Chinas neuer Fünfjahresplan: Was Schweizer CEO’s wissen müssen


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Chinas neuer Fünfjahresplan ist kein Relikt aus sowjetischen Zeiten. Er ist ein bemerkenswertes strategisches Steuerungsinstrument und damit auch etwas, das Schweizer Führungskräfte ernst nehmen sollten. 

Denn wer verstehen will, wohin sich Kapital, Technologie, Regulierung und Wettbewerb in den kommenden Jahren bewegen, kommt an China nicht vorbei. Der am 12. März vom Nationalen Volkskongress verabschiedete 15. Fünfjahresplan für die Jahre 2026 bis 2030 setzt dafür den Rahmen.

«Chinas neue Prioritäten verändern Finanzierungsströme, Vermögensbildung, Kundenbedürfnisse und Kooperationsfelder.»

Für den Schweizer Finanzplatz liegt es nahe, das Thema als Sache von Industriekonzernen und Exportfirmen abzutun. Direkte Impulse entstehen zunächst in Fertigung, Robotik, Energie, Gesundheit, grünen Technologien und KI. 

China funktioniert anders

Doch genau deshalb ist der Plan auch für Banken, Wealth Manager und Fintechs relevant: Chinas neue Prioritäten bei Innovation, Digitalisierung und Kapitalmobilisierung verändern auch Finanzierungsströme, Vermögensbildung, Kundenbedürfnisse und Kooperationsfelder.

China ist vielschichtig und funktioniert in vielen Aspekten anders als der Westen. Gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Verständnis aufzubauen. 

Einen unmittelbaren Anwendungsfall gibt es bereits heute bei Ultra-High-Net-Worth-Kunden. Diese denken langfristig und oft global. Wer sie wirklich umfassend beraten will, muss die Entwicklungen in China besser einordnen können. Ohne dieses Verständnis ist eine echte 360-Grad-Beratung kaum möglich.

«China konnte  technologische Prioritäten über Jahre hinweg bemerkenswert konsequent in reale Stärke umsetzen.»

Konsequent Terrain gut gemacht

Wer solche Pläne reflexartig als plumpe Planwirtschaft abtut, unterschätzt ihre strategische Wirkung. Ein australischer Think tank zeigte, dass die USA in den Jahren 2003 bis 2007 in 60 von 64 kritischen Technologien führten, China nur in 3. Für den Zeitraum von 2019 bis 2023 lag China bereits in 57 Bereichen vorne, die USA nur noch in 7. 

Das heisst nicht, dass Chinas Modell keine Schwächen hat. Aber es zeigt, dass das Land technologische Prioritäten über Jahre hinweg bemerkenswert konsequent in reale Stärke umsetzen konnte.

Vieles von dem, was nun im neuen Fünfjahresplan steht, war in den vergangenen zwölf Monaten bereits in der Umsetzung sichtbar. Nach einer Phase, in der die Dynamik im Bereich Unternehmertum und startupgetriebener Innovation etwas nachgelassen hatte, war zuletzt klar zu erkennen, dass diese Kraft zurück ist. 

Anknüpfungspunkte für Schweizer Fintechs

Besonders interessant ist, dass das bislang eher B2C-getriebene chinesische Startup-Modell stärker in Richtung B2B kippen dürfte. Gerade für Schweizer Fintechs und Wealthtechs schafft das neue Anknüpfungspunkte.

Auch der Entstehungsprozess des Plans wird im Westen oft falsch verstanden. Er wird nicht einfach im stillen Machtzentrum entworfen und dann nach unten durchgereicht. Ihm gehen Konsultationen mit Ministerien, Provinzen und Experten voraus. Umgesetzt wird er über Behörden, Unternehmen, Universitäten und Industrieparks. Die Provinzen behalten dabei einen gewissen Spielraum. 

Der geopolitische Druck von aussen hat die Kräfte zugleich stärker hinter der obersten Führung vereint und die konsequente Umsetzung wahrscheinlicher gemacht.

Hebel für die nächste Entwicklungsphase

Für den Finanzsektor besonders relevant ist, dass der Plan Finanzierung als Hebel für Chinas nächste Entwicklungsphase versteht. Der Kapitalmarkt dürfte sich deshalb weiter öffnen, auch wenn der Sektor stärker reguliert wird. Genau daraus können Chancen entstehen, auch für den Schweizer Finanzsektor, sofern der Wissensaufbau jetzt beginnt.

«Der Plan deutet klar in Richtung eines international wichtigeren Renminbi.»

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Der Plan deutet klar in Richtung eines international wichtigeren Renminbi und einer stärker chinesisch kontrollierten Zahlungsinfrastruktur. Wer China, Offshore-RMB und neue Zahlungsinfrastrukturen früh versteht, kann Chancen in Transaction Banking, Treasury, FX, Wealth Management, Family Office und im Fintech-Sektor besser einordnen.

Für Schweizer Chefs im Banking, Wealth Management und Fintech-Sektor sollte China deshalb kein Randthema mehr sein. 

Die unmittelbarsten Chancen mögen in anderen Branchen liegen. Doch wer verstehen will, wie sich die Weltwirtschaft, neue Vermögen, technologische Führungspositionen und künftige Finanzbedürfnisse entwickeln, sollte Chinas neuen Fünfjahresplan interpretieren können.


Marc Lussy startete seine Karriere in der Finanzbranche bei der UBS, später war er im Private Banking der Credit Suisse tätig und bei der Graubündner Kantonalbank. Seit 2015 ist er Head Business Development für den deutschsprachigen Raum bei Performance Watcher. Seit 2024 ist er zudem Adjunct Expert an der Zhejiang University International Business School in Haining (Zhejiang Province).