Waffenstillstand am Golf: Das sagen die Volkswirte
Kurz vor Ablauf des von Präsident Donald Trump gesetzten Ultimatums haben sich die USA und Iran auf eine zweiwöchige Waffenruhe geeinigt. Die Strasse von Hormus soll dem Iran zufolge mit bestimmten Einschränkungen für den Schiffsverkehr geöffnet werden. Trump hatte zuvor damit gedroht, den iranischen Energiesektor sowie Brücken zu attackieren, sollte die Führung des Landes nicht entweder einem Abkommen zustimmen oder die für den globalen Öl- und Gasmarkt wichtige Meerenge öffnen.
Das bedeutet einerseits ein Ende der seit dem 28. Februar laufenden Angriffe der USA und Israels auf Ziele in Iran und im Gegenzug ein Ende des Beschusses mit Drohnen und Raketen auf die mit den USA verbündeten Golfstaaten wie Kuweit, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Israel. Auf den Krieg im Libanon erstreckt sich die Waffenruhe nicht, wie Israel betont.
Die Nachrichten über die Waffenruhe, die Raum für Verhandlungen schaffen soll, hat zu einem deutlichen Rückgang beim Ölpreis geführt. Die Aktienmärkte in Asien und Europa reagierten mit deutlich steigenden Kursen.
Das seien erstmal erfreuliche Nachrichten, schreibt dazu Alexander Koch, CFA von Raiffeisen Schweiz. «Damit darf man erst einmal durchatmen, ähnlich wie bei der Zollpolitik, aber noch nicht aufatmen.» Noch sei überhaupt nichts ausverhandelt und der Ölpreis liege mehr als 40 Prozent über dem Vorkriegsniveau. «Auch bei einer nachhaltigen Deeskalation wurde bereits Schaden für die Weltwirtschaft angerichtet und der Preisdruck ist gestiegen.»
Keine breiten Angebotsengpässe
Koch rechnet damit, dass sich die Zweitrundeneffekte bei einem Ölpreis von unter 100 Dollar in Grenzen halten werden. «Zudem gilt weiterhin, dass es, anders als 2022, keine breiten Angebotsengpässe aufgrund des Iran-Kriegs gibt. Die meisten Waren zirkulieren ohne grössere Einschränkungen und ohne viel höheren Kostendruck auf den wichtigen Handelsrouten der Weltmeere.»
Die Märkte haben die Ankündigung des Waffenstillstandes sofort als Deeskalation des grössten makroökonomischen Risikos interpretiert, schreibt Stephen Dover, Chef-Marktstratege und Leiter des Franklin Templeton Institute. Mit der anhaltenden Blockade der Strasse von Hormus habe ein Versorgungsschock gedroht.
«Der heutige Waffenstillstand ist eindeutig marktpositiv, da er das Risiko eines durch Ölpreisanstiege verursachten Inflations- und Wachstumsschocks direkt verringert. Angesichts seines vorübergehenden und an Bedingungen geknüpften Charakters sollte er jedoch als Erholungsrallye betrachtet werden – nicht als endgültiges Entwarnungssignal.»
Der Markt baue eine Kriegsprämie ab: Die unmittelbaren Auswirkungen sind niedrigere Ölpreise, nachlassende Inflationsängste und eine geringere Wahrscheinlichkeit eines energiebedingten Wachstumsschocks. Diese Kombination treibt die Aktienrallye und den Rückgang der Rohölpreise an.
Entlastung für Verbraucher und Unternehmen
Niedrigere Energiekosten entlasten Verbraucher und Unternehmensmargen, wovon insbesondere Transportunternehmen, Fluggesellschaften, Industrieunternehmen und zinssensitive Wachstumsaktien profitieren, heisst es weiter. «Diese Entwicklung würde sowohl die Gewinnaussichten als auch das Inflationsumfeld verbessern.»
Die Botschaft laute «weniger schlimm», nicht «Problem gelöst»: «Der Waffenstillstand ist vorübergehend und hängt davon ab, dass die Strasse von Hormus wieder geöffnet wird und offen bleibt. Der Iran hat dies als Verhandlungspause und nicht als Lösung dargestellt.»
Die Auswirkungen des Konflikts hätten sich vor allem in den Energie- und Handelsströmen gezeigt. «Die Störungen haben nicht nur Rohöl, sondern auch Flüssigerdgas, Düngemittel, Helium und die Transportkosten beeinträchtigt. Wenn die Ölpreise weiter fallen und sich die Logistik normalisiert, können die Märkte beginnen, Stagflationsrisiken abzubauen», sagt Dover weiter.
Aufwärtsrisiken für US-Inflation reduziert
Zudem habe sich eines der deutlichsten Aufwärtsrisiken für die US-Inflation reduziert. «Das Inflationsumfeld verbessert sich geringfügig. Durch die angerichteten Schäden an der Energieinfrastruktur im gesamten Golf werde eine Normalisierung des Angebots nicht sofort erfolgen. Das bedeutet, dass die Preise für Öl, Erdgas und Düngemittel wahrscheinlich nicht schnell auf das Vorkriegsniveau zurückfallen werden.»
Noch zu früh, um Sieg zu verkünden
Bis eine dauerhafte und permanente Lösung gefunden werde, bleibe das Vertrauen in eine sichere Durchfahrt der Strasse von Hormus ungewiss. Dover empfiehlt weiterhin, ein breites Aktienengagement beizubehalten. «Noch ist es zu früh, um einen Sieg zu verkünden. Die richtige Sichtweise lautet: zunächst eine Erholungsrallye, später möglicherweise eine Neubewertung.»
Michael Langham, Ökonom bei Aberdeen Investments interpretiert die Waffenruhe als einen Rückzieher der Trump-Regierung und bis zu einem gewissen Grad auch des iranischen Regimes. «Wir glauben insbesondere, dass Parteien mit eigenem Interesse daran, den Konflikt zu beenden und die Meerenge wieder zu öffnen, ihre Bemühungen um einen Kompromiss, der die USA, Israel und Iran zufriedenstellt, deutlich intensivieren werden.»
Risiken bleiben hoch
Der Volkswirt verweist auf die tiefen Gräben zwischen den Positionen und Forderungen der USA und des Iran und er zweifelt an der der Dauerhaftigkeit eines Waffenstillstands. «Daher weisen wir darauf hin, dass die Risiken insgesamt in den nächsten zwei Wochen weiterhin gross bleiben werden, was eine gewisse Unterstützung für die globalen Ölpreise bietet.»
«Märkte brauchen keine vollständige Gewissheit, um sich zu erholen», betont Ray Sharma-Ong von Aberdeen Investments. «Für die Märkte verringert ein Waffenstillstand das kurzfristige Eskalationsrisiko erheblich.»
Für Charu Chanana, Chief Investment Strategist bei Saxo Markets, stellt sich nun die Frage, ob dies ein dauerhafter Wendepunkt oder nur eine vorübergehende Atempause ist. «Die Märkte hatten sich auf ein weitaus schlechteres Ergebnis eingestellt, daher ist die Erholungsrallye bei Aktien, Devisen und Öl nachvollziehbar. Hier löst der Markt einen Teil seiner Absicherungen gegen Katastrophenszenarien auf.» Auch sie rechnet nicht damit, dass es eine Rückkehr zu dem Preisniveau von vor dem Krieg geben wird.














