China baut die Universität der Zukunft – und die Schweiz?

China gestaltet seine Hochschullandschaft derzeit grundlegend neu. Zwischen 2021 und 2025 wurden über 12’000 Bachelorstudiengänge eingestellt und gleichzeitig mehr als 10’000 neue geschaffen. Der Fokus liegt klar auf den strategischen Zukunftsfeldern des Landes: Künstliche Intelligenz, Robotik, Halbleiter, Energie, Sicherheit, Rohstoffe und interdisziplinäre Ingenieurwissenschaften. 

Geisteswissenschaften, Fremdsprachen und klassische Managementstudiengänge verlieren dagegen an Bedeutung.

«Der Dialog zwischen Ost und West eröffnet neue Perspektiven.»

Diese Entwicklung ist keine marktgetriebene Hochschulreform, sondern Ausdruck einer langfristigen nationalen Strategie. Bildung wird gezielt als Instrument verstanden, um Innovationskraft, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität zu stärken. Universitäten werden dabei konsequent an den zukünftigen Bedürfnissen von Staat, Industrie und Gesellschaft ausgerichtet.

Dialog zwischen Ost und West eröffnet neue Perspektiven

Seit zwölf Jahren lehre ich als Professor in Shanghai. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie sehr China adaptiv ist, kopiert und daraus schnell lernt. Doch eigentlich viel wichtiger ist es, die dahinter liegenden Prinzipien zu verstehen und sie intelligent auf den eigenen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext zu übertragen.

Genau darin liegt der eigentliche Mehrwert. Der Dialog zwischen Ost und West eröffnet neue Perspektiven und zeigt, dass unterschiedliche Denkweisen gemeinsam zu besseren Lösungen führen können.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Die Schweiz verfügt über eines der weltweit besten Hochschulsysteme. Ihre Stärke liegt in akademischer Freiheit, Exzellenz, Forschung und internationaler Vernetzung. 

Gleichzeitig verändert sich das globale Umfeld rasant. Künstliche Intelligenz, neue Technologien, geopolitische Verschiebungen und der demografische Wandel verlangen nach einer kontinuierlichen strategischen Weiterentwicklung.

«Die Universität der Zukunft wird nicht mehr jene sein, die am meisten Wissen vermittelt, sondern jene, die die besten Lernprozesse ermöglicht.»

Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb: Universitäten müssen ihre Studienangebote stärker an den Kompetenzen ausrichten, die in zehn oder zwanzig Jahren benötigt werden. Zukunft entsteht nicht durch die Verwaltung bestehender Studiengänge, sondern durch die Gestaltung neuer interdisziplinärer Bildungsmodelle.

Die nächste Generation der Universitätsmarke

Die eigentliche Disruption im Hochschulwesen wird nicht durch künstliche Intelligenz entstehen, sondern durch ein neues Verständnis davon, wie Menschen lernen. 

Neurowissenschaften zeigen seit Jahren, dass nachhaltiges Lernen nicht durch möglichst fehlerfreie Wissensvermittlung entsteht, sondern durch aktives Ausprobieren, Reflexion, Feedback und das bewusste Lernen aus Fehlern. 

Wissen wird nicht konsumiert, es wird konstruiert.

Die Universität der Zukunft wird deshalb nicht mehr jene sein, die am meisten Wissen vermittelt, sondern jene, die die besten Lernprozesse ermöglicht.

Fehler als Innovationsmotor

Für Schweizer Hochschulen eröffnet sich daraus eine grosse Chance. Anstatt ihre Marke primär über Rankings, Tradition oder einzelne Spitzenforschende zu definieren, könnten sie sich als führende Lern- und Innovationsplattformen positionieren.

Eine zukunftsorientierte Branding-Strategie kann auf folgenden Prinzipien aufbauen:

  • Neuro Learning statt Frontalunterricht: Lehrkonzepte orientieren sich an den Erkenntnissen der Gehirnforschung. Aktives Lernen, Wiederholung, Anwendung und Reflexion ersetzen die reine Wissensvermittlung.
  • Smart statt Clever: Nicht das schnelle Auswendiglernen entscheidet über den Erfolg, sondern kritisches Denken, Problemlösungskompetenz, Kreativität und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Wissen ist heute jederzeit verfügbar, entscheidend ist, es sinnvoll zu nutzen.
  • Fehler als Innovationsmotor: Die erfolgreichsten Innovationsökosysteme schaffen psychologische Sicherheit. Wer experimentieren darf, entwickelt neue Ideen. Universitäten sollten deshalb eine Kultur etablieren, in der Fehler als notwendiger Bestandteil des Lernens verstanden werden.
  • Mensch und KI als Team: Künstliche Intelligenz ersetzt weder Professorinnen noch Studierende. Sie verändert ihre Rollen. Die Universität wird zum Ort, an dem Menschen lernen, KI kompetent, verantwortungsvoll und kreativ einzusetzen.
  • Lernen ohne Ablaufdatum: Der Bachelor ist nicht mehr das Ende der Ausbildung, sondern der Beginn eines lebenslangen Lernprozesses. Hochschulen entwickeln sich zu Begleitern über den gesamten Berufs- und Lebenszyklus.

Gerade hierin liegt eine grosse Chance für den Hochschulstandort Schweiz. Mit seiner Tradition der Exzellenz, seiner Innovationskraft und seiner Nähe zur Wirtschaft könnte er international eine Vorreiterrolle übernehmen, nicht nur bei der Forschung, sondern auch bei der Frage, wie Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz am erfolgreichsten lernen.

«China optimiert, was gelehrt wird. Die Schweiz, wie gelernt wird.»

Die Universität, die sich konsequent als «University of Future Learning» positioniert, also Lernen auf Basis von Neurowissenschaften, KI-Unterstützung, Fehlerkultur, Projektarbeit, Entrepreneurship und lebenslanger Entwicklung, wird sich international deutlich differenzieren.

China optimiert, was gelehrt wird. Die Schweiz, wie gelernt wird.


Florin Baeriswyl ist Unternehmer und Berater für internationale Markenführung und -strategie sowie für Design. Er gründete 1987 «dai Zürich», eine Design-Agentur, die Corporate Design-Dienstleistungen in Zürich und mittlerweile auch in London und Shanghai anbietet. 

Überdies gründete er das Institute for Swiss International Branding (ISIB). Schliesslich eröffnete er das «Studio Baeriswyl» in Schanghai, das Beratungs- und Ausbildungsdienste für Markenprodukte anbietet.