Das sind die wirtschaftlichen Folgen des Krieges

Christian Gattiker, Chefstratege und Leiter Research bei Julius Bär, schreibt von einer «hochdynamische Lage mit potenziell unbeabsichtigten Nebenwirkungen, die über die bisherigen Konfliktmuster hinausgehen können.» Die aktuelle US-Regierung habe mehrfach angekündigt, langfristige militärische Engagements in entfernten Regionen vermeiden zu wollen. «Daraus und angesichts der anstehenden Zwischenwahlen im Herbst ergibt sich weiterhin eine realistische Chance, dass Washington in den kommenden Tagen oder Wochen sich zum Sieger erklärt und eine Deeskalation anstrebt – insbesondere, da die bislang begrenzte Reaktion anderer Regionalmächte Irans zunehmende Isolation unterstreicht.

Dennoch bleibt für Gattiker das Risiko einer weiteren Eskalation oder anhaltender Störungen globaler Energie- und Handelsströme bestehen.» Entscheidend bleibe das Risikomanagement: «Die Bandbreite möglicher Entwicklungen reicht von rascher politischer Beruhigung bis hin zu breiter regionaler Ausweitung.»

Kein grosser Produzent

«Zum jetzigen Zeitpunkt sind die wirtschaftlichen Fundamentaldaten weiterhin solide, aber es ist noch zu früh, um dauerhafte Auswirkungen zu quantifizieren. Vieles wird von der Dauer und Intensität des Konflikts sowie von seinen Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte abhängen», erläutert Valentin Bissat, Chief Economist und Senior Strategist bei Mirabaud. Der Iran sei kein bedeutender Ölproduzent mehr, und seine Fördermenge könnte theoretisch durch die Reservekapazitäten Saudi Arabiens ausgeglichen werden. Die grössten Risiken bestehen jedoch in der Logistik, mit der die Produktion aus dem Nahen Osten auf die globalen Märkte gebracht wird. 

Über die maritimen Risiken hinaus könnte eine Verschärfung der Spannungen die Wahrscheinlichkeit von Angriffen auf die Öl- und Gasinfrastruktur im gesamten Golf durch den Iran oder mit ihm verbündete nichtstaatliche Akteure erhöhen. Solche Störungen hätten womöglich unmittelbare Auswirkungen auf die Produktionskapazität, die Transitrouten und die Marktstimmung. Ein anhaltender Anstieg der Ölpreise könnte letztlich zu einer globalen Inflation führen und damit den Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik einschränken. 

Zinsen im Auge

«Neben dem Ölpreis sollte die Reaktion der langfristigen US-Zinsen im Auge behalten werden», schreibt Arthur Jurus, Head of Investment Office bei Oddo BHF Schweiz. «Seit Jahresbeginn sind die zehnjährigen US-Renditen um 30 Basispunkte auf 4 Prozent gefallen, während die Energiepreise stiegen – eine ungewöhnliche Konstellation. Theoretisch erhöhen steigende Energiepreise die Inflationserwartungen und damit die Zinsen. Praktisch steigert ein signifikanter militärischer Konflikt die Nachfrage nach sicheren Anlagen wie US-Staatsanleihen, was die Renditen senkt. Werden Inflation und Konjunkturabschwächung gleichzeitig erwartet, kann die Absicherungsfunktion weniger effektiv sein.»

Derzeit bestehe keine Gewissheit über eine nachhaltige Inflationsbeschleunigung, da diese von der Konfliktdauer abhänge. Ziel sei daher nicht, den Konflikt zu «timen», sondern die Portfolioresilienz zu erhöhen. Unter der Annahme eines stagflationären Regimes (schwaches Wachstum, hohe Inflation) bedeute dies, die Exponierung gegenüber zinssensitiven Vermögenswerten – insbesondere langlaufenden Anleihen mit hoher Duration – zu reduzieren. «Bevorzugt werden sollten Segmente mit Preissetzungsmacht, Rohstoff- und Energiesektoren sowie reale Vermögenswerte wie Edelmetalle, Infrastruktur und vom traditionellen Zyklus entkoppelte Anlagen. Schliesslich spielt die Währungsdiversifikation eine zentrale Rolle, insbesondere über sichere Häfen wie den Schweizer Franken, um finanzielle Spannungen abzufedern und die Kaufkraft bei einem anhaltenden externen Schock zu bewahren.»

Berenberg: Abverkäufe als Chance

«Die Aktienmärkte haben geopolitische Schocks in der Vergangenheit gut verdaut: Nach kurzer Konsolidierung folgten oft geringfügige, kurzlebige Rücksetzer – selbst bei deutlichen Ölpreisanstiegen», schreibt Berenberg in einem Kommentar. «Da viele Marktteilnehmer – inklusive wir – die Aktienquote im Vorfeld schon reduziert respektive sich am Optionsmarkt abgesichert haben, dürfte das Abwärtspotenzial bei Aktien zunächst begrenzt sein.»

Sollte der Ölpreis jedoch monatelang hoch bleiben, drohen höhere Zinsen und Margendruck: Ein Rücksetzer wie 2022 wäre denkbar. Dies sei jedoch nicht das Basisszenario. Berenberg hält entsprechend am leichten Aktienübergewicht fest und sieht grössere Abverkäufe als Chance, das Aktienübergewicht auszubauen – allerdings auch mit der Bereitschaft zur Reduktion, falls sich ein Regimewechsel zu einem dauerhaft erhöhten Ölpreis abzeichnet. 

Staatsanleihen seien in einem Ölpreisschock nicht automatisch ein «sicherer Hafen», weil Inflation und gegebenfalls die Inflationserwartungen die reale Rendite belasten können. Gold hingegen habe historisch in solchen Phasen stark performt. 

DWS: Angriff kam erwartet

«Kurzfristig erwarten wir, dass als sicher geltende Anlagen wie Bundesanleihen und US‑Treasuries profitieren. Längerfristige Auswirkungen hängen davon ab, wie sich die Entwicklung des Ölpreises auf Wachstum und Inflation auswirkt», sagt Oliver Eichmann, Head of Rates, EM and Duration für EMEA bei DWS.

Xueming Song, Currency Strategist bei DWS, erklärt: «Angesichts der erhöhten geopolitischen Unsicherheit erwarten wir, dass Währungen, die historisch als sichere Häfen gelten – wie der US‑Dollar und der Schweizer Franken – aufwerten, während risikosensitivere Währungen der Schwellenländer unter Druck geraten könnten.»

Die Kapitalmärkte hatten einen militärischen Schlag bereits antizipiert. Laut Polymarket haben die getätigten Wetten eine erhebliche Wahrscheinlichkeit eines Angriffs bis Ende März eingepreist. Thomas Bucher, Head of Investment Strategy Equity bei DWS, merkt an: «Solange die US‑Militäraktionen lokal begrenzt bleiben, erwarten wir, dass die Aktienmärkte nicht stark reagieren und keinen dauerhaften Schaden nehmen.»