheinen lässt. Natürlich gibt es bereits rein daten- und regelbasierte Fonds und ich glaube auch, dass Analysten-Jobs gefährdet sind, aber für UHNWI ist eine persönliche Betreuung und Beratung immer noch der Schlüssel für die Kundenbeziehung.
Hakan Sesle ist seit 2019 Chief Investment Solution und seit 2025 Partner bei Marcuard Heritage. Zuvor war er bei EFG, BSI und Coutts im Bereich Investment Solutions tätig.













