Middle East: Das steckt hinter dem starken Wachstum im Private Banking
Herr Bruggisser, es heisst, wer im Nahen Osten als Bankier tätig ist, der sollte auch die Region kennen. Was ist Ihre persönliche Beziehung zum Nahen Osten?
Mein Vater war in der Uhrenindustrie tätig und reiste im Laufe seiner Karriere regelmässig in den Nahen Osten. Dort entwickelte er mit Erfolg mehrere renommierte Marken. Ich erhielt dank ihm einen frühen Einblick in die Region. Mein Vater war während meiner gesamten Laufbahn ein wichtiger Mentor: Er prägte mein Verständnis für langfristige Beziehungen, Vertrauen und Verantwortlichkeit.
Im Laufe der Jahre war ich nicht nur immer wieder beeindruckt vom bemerkenswerten Wachstum und der Dynamik der Region. Ich gewann auch einen frühen Eindruck über ihre Fähigkeit, Talente aus aller Welt anzuziehen, und die starke Ausstrahlung ihrer Werte. Die grosse Bedeutung menschlicher Beziehungen, von Vertrauen und langfristigen persönlichen Verbindungen, empfinde ich als besonders Sinn stiftend und inspirierend. Darauf lege ich auch heute besonderen Wert.
Es tickt also eine innere Uhr in Ihnen für den Orient. Wie ist Banque Pictet in der Region aufgestellt?
Die Banque Pictet bediente den Nahen Osten von vier Standorten aus: Genf, Zürich, London und Dubai. In der Golfmetropole Dubai unterhalten wir seit 2007 ein Repräsentanzbüro.
Wir wollen unsere Präsenz in der Region weiter auszubauen. Im Rahmen dieser Initiative planen wir, ausgewählten Kundenberatern aus unserer Gruppe die Möglichkeit zu geben, in die VAE zu wechseln. Gleichzeitig haben wir begonnen, lokale Talente zu rekrutieren.
«Die Ölpreise sinken aufgrund eines strukturellen Überangebots am Markt – ein Trend, der sich verstärkt.»
Dieser Ansatz stellt sicher, dass unsere einzigartige Kultur, Expertise und DNA in der Region gut vertreten sind, während wir zugleich von starkem lokalem Know-how und unserem langfristigen Engagement profitieren. Unser Geschäft dreht sich um Menschen und Vertrauen.
Die Beziehung zwischen Private Banker und Kunde ist vergleichbar mit der zwischen einem Arzt und seinem Patienten: Man hat jemanden gefunden, der einen versteht, dem man vertraut und der die richtige Beratung bietet. Diese Banden trennt man nicht einfach so. Pictet bietet dank einer niedrigen Mitarbeiterfluktuation von rund sieben Prozent, die deutlich unter der unserer Wettbewerber liegt, stabile Beziehungen.
Wie beurteilt Pictet die makroökonomischen und geopolitischen Risiken im Nahen Osten? Schwankende Rohölpreise, regionale Spannungen, globale Konjunkturbelastungen: Wie prägen diese Faktoren die Strategien im Private Banking in der Region?
Aus wirtschaftlicher Sicht haben regionale Spannungen bislang nicht zu höheren Ölpreisen geführt, die ein entscheidender Faktor für die globalen Konjunkturbedingungen bleiben. Tatsächlich sinken die Ölpreise aufgrund eines strukturellen Überangebots am Markt – ein Trend, der sich verstärkt, da China sich zunehmend von fossilen Brennstoffen abwendet und auf erneuerbare Energien setzt.
Damit geopolitische Spannungen spürbare Auswirkungen auf die Märkte hätten, müsste es zu einem Anstieg der Ölpreise kommen, was höhere Inflation nach sich ziehen und Zentralbanken möglicherweise zu einer Neubewertung ihrer Geldpolitik veranlassen würde. Jüngste Ereignisse in Venezuela stützen diese Einschätzung.
Makroökonomische und geopolitische Spannungen im Nahen Osten – und darüber hinaus – berücksichtigen wir bei Investitionen im Auftrag unserer Kunden. So bevorzugen wir reale Vermögenswerte mit substanziellem Wert, etwa Edelmetalle. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund eines schwächeren Dollars. Trotz dieser Spannungen bleibt unser Engagement im Nahen Osten unverändert und langfristig ausgerichtet – umso mehr, da die Welt zunehmend polarisiert ist und Investoren nach Stabilität und einer wirklich globalen Asset-Allokation suchen.
Wie beurteilt Pictet angesichts jüngster Trends das Wachstumspotenzial der Vermögensbildung im GCC in den nächsten drei bis fünf Jahren?
Die Region ist der am schnellsten wachsende Standort für High-Net-Worth-Individuals (HNWIs) und Single-Family-Offices (SFOs) und profitiert von einem robusten Ökosystem sowie Dubais Position als führendes Finanzzentrum.
«Unsere Struktur verschafft uns einen entscheidenden Vorteil.»
In den kommenden drei bis fünf Jahren erwarten wir weiteres Wachstum, getragen von neuen Vermögenszuflüssen – sowohl durch Zuzüge aus Europa als auch aus der Region selbst – sowie durch anhaltendes organisches Wirtschaftswachstum. Family Offices stellen für uns ein zentrales Segment dar. Sie profitieren von unserem erstklassigen Global-Custody-Angebot sowie von unseren institutionellen Anlagelösungen über unsere Asset-Management-Einheit PAM.
Wie sieht Pictet die Entwicklung des Wettbewerbs im Private Banking im Nahen Osten – insbesondere angesichts der Expansion anderer globaler und regionaler Finanzinstitute?
Der Wettbewerb im Nahen Osten hat sich naturgemäss intensiviert, da sowohl internationale als auch lokale Banken die Bedeutung und das langfristige Potenzial im arabischen Raum erkannt haben. Viele Marktteilnehmer bauen derzeit ihre Präsenz aus. Dennoch bleibt die Positionierung von Pictet einzigartig.
Pictet ist eine privat gehaltene Partnerschaft. Pictet ist nach wie vor familiengeführt: zwei unserer sieben geschäftsführenden Partner stammen aus den Gründerfamilien des vor über 220 Jahren gegründeten Hauses. Sie stehen mit ihrem Namen für das Unternehmen und sind ihren Kunden direkt verantwortlich – eine Seltenheit in der heutigen Finanzindustrie.
Unsere Struktur verschafft uns einen entscheidenden Vorteil: Wir agieren ohne Interessenkonflikte und ohne den kurzfristigen Druck börsennotierter Institute. Wir müssen keine Quartalsergebnisse liefern. Wir können konsequent langfristig denken. Dass dieses Modell funktioniert, zeigen die jüngsten Zahlen: Pictet hat ein Gesamtvermögen von 950 Milliarden Dollar erreicht. Darüber hinaus hat Pictet in seiner Geschichte zudem nie eine Akquisition getätigt, da wir sehr konservativ agieren und glauben, dass M&A erhebliche Risiken birgt und unseren Kunden nicht zugutekommt.
Welche Investitionen tätigt Pictet angesichts der beschleunigten digitalen Transformation und KI-Adoption ?
Pictet investiert erheblich in Technologie und die digitale Kundenerfahrung – nicht nur im Nahen Osten, auch global. Der Innovationsansatz der Bank ist tief in Pictets Tradition von Unternehmertum und langfristigem Denken verwurzelt. Zugleich ist er von Anspruch getragen, technologischen Fortschritt voranzutreiben. Der Fokus liegt darauf, Effizienz zu steigern und langfristiges Wachstum zu fördern, indem digitale Werkzeuge die menschliche Interaktion ergänzen und erweitern, anstatt sie zu ersetzen.
Gerade in Gebieten wie dem Nahen Osten bleibt der menschliche Faktor auch trotz fortschreitender Digitalisierung zentral. Ein prominentes Beispiel ist die Einführung der Pictet-Quest-AI-Strategie im Asset-Management, die künstliche Intelligenz nutzt, um für Kunden Überrenditen zu erzielen. Diese Initiative wurde sehr positiv aufgenommen und zeigt, wie Technologie die Finanzberatung und Anlageergebnisse verbessern kann.
Rechnet Pictet mit einer stärkeren Nachfrage nach alternativen Anlagen, privaten Märkten, Realwert-Allokationen oder Private-Equity-/Co-Investment-Strukturen, die in der Region an Bedeutung gewinnen?
Mit Pictet Alternative Advisors (PAA), der Einheit für alternative Anlagen der Pictet-Gruppe, die heute 50 Milliarden Dollar verwaltet, zählen wir zu den Pionieren in diesem Bereich. Unsere Stabilität als Investmentpartner verschafft uns privilegierten Zugang zu führenden Akteuren der Alternativen-Industrie. In fünf Jahren haben wir unsere Mitarbeiterzahl auf rund 150 verdoppelt.
Seit 35 Jahren investieren wir in Private Equity Fund of Funds und haben eigene Teams für direkte Private-Equity-, Immobilien- und Private-Debt-Investitionen aufgebaut. Private-Market-Anlagen sind für die meisten unserer Kunden in der Region eine strategische Anlageklasse.
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