Monica Dahinden: «Der Job als Teil der Life-Domain-Balance»


Frau Dahinden, die Finanzbranche hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark gewandelt. Wie haben sie diese Veränderungen als HR-Verantwortliche bei verschiedenen Banken erlebt?

Am Beispiel von HR wird der Wandel gut sichtbar: HR ist heute Teil der strategischen Führung und gestaltet Kultur, Philosophie und Kompetenzen aktiv mit. Mit der Transformation der Branche haben sich auch die gesuchten Profile verändert und damit Talentmanagement und -suche. Zudem haben Restrukturierungen und mehr Regulation die Komplexität im HR zusätzlich erhöht. Zusammengefasst: aus meiner Sicht ist HR heute ein viel aktiverer, geschäftsrelevanterer Bereich als noch vor 20 Jahren.

Was hat sich bezüglich der Bedürfnisse der Mitarbeitenden vor allem geändert?

Ganz generell glaube ich, dass Transparenz und Perspektiven für Mitarbeitende immer wichtiger geworden sind. Transparenz im Sinne von Einbezug, Nachvollziehbarkeit von Entscheiden und Perspektiven im Sinne von persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Ist diese Entwicklung den neuen Generationen von Mitarbeitenden geschuldet?

Zum Teil ist dem sicher so. Es ist aber auch eine Frage des Zeitgeistes. Klassisch hierarchisch organisierte Unternehmen verlieren an Attraktivität. Mitarbeitende wollen sich einbringen können und sehen den Job als Teil ihrer Life-Domain-Balance. Eine offene Arbeitsatmosphäre und intensive Kommunikation schaffen aus meiner Sicht auch Sicherheit für Mitarbeitende. Diese Sicherheit bringt Loyalität.

«Marcuard Heritage muss aber auch für neue Kunden eine Perspektive bieten, die internationaler leben, technologie-affiner sind und dies auch von ihrem Vermögensverwalter erwarten.»

Welche Rolle spielen monetäre Anreize?

Die Finanzbranche, v.a. die Grossbanken haben dazu ein paar unrühmliche Kapitel geschrieben. Als unabhängiger Vermögensverwalter ist das Geschäftsmodell sehr viel unternehmerischer. Wenn wir gut zuhören, gut beraten und die Kundinnen und Kunden uns vertrauen, verdienen wir Geld. Sonst nicht. It’s People’s Business.

Sie haben bei drei grossen Schweizer Banken gearbeitet. Wir unterschiedlich waren diese drei Kulturen?

Sie waren und sind unterschiedlicher, als man von aussen betrachtet, denken würde. Kultur entsteht nicht zufällig, sondern ist stark geprägt von Führung und Historie. Die jeweilige Gründergeschichte, prägende Erfolgsphasen, aber auch Krisen und Misserfolge hinterlassen sichtbare Spuren im Selbstverständnis einer Organisation. Diese kulturellen Prägungen zeigen sich im Führungsstil, im Umgang mit Risiko, in der Entscheidungsdynamik und in der Art, wie Verantwortung gelebt wird. Und je nach Profil sind die Banken attraktiv für einen bestimmten Typus KundIn oder MitarbeiterIn.

Mit dem Wechsel in den Verwaltungsrat von Marcuard Heritage Schweiz haben sie nun einen anderen Blickwinkel und arbeiten in einem ganz anderen Setting bzgl. Grösse und Profil des Unternehmens. Was ist daran reizvoll?

Vermögensverwalter und Banken wünschen sich beide stabile Kundenbeziehungen. Bei Marcuard Heritage haben wir die Möglichkeit, sehr viel fokussierter auf die Kundenbedürfnisse einzugehen. Durch unser breites Netzwerk an Bankpartnern und unsere Unabhängigkeit bezüglich Produkte, können wir viel individueller beraten als eine Grossbank. Marcuard Heritage ist als Unternehmen in einer Phase der Transformation und Diversifikation. Die nächste Generation von Unternehmern wurde ins Aktionariat eingebunden, neue Märkte werden erschlossen und wir bauen unsere internationalen Standorte aus. Diese Entwicklung mitzugestalten ist für mich sehr reizvoll.

Was sind in einer solchen Transformation die grössten Herausforderungen?

Die wesentlichen Stichworte sind Generationenwechsel, Perspektiven und Zukunftskompetenzen. Generationenwechsel müssen auf zwei Ebenen begleitet werden: von den Gründern von Marcuard Heritage zu den neuen Partnern und von der ersten Kundengeneration zu deren Nachkommen. Marcuard Heritage muss aber auch für neue Kunden eine Perspektive bieten, die internationaler leben, technologie-affiner sind und dies auch von ihrem Vermögensverwalter erwarten.

Wie gelingt ein solcher Generationenwechsel?

Veränderungen sind Teil jeder Entwicklung. Bei Unternehmen, die stark von ihren Gründern geprägt sind, ist es wichtig, die Marke an sich zu stärken. Die Marke rückt an die Stelle von einzelnen Persönlichkeiten und repräsentiert Haltung und Purpose der Organisation gegen innen und aussen. Die Marke wird im besten Fall zeitlos aktuell und relevant und somit weniger abhängig von Personen. Gleichzeitig basiert das Geschäftsmodell weiterhin auf einer persönlichen, nahen Kundenbeziehung. Dieses Profil wollen wir weiter stärken: aktuell, relevant, persönlich, nah.

«Vertrauen entsteht über Zeit. Dafür bieten wir ein sehr attraktives Umfeld.»

Ist die Technologisierung der Branche Fluch oder Segen?

Ich bin überzeugt, dass Technologiekompetenz ein Schlüssel für den zukünftigen Erfolg einer Vermögensverwaltung ist. Technologie treibt u.a. die Transformation an, kann sie aber auch unterstützen, indem Prozesse verbessert, Leistungen und Qualität gesteigert werden. Unsere Relationship Manager profitieren von breit und schnell verfügbaren Daten zu Märkten und Branchen. Künstliche Intelligenz unterstützt uns dabei, zu gewichten und Datenmengen zu strukturieren. Und last but not least: Datenanalyse und -interpretation stärken die Risikokultur und das Risikobewusstsein.

Sie haben in den letzten 20 Jahren unzählige Mitarbeitende rekrutiert und entwickelt. Was sind Kompetenzen, die sie für Marcuard Heritage im Markt suchen?

Wir suchen Persönlichkeiten, die ambitioniert sind und eine langfristige Perspektive suchen. Wir betreuen unsere Kundinnen und Kunden über Jahre und zum Teil über Generationen hinweg. Diese Form von Kundenbeziehung schafft Raum für unternehmerisches Denken und Gestaltungsmöglichkeiten. Vertrauen entsteht über Zeit. Dafür bieten wir ein sehr attraktives Umfeld.


Monica Dahinden ist Absolventin der Universität St. Gallen und hat nach dem Berufseinstieg im Versicherungsumfeld über 20 Jahren als HR-Verantwortliche in verschiedenen Funktionen bei Bank Julius Bär, Credit Suisse und UBS gearbeitet. Sie ist seit 2025 Verwaltungsrätin bei Marcuard Heritage Schweiz.