G7 in Évian: Dieses Hotel empfängt seine Könige

Die Fähre von Lausanne nach Évian braucht vierzig Minuten. Man fährt ab, lässt die Quais hinter sich, sieht die Silhouette des Schweizer Ufers langsam kleiner werden. Und man fragt sich, warum man nicht öfter kommt.

Auf der französischen Seite wartet ein Palace aus dem Jahr 1909. Das «Hotel Royal» verdankt seinen königlichen Namen der Tatsache, dass der britische König Edward VII. versprochen hatte, einer der ersten Gäste zu sein. Er starb 1910, ohne je einen Fuss in das Haus gesetzt zu haben. Der Name «Hotel Royal» blieb.

Erprobtes Gelände

Am 15. Juni werden die Staatschefs der G7 zu ihrem jährlichen Gipfel eintreffen. Dem einen oder anderen von ihnen dürfte das königliche Erbe des Hauses besonders schmeicheln. Schon einmal, nämlich 2003, eröffnete ein französischer Gastgeber (Präsident Jacques Chirac) den Gipfel (damals noch als G8 mit Russlands Wladimir Putin) auf der Terrasse des «Hotel Royal».

Évian 2026: Das wird wieder eine grosse Bühne für den Thermalort zwischen Alpen und See. Weltweit werden die Nachrichtensender den Namen in die Welt hinaustragen. Gastgeber und Organisator Emmanuel Macron wird über einen Gipfel präsidieren, der nicht nur in geopolitischer, sondern auch in personeller Hinsicht einiges an Spannungs- und Konfliktpotential birgt.

Herzstück des «Évian Resort»

Einige Wochen zuvor trifft finews im «Hotel Royal», dem Herzstück des «Évian Resort», François Dussart, den Generaldirektor des Évian Resort.

Die Anspannung, unter die das bevorstehende Gipfeltreffen den ganzen Ort und vor allem das Team des «Hotel Royal» stellt, ist weder dem Direktor noch dem Team sonderlich anzumerken. Kein Wunder, denn Dussart ist ein Routinier, der fast zwei Jahrzehnte lang für ein monumentales Haus auf der Schweizer Seeseite tätig war.

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Neobarocke Deckenfresken im «Salon Royal». (Bild: Nicolas Jacquemin)

Wer schläft in der «Suite Royale»?

Warum kommt der G7-Gipfel nach Évian? Wie Dussart berichtet, ist das Haus der französischen Regierung seit Jahren aus den deutsch-französischen Industriedialogen bekannt, die regelmässig hier stattfinden und je nach Thema auch Minister und Kanzler an den Tisch bringen. Da 2026 turnusgemäss Frankreich für die Ausrichtung des G7-Gipfels zuständig war, sei die Wahl auf der Hand gelegen. Auch, weil die Absicherung der Teilnehmer hier vergleichsweise einfach sei.

Die «Suite Royale» — Edward VII. gewidmet, von ihm nie bewohnt — wartet auf einen der Staats- und Regierungschefs. Wer darin schlafen wird, entscheiden nicht Dussart und sein Team, sondern das G7-Sekretariat. «Sie spielen Tetris mit unserem Zimmerinventar», sagt er lächelnd.

Casino und Kids Resort

Für Évian, das Resort und speziell für das «Hotel Royal» stellt der Anlass eine gute Gelegenheit dar, sich als Tourismusdestination ins Gedächtnis zu rufen.

Immerhin handelt es sich um einen der ungewöhnlichsten Hospitality-Komplexe Europas. Drei Hotels, ein 18-Loch-Golfplatz mit Akademie, eine Therme, zwei Konzertsäle, ein Casino und ein Kids Resort von 2'000 Quadratmetern, das in dieser Dimension seinesgleichen sucht.

Zwischen See und Alpen

Das alles auf rund 100 Hektaren zwischen See und Alpen, eine Autostunde von Genf — oder eben 40 Minuten per Fähre von Lausanne aus.

Eigentümerin ist, über die «Société des Eaux Minérales d'Évian», die Danone-Gruppe — ein Konzern, der sonst vor allem Joghurt und Mineralwasser verkauft, und dem das Resort als Kommunikationsplattform, Markenbotschafter für das feine Wasser (kürzlich auch mit Kohlensäure erhältlich) und, man darf es hoffen, auch als profitable Business Unit dient.

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Generaldirektor des Resorts: François Dussart. (Bild: G. Gardette)

Neobarocke Fresken eines Lausanner Malers

Die Lobby empfängt einen mit einer attraktiven historischen Spannung. Unter den Gewölben des Saales — bedeckt mit neobarocken Fresken des Lausanner Malers Gustave Jaulmes (1873-1959), zarte Pastoralmotive in Grün, Rosé und gebrochenem Weiss, 1909 gemalt und bei der grossen Renovation 2013–2015 zurück zu ihrem ursprünglichen Glanz geführt — hängt ein skulpturaler Ringleuchter aus gebürstetem Metall.

Darunter royalblaue Samtsofas, Sessel in Holz und gedecktem Leder, ein dunkelblauer Teppich mit graphischer Struktur. Der Raum atmet. Er wirkt weder wie ein Museum noch wie ein Designhotel. Die Entscheidung, das Historische «hands on» zu konfrontieren, verleiht dem Haus seinen besonderen Charme.

Ursprünge im Thermalbad-Fieber

Das «Évian Resort» ist aus dem Wasser entstanden: Die Quellen von Évian feiern dieses Jahr ihren 200. Geburtstag; das Hotel folgte 1909 als logische Konsequenz. Um die Jahrhundertwende erfasste die «Belle Époque» Europa mit einem Thermalbäder-Fieber, das ganze Landstriche verwandelte: Wohlhabende Reisende — zunächst vor allem Briten, angezogen vom Ruf der Heilquellen — suchten Orte, an denen Kur und Komfort zusammenfielen. Évian war einer davon.

Und wer eine Unterkunft hat, der braucht auch Unterhaltung: Golf seit 1904, Casino, Konzerte. So entstand, Schicht um Schicht, was heute als Resort firmiert.

Wasser als Wirtschaftsfaktor

Der Thermalbetrieb selbst hat sich verändert. «Er hat natürlich nicht mehr dieselbe Bedeutung wie vor 120 Jahren», räumt Dussart ein. Eine treue Kurkundschaft gebe es zwar immer noch, wenngleich das Thermal-Kuren seine Strahlkraft als Extravaganz der Oberschicht verloren habe.

Kombiniert mit dem Spa und dem Fitnessbereich bleibt das touristische Angebot mit dem Resort als Gravitationszentrum ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den Ort. Rund 1'200 Jahresstellen beschäftigt das Resort, die Évian-Abfüllanlage nebenan nochmals ähnlich viele.

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Die Bar bietet Raumschiff-Feeling über dem Genfersee. (Bild: Guillaume de Laubier)

Schweizer Direktor seit 2022

Resort-Chef Dussart kennt beide Ufer des Sees aus eigener Anschauung. Der Schweizer — Doppelbürger, in Lausanne wohnhaft, mit einem kleinen pied-à-terre in Évian — pendelt fast täglich über den Genfersee und hat zwölf Jahre lang das «Beau-Rivage Palace» in Lausanne geführt, bevor er 2022 nach Évian wechselte.

Er weiss, was der Vergleich bedeutet. «Lausanne und Évian sind zwei völlig verschiedene Welten», sagt er. «Lausanne hat 120'000 Einwohner, Évian 9'000. Sportverbände und grosse internationale Firmensitze gibt es hier nicht.»

Verankerung im Sportlichen und Familiären

Évian setzt dem eher urbanen Charme von Lausanne eine dezidierte Verankerung im Sportlichen und Familiären entgegen. Das Kids Resort, der Golfplatz, die Therme, die Möglichkeit, morgens die Kinder in die Betreuung zu geben und nachmittags auf dem See zu segeln.

Konkurrenz? Dussart winkt ab. «Ich glaube nicht, dass wir wirklich konkurrieren. Wir ergänzen uns. Beide tragen zur Stärke des Genfersee-Bogens bei.»

Ausstrahlung auf den Finanzplatz Genf

Preislich liegt das Haus klar unter Genf und Zürich, näher an Lausanne und Montreux. Diese Positionierung erklärt, warum die Gästemischung ausbalanciert ist: 60 Prozent Individualreisende, 40 Prozent Gruppen und Konferenzen. Genfer Privatbanken nutzen die Säle für diskrete Klausuren. Das IMD liegt direkt gegenüber und arbeitet mit dem Resort zusammen, auch im Rahmen des Danone-eigenen Führungskräfte-Trainingsprogramms, das im dritten Hotel, dem Vernia, angesiedelt ist.

Grosse Rohstoffhändler belegen gelegentlich ganze Flügel. Und jeden Sommer kommen Pariser Familien, die auf der Terrasse stehen, auf den See blicken — und eine andere Art von Luxus geniessen, als sie ihn aus der Hauptstadt kennen.

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In der Thermalbad-Tradition: «Évian Spa» im «Hotel Royal». (Bild: C. Gardette)

Freundlicher Luxus statt Bling-Bling

Den Geist des Hauses erkundete Dussart vor seinem Amtsantritt inkognito als Gast für ein Wochenende. «Was mich berührt hat, war ein Luxus, der wirklich freundlich ist. Nicht Bling-Bling. Etwas Entspanntes, Warmes, mit echter Grosszügigkeit.»

Franck Riboud, Sohn des Danone-Gründers Antoine Riboud, ist mit Évian aufgewachsen und hat die Renovation von 2013 bis 2015 massgeblich geprägt. Er wollte ein Haus, in dem sich Menschen wohlfühlen — und keines, das sie einschüchtert. Diese DNA hat überlebt.

«Echtes Wachstum mit Schweizer Kunden»

Dass das Resort in der Wahrnehmung vieler Schweizer ein blinder Fleck ist, frustriert Dussart etwas. «Die Marke Évian ist international bekannt», sagt er. «Aber zu wenige Leute wissen, dass es auch eine Tourismusdestination ist.»

Die Schweiz ist die zweitgrösste Herkunftsmarkt nach Frankreich, und Dussart ist überzeugt, dass das Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Besonders die Deutschschweiz. «Wir haben da noch nicht die entscheidende Schwelle überschritten. Da ist echtes Wachstum möglich.»

Ein Sommer in Évian

Nach dem G7-Gipfel wird Évian in seinen routinierten alpinen Sommer-Groove wechseln: Im Juli folgt das «Amundi Évian Championship» — das Golf-Major, das 1994 als «Évian Masters» begann und seit 2013 zu den fünf grossen Turnieren im Damengolf zählt.

Amundi, der französische Vermögensverwalter, ist Titelsponsor. Zudem nutzen Genfer Privatbanken das Turnier als Plattform, um Partnerschaften zu pflegen und Kunden einzuladen.

Amundi-Golfturnier und Kammermusik

Seit 1976 gehören auch die «Rencontres Musicales d'Évian» zu den Fixpunkten der Sommersaison: Mit ihnen wird die «Grange au Lac» — ein 1'000-Plätze-Konzertsaal im Resort — zu einem Weltzentrum der klassischen (Kammer-)Musik.

Wie geht es weiter mit Évian? Resort-Direktor Dussart registriert seit drei Jahren zweistelliges Wachstum. Und bereits zeichne sich ein starkes 2026 ab, sagt er — trotz eines Brandes im Casino, der dieses vorübergehend ausser Gefecht gesetzt hat. Und trotz der Komplexität des G7-Monats, der die reguläre Hochsaison für eine Woche unterbricht.

Der Nahost-Faktor

Ein Faktor, den niemand geplant hat, und der sicher auch bei den Staats- und Regierungschefs zu reden gibt, ist die Eskalation im Nahen Osten.

Viele anspruchsvolle Touristen aus Europa, so Dussart, weichen auf näher gelegene Destinationen aus. «Wir hatten einen April, der nicht normal war», sagt Dussart. «Das hatten wir nicht erwartet.» Sicherheit, Erreichbarkeit, Vertrautheit — Qualitäten, die in Évian selbstverständlich sind.

Fixstern der Weltpolitik für ein paar Tage

François Dussart wird auch in den kommenden Wochen mit der Fähre zwischen der Schweiz und Frankreich pendeln. Jedes Mal wird der Genfersee ein anderes Gesicht zeigen. Seit tausenden Jahren hat er sich niemals exakt wiederholt.

Wenn sich in ihm die Jets der anreisenden Staatschefs und das temporäre Gewicht der Weltpolitik spiegeln, wird der See kurz blinzeln. Und vielleicht schöpfen die fünf mächtigen Männer, Italiens Giorgia Meloni und Japans Sanae Takaichi ja sogar überraschende Impulse aus dem Fixstern Évian und seinem «Hotel Royal».