Was Schweizer Banken von China lernen können


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Seit fast dreissig Jahren erklären westliche Medien China regelmässig zum wirtschaftlichen Problemfall. Prognostiziert wurden der Immobilienkollaps, eine Bankenkrise, die harte Landung oder gar der Zusammenbruch des chinesischen Wirtschaftsmodells.

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Grafik: Daniel Fasnacht

Und doch entwickelte sich China in derselben Zeit von der Werkbank der Welt zur zweitgrössten Volkswirtschaft, zum weltweit grössten Markt für digitale Zahlungen und zu einem der wichtigsten Innovationsstandorte für künstliche Intelligenz (KI), Elektromobilität, Robotik und Halbleiter. Für den Schweizer Finanzplatz stellt sich deshalb weniger die Frage, ob man China kopieren sollte, sondern welche strategischen Lehren sich aus dieser Entwicklung ziehen lassen.

China 3.0: Von der Werkbank zum KI-Ökosystem

China 1.0 stand für Reform, Öffnung und den Aufbau einer exportorientierten Industrie. China 2.0 begann mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 2001 und war geprägt von Urbanisierung, Digitalisierung und dem Aufstieg grosser Plattformökosysteme. Der Schwerpunkt hat sich damit von Wachstum auf technologische Führerschaft verschoben.

Seit 2020 befindet sich China in einer dritten Phase. Statt möglichst günstig zu produzieren, verfolgt das Land das Ziel, in den strategisch wichtigsten Zukunftstechnologien weltweit die Führungsrolle zu übernehmen. China 3.0 ist weit mehr als eine politische Vision. Gemäss dem Critical Technology Tracker des Australian Strategic Policy Institute (ASPI) führt China heute in 57 von 64 untersuchten Schlüsseltechnologien.

Generationenstrategie statt Denken in Wahlzyklen

Im Westen wird diese Entwicklung häufig unterschätzt, weil China vor allem durch geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und wirtschaftliche Herausforderungen wahrgenommen wird. Diese Herausforderungen sind real. Ebenso real ist jedoch, dass China in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bewiesen hat, fähig zu sein, wirtschaftliche Prioritäten grundlegend zu verändern und ganze Industrien innerhalb weniger Jahre neu auszurichten.

«China digitalisiert nicht mehr – China baut bereits die nächste Generation des Bankings.»

China denkt Innovation nicht in Wahlzyklen, sondern in Jahrzehnten. Die langfristige Strategie zielt darauf ab, das Land bis 2049 – dem 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik – als weltweit führende Innovations- und Technologiemacht zu etablieren. Der heutige Vorsprung in vielen Bereichen ist deshalb kein Zufall, sondern das Ergebnis einer konsequent verfolgten Generationenstrategie.

China verstehen, nicht kopieren

Gerade für den traditionsreichen Schweizer Finanzplatz liegt darin eine wichtige Erkenntnis. Es geht nicht darum, das chinesische System zu kopieren, sondern zu verstehen, wie langfristiges Denken, konsequente Investitionen in Zukunftstechnologien und der systematische Aufbau von Kompetenzen nachhaltige Wettbewerbsvorteile schaffen.

China betrachtet Digitalisierung heute zunehmend als Grundlage und nicht mehr als Endziel. Der Fokus liegt auf KI-gestützten Geschäftsmodellen, intelligenten branchenübergreifenden Ökosystemen und einer Arbeitswelt, in der Mensch und Maschine zusammenarbeiten.

Im Swiss Banking fehlen neue Kompetenzen

Die grösste Herausforderung der KI-Transformation ist nicht die Technologie, sondern der Mensch. Die aktuelle Accenture-Studie Top Banking Trends for 2026 bestätigt dies eindrücklich: Nur 28 Prozent der Mitarbeitenden fühlen sich ausreichend auf die KI-Transformation vorbereitet. Zwischen den strategischen Ambitionen des Managements und dem tatsächlichen Kompetenzniveau der Belegschaft klafft damit eine erhebliche Lücke.

Der Blick nach China zeigt, warum neue Kompetenzen wettbewerbsentscheidend werden. Digitale Innovationen werden dort deutlich schneller adaptiert als in Europa – nicht nur wegen technologischer Fortschritte, sondern weil die Voraussetzungen in Ausbildung und Arbeitswelt geschaffen wurden.

Kulturelle Offenheit gegenüber KI

Das chinesische Bildungssystem wurde konsequent auf Zukunftskompetenzen ausgerichtet: Tausende traditionelle Studiengänge wurden zugunsten von Programmen in KI, Robotik und anderen Disziplinen im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) umgestaltet oder ersetzt. Das Ergebnis ist eine Erwerbsbevölkerung, die KI zunehmend als selbstverständliches Werkzeug des Arbeitsalltags versteht.

Ebenso bemerkenswert ist die kulturelle Dimension. Während KI in Europa häufig mit Arbeitsplatzverlust, Regulierung und Risiken verbunden wird, betrachten viele Beschäftigte in China sie primär als Instrument zur Steigerung der eigenen Produktivität und als Chance zur beruflichen Weiterentwicklung. Diese Offenheit beschleunigt die Einführung neuer Technologien erheblich.

Mit der Stärke des Swiss Bankings verbinden

KI schafft dabei nicht nur Effizienz, sondern macht Daten verständlich und nutzbar. Indem sie komplexe Informationen in nachvollziehbare Empfehlungen und personalisierte Dienstleistungen übersetzt, entsteht konkreter Mehrwert für Kunden.

Die Fähigkeit chinesischer Unternehmen, Daten mit Hilfe von KI in nachvollziehbare Entscheidungen und personalisierte Dienstleistungen zu übersetzen, lässt sich ideal mit der grössten Stärke des Swiss Bankings verbinden – Vertrauen. Denn nachhaltiges Vertrauen entsteht heute nicht allein durch Diskretion, sondern zunehmend durch Transparenz und nachvollziehbare Entscheidungen.

Mut zum Perspektivenwechsel

China ist für Schweizer Banken ein wertvoller Referenzpunkt. Noch immer dominiert in vielen Schweizer Führungsetagen ein reflexhaftes Zögern, von China zu lernen – oft aus politischen, kulturellen oder regulatorischen Vorbehalten. Diese Haltung ist bequem, aber gefährlich. Während hierzulande noch über Digitalisierung, KI-Governance und Pilotprojekte diskutiert wird, ist die digitale Infrastruktur in China längst nicht mehr das Ziel, sondern die Voraussetzung für Geschäftsinnovation.

Diese Beobachtungen decken sich mit den Erfahrungen einer kürzlich durchgeführten Studienreise der Universität Zürich nach Shanghai und Hangzhou. Die teilnehmenden Führungskräfte berichteten übereinstimmend, dass chinesische Unternehmen nicht nur schneller umsetzen, sondern die Digitalisierungsphase in zentralen Bereichen hinter sich gelassen haben. Sie konzentrieren sich heute auf neue Geschäftsmodelle, Ökosysteme und datengetriebene Services.

Während Europa noch über Mobile Payment diskutierte, wurden QR-Codes in China bereits ab 2009 eingesetzt. Heute integrieren Super Apps wie Alipay und WeChat Dienstleistungen aus Handel, Mobilität, Gesundheit, Verwaltung, Reisen und Finanzdienstleistungen. Sie sind nicht mehr einzelne Apps, sondern Betriebssysteme des Alltags.

310-Modell für den Kreditprozess

Noch deutlicher wird der Vorsprung bei MYbank, der digitalen Bank im Ant-Group-Ökosystem. MYbank wurde 2015 gegründet und hat den Kreditprozess für KMU radikal automatisiert. Das sogenannte 310-Modell steht für: drei Minuten Antrag, eine Sekunde Kreditentscheid, null menschliche Intervention. Für Unternehmer bedeutet das: kein Filialtermin und kein manuelles KYC (Know your customer) mit Papierdossiers.

Die Bonitätsprüfung erfolgt datenbasiert über Transaktions-, Verhaltens- und Ökosystemdaten. Bemerkenswert ist jedoch vor allem die Kombination aus Geschwindigkeit, Skalierung und Qualität. Trotz vollständig automatisierter Kreditvergabe liegt die Ausfallrate bei rund 1,5 Prozent – und damit im Bereich oder unterhalb vieler traditioneller Firmenkredit- oder Kreditkartenportfolios. Das kumulierte Kreditvolumen von MYbank beläuft sich auf rund 600 Milliarden Franken, erwirtschaftet mit über 50 Millionen Kunden.

Von China lernen

KI ist kein Effizienzprogramm, sondern ein Kompetenz-, Kultur- und Geschäftsmodellthema. Wer sie auf Prozessoptimierung reduziert, unterschätzt ihre eigentliche strategische Bedeutung.

«Technologie lässt sich einkaufen. Wettbewerbsvorteile entstehen erst dort, wo Menschen lernen, sie besser einzusetzen als andere.»

Die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes entscheidet sich nicht zwischen Vertrauen und KI. Sie entscheidet sich dort, wo alles zusammenkommt: Schweizer Vertrauen, KI-gestützte Wertschöpfung und datenbasierte Transparenz. Wer diese Kombination beherrscht und gleichzeitig bereit ist, von chinesischen Innovationsführern zu lernen, wird die nächste Generation des Bankings mitgestalten.


Daniel Fasnacht ist Programmleiter, Director und Fellow Finance Executive Education an der Universität Zürich, Professor an der Kalaidos Fachhochschule Schweiz und Gastprofessor am IMD und der Zhejiang University. Er ist Gründer und CEO der Ecosystem Partners und Autor von vier Büchern über offene und digitale Ökosysteme. Frühere berufliche Stationen waren u.a. SAP, Accenture, Credit Suisse und Julius Bär.


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