«Reputation ist bei uns ein Gemeinschaftsgut»

Der Finanzplatz Liechtenstein lebt von Stabilität und Reputation. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die kollektive Verantwortung der Institute für das Gesamtbild des Standorts?

In einem kleinen Finanzplatz ist Reputation ein Gemeinschaftsgut. Ein einzelner Fehlentscheid kann das Vertrauen in den ganzen Standort beeinträchtigen. Entsprechend wichtig ist die professionelle Zusammenarbeit im Bankenverband – im Vorstand erlebe ich einen konstruktiven, vorausschauenden Austausch. 

Eine weitere Stärke Liechtensteins ist das Zusammenspiel über Verbandsgrenzen hinaus: Banken, andere Verbände, Politik und Aufsicht arbeiten in vielen Themen direkt und lösungsorientiert zusammen. Wenn wir klare Standards definieren und leben, bleibt Liechtenstein ein verlässlicher und moderner Finanzplatz.

Digitalisierung verändert Prozesse, aber auch Kundenbeziehungen. Wo sehen Sie für kleinere Banken echte Chancen – und wo klare Grenzen? 

Für eine Privatbank ist Digitalisierung – und zunehmend auch KI – vor allem ein Mittel, die Qualität zu steigern, nicht die Quantität. Ziel ist nicht, mehr Kontakte zu generieren, sondern bestehende Kundenbeziehungen besser zu verstehen und besser zu begleiten. 

«Komplexe Bedürfnisse lassen sich nicht standardisieren.»

Eine zentrale Grenze für kleinere Banken ist die «make or buy»-Frage: Entscheidend ist selten, Technologie selbst zu bauen, sondern passende Lösungen auszuwählen und pragmatisch umzusetzen. 

Im Bereich KI beispielsweise haben wir uns bewusst für die buy-Variante bzw. für einen spezialisierten Partner entschieden. Gemeinsam haben wir eine vertikal integrierte Plattform rasch und zielgerichtet in unsere Bankprozesse integriert – statt auf eine breite horizontale Standardlösung zu setzen. 

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Die zweite Grenze ist die Individualität der Kundschaft: Komplexe Bedürfnisse lassen sich nicht standardisieren. Im Private Banking bleibt das persönliche Urteil im Dialog zentral – digitale Werkzeuge sollen es schärfen, nicht ersetzen.

Im internationalen Wettbewerb um Vermögen zählt nicht nur Grösse, sondern Profil. Welche Kundensegmente und Kompetenzen werden für Banken in Liechtenstein künftig besonders relevant?

Abgesehen von global systemrelevanten Banken wird Profil wichtiger als Grösse – und Liechtenstein bietet dafür eine aussergewöhnliche Ausgangslage. Der Finanzplatz eröffnet Banken zahlreiche Möglichkeiten, interessante Nischen zu bearbeiten: regionale Nischen dank EWR-Mitgliedschaft und grenzüberschreitendem Marktzugang, digitale und Blockchain-Themen dank eines klaren gesetzlichen Rahmens sowie Private-Label-Fonds mit attraktiven rechtlichen Bedingungen und kurzer Time-to-Market. 

So entsteht die Chance, sehr unterschiedliche Produkt- und Märkte-Mixe zu definieren und damit differenzierte Profile zu entwickeln. 

«Entscheidend ist, die definierten Kundensegmente mit Tiefe zu bedienen – statt zu versuchen, alles für alle zu sein.»

Das zeigt sich bereits heute: Trotz überschaubarer Finanzplatzgrösse treten die Banken dank ihrer unterschiedlichen Profile kaum in direkte Konkurrenz. Welche Kompetenzen gefragt sind, hängt von der gewählten Positionierung ab. Viele dieser Fähigkeiten sind auf dem Platz bereits vorhanden – von Anlagekompetenz in Breite und Tiefe, über Strukturierungs- und Fonds-Know-how, Blockchainkompetenz bis hin zu regional spezialisierten Beratungsteams. 

Bei uns gehören dazu ausgeprägte Anlagekompetenzen mit Fokus auf Aktienstrategien, eine hoch individualisierte Beratung für vermögende Privatkunden wie auch für Intermediäre sowie – für professionelle Marktteilnehmer – der direkte Zugang zu einem leistungsfähigen Handel. 

Besonders ausgeprägt ist bei uns die Fähigkeit, Anlegen und Finanzieren für die Kundschaft sinnvoll und individuell zu kombinieren. 

Entscheidend ist, diese Standortvorteile konsequent zu nutzen und definierte Kundensegmente mit Tiefe zu bedienen – statt zu versuchen, alles für alle zu sein.

Wenn Sie auf die nächsten Jahre blicken: Welche strategische Entscheidung wird darüber bestimmen, ob kleine Banken erfolgreich bleiben?

Entscheidend ist der Mut zu echter Strategie im Sinne von Porter: einzigartige Aktivitäten anzubieten oder Aktivitäten einzigartig zu kombinieren – und genauso klar zu definieren, was man bewusst nicht tut. 

Gerade in Liechtenstein gibt es diesbezüglich – wie zuvor skizziert – zahlreiche Optionen. Erfolgreich sind jene Institute, die daraus ein scharfes Profil formen, ihre Ressourcen fokussieren und auf Geschäfte verzichten, die nicht zur Positionierung passen. 

Für die Neue Bank heisst das, unsere Rolle als kuratierte Privatbank mit klarer Spezialisierung konsequent weiter zu schärfen – und auch dann bei unserem Profil zu bleiben, wenn scheinbar attraktive Opportunitäten nicht zu uns passen.


Das Finance Forum Liechtenstein geht am 29. April 2026 zum 12. Mal über die Bühne. Die Tagung bietet Referate, informative Workshops und attraktives Networking. Mehrere hundert Entscheidungsträger aus der Finanzbranche nehmen daran teil. 

Gäste sind dieses Jahr unter anderem: Privatbankier Patrick Odier, Börsenexperte Jens Korte, Bankchef Roman Pfranger und Treuhänderin Angelika Moosleithner sowie der frühere deutsche Finanzminister Christian Lindner auf.