Der grösste Irrtum über Schweizer Privatbanken

Von Max Fischer *

Viele scheuen sich, einen Fuss über die Schwelle eines Grand-Hotels zu setzen. Zu exklusiv die Architektur, zu streng die Mitarbeitenden und zu starr die Kleiderordnung.

Viele haben auch das Gefühl, nicht in die mondäne Welt einer Privatbank zu passen. Gerade jetzt, wo die Zahl dieser exklusiven Finanzhäuser in der Schweiz kontinuierlich abnimmt, steigt die Hemmschwelle zusätzlich.

Tradition trifft auf Tradition

Schauplatz Zürcher Oberdorf, hinauf in den 4. Stock. Ein Concierge nimmt die Jacke ab, serviert einen Kaffee mit einem Petit-Four. Nicht irgendein Praline, sondern ein eigens im Rahn+Bodmer Co.-Design von der Confiserie Sprüngli kreiertes Truffe. Tradition trifft auf Tradition. Seit 1750 gibt es Rahn+Bodmer Co. Nach dem Aus von Wegelin ist es die älteste Schweizer Bank mit 190 Mitarbeitenden, die alle am Hauptsitz tätig sind – sie verwaltet mehr als 18 Milliarden Kundenvermögen.

«Wir konzentrieren uns auf die Vermögensverwaltung und immer mehr auf die Vermögensberatung.»

Dann kommt Simon Rahn, 34, dynamisch-sympathisch. Er ist einer von vier vollumfänglich haftenden Partnern. Diese Privatbankiers vertreten ihre Familien in der dritten, vierten und Simon in der fünften Generation.

Nach ein paar Worten des Austausches ist klar: Als Unternehmer – und nicht als Manager – hat er die gleichen Interessen wie seine Kundinnen und Kunden: Stabilität und Sicherheit. Und vor allem hat seine Bank einen klaren Fokus: «Wir konzentrieren uns auf die Vermögensverwaltung und immer mehr auf die Vermögensberatung», hält er fest.

Dazu gehören die Planung von Vorsorge, Nachlass und Steuern. Ergänzt durch Willensvollstreckung und Finanzierungen. «Aber auch die Beratung beim Kauf oder Verkauf von Häusern», ergänzt Rahn. Und zwar zu 70 Prozent für Kunden aus der Schweiz – der Rest teilt sich auf die Märkte Deutschland, Österreich, Spanien, England und Niederlande/Belgien auf. 

Pure Grösse ist eine schlechte Überlebenshilfe

Diese klare Ausrichtung ist kein Zufall. finews-Gespräche in den vergangenen Wochen mit verschiedensten Experten aus der Welt der Privatbanken zeigen deutlich: Pure Grösse ist eine schlechte Überlebenshilfe. Spezialisierte, gut geführte und gut kapitalisierte Privatbanken mit einem klaren Fokus werden künftig besser performen als jetzt viele fälschlicherweise meinen. 

«Unsere Fokussierung ist nach der Finanzkrise 2008 entstanden», erklärt Rahn. «Vorher wollten und konnten wir sehr viel mehr Länder bearbeiten und Kunden betreuen, die dort wohnten.» Damals habe der Anteil der Schweizer Kundschaft etwa 30 Prozent betragen. Im Zuge der Finanzkrise und der Steuerproblematik mit den USA habe man sich auf die Schweiz und diese fünf Märkte festgelegt. 

«Das wird es bei Rahn+Bodmer Co. nicht geben, wir werden kein Office in Dubai eröffnen.»

Momentan kann man beobachten, dass verschiedene Banken in den Nahen Osten und nach Asien ziehen: «Das wird es bei Rahn+Bodmer Co. nicht geben, wir werden kein Office in Dubai eröffnen», sagt Rahn. Das hat unter anderem mit den Besitzverhältnissen zu tun. «Wir haben als persönlich haftende Partner immer die eigene Haftung im Hinterkopf.» Es sei bereits viel privates Vermögen in der Bank. Wenn dieses im Worst Case nicht reichen würde, könnten die vier Partner persönlich belangt werden. «Da schaut man doch zwei-, dreimal hin, bevor man etwas unternimmt.»   

Compliance-Kosten im Griff behalten

Was macht Rahn+Bodmer Co., wenn ein mit der trump'schen Politik unzufriedener vermögender Amerikaner sein Geld bei ihr in der Schweiz anlegen will? «Wir erhalten solche Anfragen, aber als Direktkunden nehmen wir diese Leute nicht.» Durch diese Ausrichtung auf wenige Länder in der Nähe der Schweiz kann Rahn+Bodmer Co. seine Compliance-Kosten im Griff behalten.

Das oft gehörte Argument, dass die Kleinen verhältnismässig höhere Kosten für Compliance hätten als die Grossen, lässt er aber nicht gelten. Sein Vater habe immer betont, dass sich Compliance linear zu den Mitarbeitenden entwickle. «Auf 100 Mitarbeitende kommen etwa vier Compliance-Leute. Das heisst auf 1'000 rund 40.» Wenn die Märkte und das Dienstleistungsangebot vergleichbar seien, stimme diese Formel. 

Richtig ist auch: Im Vergleich zu den Kundenbedürfnissen vor zwanzig Jahren und heute sieht Rahn+Bodmer Co. keinen Unterschied. «Die Kunden suchen eine persönliche Bezugsperson.» Sie wollen einen unabhängigen Dritten, der Ratschläge erteilen, vielleicht auch eine Meinung oder Aussage challengen kann. «Dieses Bedürfnis stellen wir auch bei jüngerer Kundschaft im Alter von 20 bis 40 fest, wenn sich deren Vermögen im höheren sechsstelligen Bereich oder darüber bewegt», so Rahn.

«Einen besseren Vertrauensbeweis gibt es nicht, als dass wir mit unserem privaten Vermögen haften»

Grösser werde bei diesem Kundensegment einzig der Bedarf nach digitaler Unterstützung. Was auffalle: «Die heutige Kundschaft ist breiter informiert.» Sie wisse zum Teil mehr dank eigener Recherchen im Internet oder durch ChatGPT. «Sie benötigen uns als Sparringpartner: Stimmt das, was ich herausgefunden habe? Ist das eine gute Idee?» In dieser Rolle sieht sich Rahn+Bodmer Co. in Zukunft vermehrt. Und klar ist für Simon Rahn: «Vertrauen ist im Private Banking zentral. Und einen besseren Vertrauensbeweis gibt es nicht, als dass wir vier Partner persönlich mit unserem privaten Vermögen haften», betont er. 

Viel läuft über Mund-zu-Mund-Werbung

Als Personengesellschaft hat Rahn+Bodmer Co. den Vorteil, nicht auf Biegen und Brechen Neugeldern hinterher jagen zu müssen. «Unser Bestreben war schon immer, organisch zu wachsen.» Viel laufe über Mund-zu-Mund-Werbung. Am liebsten ist uns, wenn wir Kunden über Generationen begleiten können. «Wir haben keine externen Investoren, wir haben keinen öffentlichen Druck bezüglich Wachstum», erklärt Rahn. «Und wir müssen uns nicht rechtfertigen, wenn es in einem Jahr kein Wachstum gibt.» 

Wird man allein auf Grund von Namen und Familienbüchlein Partner? «Wo denken Sie hin!» Jedes in Frage kommende Familienmitglied müsse das wollen, können und von den Partnern einstimmig gewählt werden. «Wenn jemand möchte, aber die Partner sagen nein, dann kommt keine Partnerschaft zustande.» Seine beiden Schwestern zeigten beispielsweise kein Interesse: eine zog es in die Pharmazie, die andere in die Hotellerie- und Gastrobranche. 

Ein einzigartiges Modell: Die vier Partner bilden quasi einen VR, sie arbeiten aber als Kundenberater wie andere Mitarbeitende – eine Geschäftsleitung unter dem Vorsitz von Urs Angst führt das operative Geschäft.

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Die älteste Schweizer Bank mit 190 Mitarbeitern: Rahn+Bodmer Co. (Bild: zVg)

Keine Probleme? «Es geht bei uns in der Tat harmonisch zu und her. Angst kennt die Bank aus dem Effeff, er ist seit 1991 dabei – und wir sind dank dieser Konstellation direkt bei den Kunden und haben auch zu all unseren Mitarbeitenden, selbst im Backoffice, eine gesunde Nähe.»

Für Neukunden gibt es keine exakte Zahl

Und wer hat das letzte Wort? «Wir sitzen einmal pro Woche als Partner zusammen – da ist auch Urs Angst dabei.» Als Partner habe er den Vorteil, dass er ein Anliegen schneller als ein anderer Mitarbeitender direkt oben einspeisen könne, meint Rahn lachend.

«Es gibt in der Schweiz sehr viele Leute, die genau unser Setting und unsere Dienstleistungen suchen.»

Doch Hand aufs Herz: Mit wie viel Millionen werde ich Kunde? «Es gibt für Neukunden langfristig keine exakte Zahl», hält Rahn fest. Seine Tochter sei 15 Monate alt und mit 10'000 Franken gestartet (lacht wieder). Im Ernst: «Da wir uns in unseren Vermögensverwaltungsmandaten vorwiegend auf Direktanlagen in Einzeltitel fokussieren, wäre es gut, wenn Sie mit einer Summe zwischen 500'000 und 1 Millionen Franken  kommen würden», so Rahn. «Steht ein Geldzufluss in Aussicht aufgrund eines Hausverkaufs, dem Bezug von Pensionskassengeldern oder einer Erbschaft, so gibt es keine Untergrenze, weil wir nicht bestrebt sind, mit diesem Kunden bereits im nächsten Quartal Gewinn zu machen. Sondern im Verlaufe des nächsten Jahrzehnts.»

Dieser Mythos von der alten Privatbank mit Holzböden, knirschendem Gebälk und 20 Millionen oder mehr auf dem Konto halte sich hartnäckig. «Ich bin überzeugt, dass es in der Schweiz sehr viele Leute gibt, die genau unser Setting und unsere Dienstleistungen suchen, aber nicht wissen, dass es uns gibt», sagt Rahn. «Hier liegt ein grosses Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft ist.»


Max Fischer, aufgewachsen in Zürich, war für diverse Schweizer Medien als Wirtschaftsredaktor tätig (u.a. Blick, Cash, Berner Zeitung, Aargauer Zeitung, Zentralschweiz am Sonntag). Max Fischer hat sich unter anderem intensiv mit dem kriminellen Finanzjongleur Werner K. Rey befasst, den er im August 1992 an seinem Fluchtort auf den Bahamas aufspürte. In einer kleinen Serie beleuchtet Fischer den Schweizer Privatbanken-Sektor.