Middle East: Das steckt hinter dem starken Wachstum im Private Banking

Wie integriert Pictet ESG/Nachhaltigkeit, Risikomanagement (Cybersicherheit, Compliance) und regulatorische Entwicklungen in sein Private-Banking-Angebot für Kunden im Nahen Osten?

Pictet legt grossen Wert auf ein robustes Risikomanagement, einschliesslich fortschrittlicher Cybersicherheitsmassnahmen zum Schutz sensibler Daten und Vermögenswerte, sowie auf die Einhaltung globaler und lokaler Vorschriften. Gleichzeitig integrieren wir ESG-Prinzipien in unser Private-Banking-Angebot für interessierte Kunden im Nahen Osten. Pictet hat die Net-Zero-Asset-Managers-Initiative unterzeichnet und sich damit verpflichtet, finanzielle Risiken und Chancen im Zusammenhang mit dem Klimawandel anzugehen. Zudem hat Pictet von der Science Based Targets Initiative (SBTi) validierte Ziele übernommen und richtet seine Aktivitäten am globalen Ziel aus, den Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 °C zu begrenzen.

«Wir  prüfen Möglichkeiten, unsere Onshore-Kompetenzen auszubauen.»

Wie strukturiert Pictet angesichts des sich wandelnden regulatorischen Umfelds und der Onshore-Buchungslandschaft in den VAE und im GCC (Golfkooperationsrat, also Saudi-Arabien, VAE, Kuwait, Bahrain, Katar und Oman) Angebote für Kunden, die lokale Onshore-Lösungen gegenüber traditionellen Offshore-/Private-Banking-Modellen suchen?

Das Private-Banking-Modell von Pictet im Nahen Osten ist primär auf Offshore-Lösungen ausgerichtet. Gleichzeitig erkennen wir die wachsende Nachfrage nach lokalen Onshore-Lösungen in den VAE und im GCC. Während lokale Anbieter gut positioniert sind, um Expertise bei inländischen Investitionen zu liefern, prüfen wir Möglichkeiten, unsere Onshore-Kompetenzen auszubauen, um Kunden mit spezifischen lokalen Bedürfnissen besser zu bedienen – bei gleichzeitiger Wahrung unserer globalen Perspektive.

Wie geht Pictet bei Kunden mit diversifizierter Exponierung (Immobilien, Unternehmensbeteiligungen in mehreren Jurisdiktionen) an multijurisdiktionale Vermögensstrukturierung und grenzüberschreitende Beratung heran?

Unsere Wealth-Planer bei Pictet sind darauf spezialisiert, Kunden mit Vermögenswerten und Interessen in mehreren Jurisdiktionen zu unterstützen. Wir verfolgen einen ganzheitlichen und personalisierten Ansatz zur Verwaltung und Sicherung von Vermögen. Dazu gehören massgeschneiderte Lösungen wie Trusts, Stiftungen und Holdinggesellschaften in Jurisdiktionen wie der Schweiz, den VAE und Jersey. Unser Team stellt die Einhaltung globaler Vorschriften wie CRS und FATCA sicher und fokussiert sich zugleich auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden.

«Die Performance ist entscheidend, aber nicht ausreichend.»

Wie schätzen Sie die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen 2026 ein?

Wir erwarten bis 2026 eine steigende Nachfrage, getrieben durch den zunehmenden Wohlstand von HNWIs im Nahen Osten, den Great Wealth Transfer, wachsendes Interesse an globalen Anlagemöglichkeiten, geopolitische Veränderungen sowie den Bedarf an koordinierten internationalen Strategien. Als familiengeführte Bank ist Pictet hervorragend positioniert, Familien mit vorausschauenden und massgeschneiderten Lösungen durch diese Komplexität zu begleiten.

Welchen wichtigsten Mehrwert sieht Pictet für Kunden in Nahost jenseits reiner Portfolioerträge (z. B. Nachlassplanung, Legacy-/Family-Office-Services, Nachfolgeplanung, Zugang zu exklusiven Private-Market-Deals)?

Die Performance ist entscheidend, aber nicht ausreichend; Familien suchen ebenso Kontinuität, Ausbildung der nächsten Generation, Nachfolgeplanung und Zugang zu illiquiden Chancen, die mit institutioneller Sorgfalt geprüft sind. Unser Family-Advisory-Team berät Hausstände in Fragen der Governance. Familien-Governance ist ein strukturierter Ansatz, der Familien hilft, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und über Generationen hinweg geeint zu bleiben. Sie schafft Klarheit über Rollen, Werte und Ausrichtung und ermöglicht es, Veränderungen souverän zu bewältigen.

Wir entwickeln praxisnahe Governance- und Nachfolgekonzepte, zugeschnitten auf MENA-Familienstrukturen – etwa Holdinggesellschaften, Family Offices und Investmentkomitees –, um die Aufsicht zu professionalisieren und zugleich Werte und Vermächtnis zu bewahren. Dazu zählen Familiencharten, die Kodifizierung von Werten sowie die Einbindung der nächsten Generation, um reibungslose Übergänge sicherzustellen. Ergänzend bieten wir grenzüberschreitende Vermögens- und Nachlassplanung sowie strukturierte Philanthropie an, um familiäres Erbe und gesellschaftliche Verantwortung in messbare Wirkung zu übersetzen.

Wie plant Pictet angesichts unsicherer globaler Zinsen, Bewertungen, Inflation und Währungsschwankungen, Risiken zu steuern und Renditen für Kunden im Nahen Osten 2026 zu erzielen?

Wir haben unsere strategischen Asset-Allokationen an das sich wandelnde globale Umfeld angepasst. Ein besonderes Augenmerk liegt auf die Position der USA im Verhältnis zu ihren wichtigsten Gläubigern. Diese Analyse unterstreicht die Bedeutung der Währungsallokation als Schlüsselfaktor in Kundenportfolios. Infolgedessen wird der Anteil von Dollar-Anlagen für dollarbasierte Kunden deutlich höher sein als für Kunden mit Euro-, Schweizer-Franken- oder Pfund-Basiswährung. Zudem sollte unsere Erwartung eines langfristigen Rückgangs des Greenbacks US-Aktien zugutekommen, da viele US-Multinationals einen erheblichen Teil ihrer Umsätze in Nicht-Dollar-Währungen erzielen.

Wie beurteilt Pictet Liquidität und Exit-Flexibilität bei Private-Market- und alternativen Anlagen für Kunden in der Region – insbesondere angesichts des Interesses an Co-Investments, Secondaries oder Continuation Vehicles?

In diesem Kontext konzentrieren wir uns als Investoren auf hochwertige Vermögenswerte führender GPs, bei denen längere Haltedauern echten Mehrwert schaffen. Jüngste Medienberichte haben den zunehmenden Einsatz von Continuation Vehicles im Private Equity hervorgehoben.

Während sie früher aufgrund von Interessenkonflikten kritisch gesehen wurden, gelten CVs heute als strategische Instrumente, um Engagements in hochwertigen Anlagevermögen mit weiterem Wertschöpfungspotenzial zu halten. Sie ermöglichen GPs, Top-Unternehmen länger zu halten. Gleichzeitig geben sie LPs die Wahl zwischen Weiterinvestition oder Exit. Dies ist besonders wertvoll, wenn traditionelle Exits wie IPOs oder M&A eingeschränkt sind. Die zentrale Herausforderung liegt in der Bewertung, da Verkäufer und Käufer oft demselben GP zuzurechnen sind. Dem begegnet die Branche mit unabhängigen Bewertungen, externer Preisfindung, Aufsicht durch LP-Advisory-Committees sowie klaren Optionen für LPs, um Fairness und Transparenz zu gewährleisten.

Wie balanciert Pictet konservative Vermögenserhaltungsstrategien mit wachstumsorientierten Allokationen in einem Teil des Globus, in dem Vermögensaufbau und Diversifikation beschleunigt werden?

Als Vermögensverwalter ist es die erste Aufgabe von Pictet, die Ziele und Bedürfnisse der Kunden zu verstehen. Für jeden Kunden ist es entscheidend, die Auswirkungen eines konservativen oder wachstumsorientierten Profils zu erfassen. Daher investieren wir viel Zeit in Gespräche über Anlageziele, gestützt auf unsere langfristigen Renditeerwartungen und historische Beispiele bedeutender Marktrückgänge. Die strategische Asset-Allokation unserer Kunden sollte ihre Ziele widerspiegeln und zugleich ein für sie akzeptables Risikoniveau aufweisen.

Wie stellt Pictet angesichts steigender regulatorischer, Compliance- und Cybersicherheitsanforderungen im GCC Robustheit sicher und wahrt gleichzeitig Vertraulichkeit und Kundenerlebnis?

Cybersicherheit und Compliance sind strategische Prioritäten. Schweizer Finanzinstitute unterliegen einigen der weltweit strengsten Standards. Für Kunden bedeutet das: eine solide Infrastruktur, hohe Vertraulichkeit und rigorose Kontrollen, die ihr Vermögen vor operativen und regulatorischen Risiken schützen.

«Wir sind die Bank der Familien.»

Wie sieht der erwartete Zeitplan und die Kriterien für das Onboarding neuer Kunden aus dem Nahen Osten 2026 aus?

Wir halten uns strikt an internationale Vorschriften und lokale Cross-Border-Anforderungen. Die Zeitpläne hängen von der Struktur des Kunden, der Vollständigkeit der Dokumentation und den beteiligten Jurisdiktionen ab. Unsere Priorität ist ein effizientes und zeitnahes Onboarding bei kompromisslos hohen Standards in Due Diligence und Compliance. Wir sind verpflichtet, termingerecht zu liefern und die spezifischen Bedürfnisse unserer Kunden zu erfüllen.

Wie passt Pictet sein Relationship-Management- und Beratungsmodell für «Next-Generation»-Kunden an?

Wir sind die Bank der Familien. Unser Ansatz für die nächste Generation ist eine Weiterentwicklung: Wir integrieren generationale Empathie, Bildung und Co-Creation in unser bestehendes langfristiges Modell, statt einen separaten Ansatz zu verfolgen. Das entspricht der Entwicklung vieler MENA-Family-Offices, die Governance stärken, Nachfolge priorisieren und die nächste Generation auf Führungsrollen vorbereiten, während sie Kernwerte und Kontinuität bewahren. Geleitet vom Pictet-Fortress-Modell verfolgen wir einen langfristigen, umsichtig gesteuerten Ansatz der Vermögensbewahrung. Die Anpassung an die Bedürfnisse der nächsten Generation ist für uns mehr als eine geschäftliche Notwendigkeit – sie ist eine Quelle der Inspiration.


Yves Bruggisser ist Head of Pictet Wealth Management für den Mittleren Osten und Afrika bei der Banque Pictet.

Er trat 1999 in die Pictet-Gruppe ein und hat seither eine langjährige Karriere in den Bereichen Research, Anlageberatung und Private Banking aufgebaut. Nach seinem Einstieg als Buy-Side-Finanzanalyst mit Schwerpunkt auf US-Konsumgüteraktien wechselte er in das Middle-East-Team von Pictet Wealth Management, wo er als Investment Specialist tätig war. 2008 wurde er zum Senior Private Banker ernannt, 2014 übernahm er die Funktion des Teamleiters.


Im Jahr 2020 wurde er zum Equity Partner ernannt und trat 2022 in das Executive Board von Pictet Wealth Management ein. In dieser Funktion verantwortet er die Region Mittlerer Osten und Afrika und betreut Kunden von den Standorten Genf, Zürich, Dubai und London aus. Vor seiner Tätigkeit bei Pictet arbeitete er als Senior Auditor bei EY.