Ferienlektüre: Was Finanzprofis diesen Sommer lesen

Karsten-Dirk Steffens, Länderchef Aberdeen Investments Schweiz
«Das Bildnis des Dorian Gray» von Oscar Wilde
Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen, aussergewöhnlich schönen Mannes, der sich ewige Jugend wünscht. Und dieser uns allen wohlbekannter Wunsch erfüllt sich. Während Dorian selbst äusserlich jung und makellos bleibt, altert sein Porträt und zeigt die Spuren seiner moralischen Verfehlungen. Unter dem Einfluss von Lord Henry lebt Dorian zunehmend hedonistisch und gewissenlos, ohne dass man es ihm ansieht – bis ihn die Konsequenzen seines Handelns letztlich einholen. Für mich ist dieser historische Klassiker immer noch oder immer wieder empfehlenswert, da er zeitlose Themen anspricht.
Es behandelt Fragen nach Schönheit, Moral, Verantwortung und Selbstbild – Themen, die bis heute oder gerade heute um so mehr relevant sind. Das Porträt als «Spiegel der Seele» macht den inneren Verfall sichtbar und ist literarisch sehr eindrücklich. Oscar Wilde stellt die Spannung zwischen Genuss, Ethik und Kunst in den Mittelpunkt und regt zum Nachdenken an.
Als Fazit - Ein wirklicher Klassiker, der nicht nur eine interessante Geschichte erzählt, sondern auch tiefgehende Fragen über menschliches Verhalten, Eitelkeit und die Folgen unseres Handelns aufwirft. Und somit durchaus relevante Thematiken, die unsere moderne Welt immer noch und wiederkehrend betreffen.
Daniel Braun, CEO Senevita-Gruppe
«Mitte des Lebens» von Barbara Bleisch
In «Mitte des Lebens» setzt sich Barbara Bleisch mit einer Lebensphase auseinander, in der viele Menschen Bilanz ziehen: Was ist geworden aus den eigenen Plänen, welche Möglichkeiten bleiben, und wie lässt sich die zweite Hälfte des Lebens bewusst gestalten?
Das Buch ist keine Anleitung zur Selbstoptimierung. Vielmehr ist es eine philosophische, zugleich sehr zugängliche Reflexion über Endlichkeit, Verantwortung, verpasste Chancen und neue Freiräume.
Mich hat das Buch sehr angesprochen, weil es auf kluge Weise zur Standortbestimmung einlädt und einen Versuch bietet, durch die Jahre in der Mitte des Lebens zu navigieren.
Gerade in einer Zeit ständiger Veränderung regt die Lektüre dazu an, innezuhalten, Prioritäten zu prüfen und Orientierung nicht nur im Aussen, sondern auch im eigenen Leben zu suchen.

Natalie Falkmann, Senior Portfoliomanagerin der Circular Economy-Strategie bei Robeco
«Die Abenteuer des Röde Orm» von Frans G. Bengtsson
Die Abenteuer des Röde Orm von Frans G. Bengtsson, erstmals in den 1940er-Jahren in Schweden erschienen, ist einer der grossen nordischen Abenteuerromane. Er erzählt die Geschichte von Orm, einem rothaarigen Jungen aus Scania in Schweden, der auf einem Wikingerzug entführt wird und die nächsten zwanzig Jahre fern der Heimat verbringt – als Galeerensklave im maurischen Spanien, als Kämpfer im Dienst von Königen und als Schatzsucher auf den Flüssen des Ostens.
Angesiedelt im späten 10. Jahrhundert, als das Christentum langsam den Norden erreicht, ist es eine Geschichte von langen Reisen, Raubzügen, Fehden und klugen Deals, erzählt mit viel trockenem Humor und ohne jede Sentimentalität.
In diesem Sommer lese ich diesen nordischen Klassiker erneut, und dies ist das eine Buch, das ich ohne Zögern empfehle. Ich kehre immer wieder zu ihm zurück, weil Bengtsson ruhig und mit trockenem Humor erzählt und dabei eine leise Weisheit über Ehrgeiz, Risiko und Ertrag entfaltet. Kein Spreadsheet weit und breit – und genau das ist der Punkt; dennoch wird jeder Orms Gespür für das langfristige Denken und das richtige Timing erkennen. Es ist schlicht ein wunderbares Buch für einen langen Sommerabend.

Christoph Braun, COO UBP Zürich und Basel
«Once Upon a Time in the East» von Xiaolu Guo
Once Upon a Time in the East von Xiaolu Guo erzählt als Memoiren die Geschichte einer jungen Frau, die im ländlichen China aufwächst und schlussendlich Schriftstellerin in Grossbritannien wird. Dabei vermittelt das Buch einen sehr persönlichen Einblick in die sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche der letzten 40 Jahre, die das moderne China geprägt haben.
Nachdem ich selbst acht Jahre in Asien gearbeitet und gelebt habe, faszinieren mich die menschlichen Geschichten hinter der aussergewöhnlichen wirtschaftlichen Entwicklung der Region bis heute. Gerade für Menschen, die im Finanzsektor tätig sind, ist es wertvoll, nicht nur Märkte und Kennzahlen zu verstehen, sondern auch die gesellschaftlichen Entwicklungen, die langfristig wirtschaftlichen Erfolg und Wandel prägen.

Anna Bretschneider, Head of Europe bei Baillie Gifford
«The Next Conversation» von Jefferson Fisher
Ich bin auf Jefferson Fisher über Social Media aufmerksam geworden und fand seine Gedanken zum Thema Kommunikation sehr zugänglich. Deshalb habe ich sein Buch The Next Conversation gekauft und gelesen. Darin geht es darum, auch in schwierigen oder emotionalen Momenten besser miteinander ins Gespräch zu kommen: wenn man anderer Meinung ist oder etwas klarer ausdrücken möchte.
Besonders gefallen hat mir, wie alltagsnah und praktisch das Buch ist. Viele der Anregungen lassen sich direkt anwenden – im Beruf genauso wie privat, mit Freunden oder in der Familie. Es sind oft kleine Veränderungen in der Wortwahl oder im Ton, die Gespräche klarer, respektvoller und hilfreicher machen können.
Stephan Wildner, Head of Switzerland & Global Pension Brokerage Leader bei WTW
«Legacy» von James Kerr
«Legacy: What the All Blacks Can Teach Us About the Business of Life» von James Kerr ist für mich mehr als ein klassisches Sportbuch. Es erzählt die Geschichte der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft und zeigt, was hinter ihrem aussergewöhnlichen Erfolg steckt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Spielzüge oder Taktiken, sondern Werte wie Disziplin, Demut und Verantwortung.
Kerr beschreibt anhand konkreter Beispiele, wie die All Blacks eine starke Teamkultur aufgebaut und über Jahre hinweg gepflegt haben.
Ich empfehle dieses Buch, da der Blick auf Rugby erfrischend ist, gerade in einer Zeit, in der vieles vom Fussball dominiert wird. Der Sport steht für Respekt, Verlässlichkeit und Zusammenhalt – Qualitäten, die auch im Berufsalltag entscheidend sind. Das Buch ist kurzweilig geschrieben und bleibt hängen. Es zeigt eindrücklich, wie wichtig das richtige Mindset ist, der Wille zur harten Arbeit und ein Team, das füreinander einsteht – in guten wie in schwierigen Momenten.
Yvonne Häring, Leiterin Produkte & Aktuariat, des. CEO ab 1.1.2027 bei Pax
«Lessons in Chemistry» von Bonnie Garmus
Erzählt wird die Geschichte von Elizabeth Zott, einer brillanten Chemikerin, die sich in einer von Männern dominierten Welt nicht verbiegen lässt. Sie ist unbequem, kompromisslos und gerade deshalb inspirierend.
Mich hat an diesem Buch die besondere Mischung aus Humor, Schärfe und Menschlichkeit fasziniert. Es ist leicht und unterhaltsam geschrieben, stellt aber eine ernsthafte Frage: Wie schaffen wir Systeme, in denen Talent erkannt, gefördert und ernst genommen wird – unabhängig davon, ob es den gängigen Erwartungen entspricht?
Gerade in der Finanz- und Versicherungswelt, in der Vertrauen, Verantwortung und langfristiges Denken zentral sind, ist das ein hochaktuelles Thema. Innovation entsteht nicht dort, wo alle gleich denken, sondern da, wo unterschiedliche Perspektiven Raum bekommen. Elizabeth Zott erinnert uns daran, wie viel Kraft in Eigenständigkeit, Klarheit und Mut steckt. Für mich ist Lessons in Chemistry deshalb nicht nur ein kluger Sommerroman, sondern auch ein Buch über Haltung. Und darüber, wie wichtig es ist, Dinge anders zu denken.
Marie Thérèse Rau, Beraterin bei open up, Agentur für Kommunikation und PR
«Zeit, sich aus dem Staub zu machen» von Andrea Petković
Wie geht das Leben weiter, wenn man sich von etwas verabschiedet, dem man sein ganzes bisheriges Leben gewidmet hat? In Andrea Petkovićs Fall ist das der Profi-Tennissport. 2011 und 2014 schaffte sie es unter die besten zehn der Weltrangliste. Bei den US Open 2022 bestritt sie ihr letztes Match.
Wie man sich neu erfindet, loslässt und erkennt, wann es Zeit für etwas Neues ist, darüber schreibt sie in «Zeit, sich aus dem Staub zu machen».
Mir hat besonders gefallen, wie viele ehrliche Einblicke sie in den Alltag einer Profisportlerin gibt. Das Buch ist ein Blick hinter die Kulissen und in den Kopf einer starken Frau auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn. Dabei schreibt sie so leichtfüssig, klug und selbstironisch, dass man die 215 Seiten am liebsten in einem Zug verschlingen möchte. Mit diesem Buch beweist Petković, dass in ihr noch andere Talente stecken, als «nur» eine Tennisspielerin zu sein.

Thomas Studhalter, CEO von BDO
«Das Lächeln der Fortuna» von Rebecca Gablé
In den Ferien greife ich selten zu Businessbüchern. Ich mag Geschichten, die mich in eine ganz andere Welt entführen. Zuletzt war das Das Lächeln der Fortuna aus der Waringham-Saga von Rebecca Gablé.
England, 1360, während des Hundertjährigen Krieges: Nach der Hinrichtung seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, verliert der zwölfjährige Robin seinen gesamten Besitz. Gleichzeitig entsteht zwischen ihm und Mortimer, dem Sohn des neuen Earls, eine tödliche Feindschaft.
Robin flieht und kämpft sich an der Seite des Duke of Lancaster zurück in die Welt des Adels, wo er zwischen gefährlichen Liebschaften und politischem Chaos erneut seinem alten Rivalen entgegentreten muss.
Was dieses Buch für mich so faszinierend macht, ist die Dichte, mit der die Autorin Machtpolitik, religiöse Konflikte und höfische Intrigen zu einer klugen und unglaublich spannenden Geschichte verwebt. Die Handlung wirft zeitlose Fragen nach Loyalität und Moral auf, die einem trotz historischer Distanz einen Spiegel vorhalten. Das Lächeln der Fortuna ist deshalb die ideale Ferienlektüre: packend, weit genug entfernt, um den Alltag hinter sich zu lassen, und gleichzeitig nah genug an den grossen menschlichen Fragen, die noch lange nach der letzten Seite nachwirken.

Jasmina Ritz, Geschäftsführerin von Swiss Foundations
«Erbe als Verantwortung» von Jorge Frey und Eugen Stamm
In der Schweiz sprechen wir nicht oft über Geld. Wenn von «den Reichen» die Rede ist, sind die Klischees nicht weit. Wer aus eigener Kraft zu Geld kommt, wird bewundert. Doch wie fühlt es sich an, vermögend aufzuwachsen? «Erbe als Verantwortung» bricht das Schweigen. Das Buch basiert auf Erfahrungsberichten von Menschen, die privilegiert aufgewachsen sind. Sie spiegeln die schönen und die weniger schönen Seiten des Reichtums wider. Sie zeigen den Kampf dieser Erben, aus dem goldenen Käfig auszubrechen und mit ihrem Geld etwas Sinnvolles zu tun.
Besonders gefallen hat mir das Kapitel zur Philanthropie. Wie interpretiert die nächste Generation ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft? Das Buch beleuchtet auch kritisch die soziale Dimension dieses Engagements. Ich hätte gern noch mehr darüber gelesen, gerade weil es hoch aktuelle Fragen in der Philanthropie-Debatte sind. Angesichts der globalen Herausforderungen eröffnet sich dieser Generation die Chance, neue Wege zu gehen und mutig zu experimentieren. Ihr Vermögen kann dabei weit mehr als ein Erbe sein: eine Einladung, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Andreas Feller, Head Private Banking Zürich bei Rothschild & Co
«The Good Ancestor» von Roman Krznaric
In unserer hektischen, kurzlebigen Zeit vergessen wir oft die Auswirkungen unseres Handelns auf künftige Generationen. Doch dieses kurzfristige Denken ist die Wurzel moderner Krisen, weshalb der Ruf nach Langfristigkeit immer lauter wird. In The Good Ancestor zeigt der Philosoph Roman Krznaric, dass Hoffnung besteht. Wenn wir gute Vorfahren werden wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um diese Vorstellungskraft wiederzubeleben und zu bereichern. Er präsentiert sechs Wege für langfristiges Denken und belebt vergessene Fähigkeiten wie das «Kathedralen-Denken» wieder.
Das Buch feiert weltweite Innovatoren, die Demokratie, Kultur und Wirtschaft neu erfinden, damit wir alle zu guten Vorfahren werden und ein besseres Morgen schaffen können.
Ich habe mich für The Good Ancestor entschieden, weil mich die Frage nach langfristigem Sinn und nachhaltigem Beitrag an eine bessere Welt beschäftigt. Seit der Geburt meines Sohnes im Jahr 2021 hat sich meine Perspektive stark hin zu einem Denken in Generationen verschoben. Roman Krznaric geht in seinem Buch genau dieser Frage nach und gibt konkrete Hinweise, wie langfristiges Denken gelingen kann. Diese sind Impulse für mich als Familienvater aber auch bei meinen Engagements in Stiftungen oder meine berufliche Karriere. Überall den langfristigen Kontext jeglichen Handelns im Fokus zu haben, erscheint mir besonders erstrebenswert.

Céline Frey, CEO von firstcaution
«Keine Regeln: Warum Netflix so erfolgreich ist» von Reed Hastings und Erin Meyer
In einer Zeit, in der Unternehmen in einem sich ständig wandelnden Umfeld immer agiler werden müssen, bieten Reed Hastings, Mitgründer von Netflix, und die INSEAD-Professorin Erin Meyer eine inspirierende Perspektive auf Führung und Unternehmenskultur. Das Buch beleuchtet die Prinzipien, die den aussergewöhnlichen Erfolg von Netflix geprägt haben: hohe Talentdichte, radikale Transparenz, Eigenverantwortung der Mitarbeitenden und einen Führungsansatz, der auf Kontext statt Kontrolle setzt.
Besonders gefallen hat mir, dass das Buch kein allgemeingültiges Erfolgsrezept präsentiert. Stattdessen hinterfragt es klassische Managementannahmen und regt dazu an, neu darüber nachzudenken, wie Vertrauen, Verantwortung und Freiheit Innovation und Engagement fördern können.
Natürlich wäre es unrealistisch, das Netflix-Modell einfach auf jedes Unternehmen zu übertragen. Dennoch ist das Buch für mich eine wertvolle Inspirationsquelle, die Ideen liefert, wie Organisationen Verantwortung, Agilität und ihre Fähigkeit stärken können, in einer sich schnell verändernden Welt erfolgreich zu sein.
Sladjana Timotijevic, Vorstandsmitglied und Leiterin Business Administration & HR bei Var Group Suisse
«Braveship: The Courage to Innovate: Embracing the Journey to Distributed Leadership» von Francesca Moriani
Braveship beginnt mit einer unbequemen Frage: Was hindert uns daran, bei der Arbeit ganz wir selbst zu sein? Francesca Moriani bietet eine spannende Alternative zur Kultur der Kontrolle: eine Organisation, in der Entscheidungen dort getroffen werden, wo die Informationen tatsächlich vorhanden sind, statt nach endlosen hierarchischen Schleifen. Braveship, die Verbindung aus Bravery (Mut) und Leadership (Führung), steht für den Mut, Vertrauen zu schenken, Verantwortung zu teilen und anzuerkennen, dass das alte Führungsmodell nicht länger funktioniert.
Besonders gefallen hat mir, dass das Buch über die reine Problemanalyse hinausgeht. Moriani zeigt, was möglich wird, wenn Organisationen eine Kultur aufbauen, die auf echtem Zuhören, ehrlichem Feedback und gegenseitigem Vertrauen basiert. Statt eine Blaupause zu liefern, ist das Buch eine ehrliche Reflexion über den Mut und die Anstrengung, die echte Transformation erfordert.
Ein Buch, das unbequeme Fragen stellt und einen noch lange nach der letzten Seite begleitet.

Giulia Nobili, Leiterin des Anlageausschusses bei Sterling
«Capitalism in America» von Alan Greenspan und Adrian Woolridge
Dieses Buch zeigt, wie sich diese Gewohnheit, die Wirtschaft anhand von Daten zu analysieren, zu einer umfassenden Perspektive auf die Wirtschaftsgeschichte der USA entwickeln konnte. Greenspan vertritt die Ansicht, dass kreative Zerstörung – «der ‚ewige Sturm‘, der Unternehmen und Existenzen entwurzelt, dabei aber eine produktivere Wirtschaft schafft» – langfristig der wahre Wachstumsmotor ist.
Die Vereinigten Staaten liessen mehr Kreativität und mehr Zerstörung zu als jedes andere Land: Die Produktionsfaktoren konnten sich leichter neu kombinieren, sodass neue Unternehmen entstanden, während alte scheitern durften.
Daraus entstand das, was Greenspan als Amerikas grössten Beitrag zur Menschheit bezeichnet: die Massenproduktion. «Im Europa des 19. Jahrhunderts blieb die Herstellung komplizierter Systeme wie Gewehre oder Uhren in den Händen einzelner Handwerksmeister.» Die Amerikaner hingegen industrialisierten sie und ebneten damit den Weg für immer komplexere Produkte für die Massen: von Henry Fords Model T bis hin zu Steve Jobs’ iPhone.
Kreative Zerstörung braucht eine Kultur, die ihr Legitimität verleiht: Greenspan argumentiert, dass die Amerikaner Geschäftsleuten denselben Respekt entgegenbrachten, den die Engländer den Gentlemen vorbehielten. Hält diese wachstumsfördernde Kultur noch stand? Im Jahr 2018 gab es keine eindeutige Antwort darauf, und es gibt auch heute keine.

Jonathan Decurtins, Head of Wholsesale Schweiz und Liechtenstein bei Vanguard
«Die Macht der Geographie» von Tim Marshall
In Die Macht der Geographie zeigt Tim Marshall, wie stark geografische Gegebenheiten internationale Politik prägen. Anhand von zehn Karten erklärt er, warum Lage, Grenzen, Gebirge, Meere und Ressourcen politische Entscheidungen, Konflikte und Machtverhältnisse bis heute beeinflussen. Das Buch macht deutlich, dass Geographie kein Nebenschauplatz ist, sondern einer der zentralen Faktoren der Geopolitik.
Ich empfehle das Buch, weil es komplexe geopolitische Zusammenhänge klar, kompakt und sehr verständlich erklärt. Wer sich für Geschichte, Machtpolitik und aktuelle Weltordnung interessiert, erhält einen idealen Einstieg. Besonders überzeugend ist die zentrale Botschaft: Auch in einer technologisierten Welt verliert Geographie nicht an Bedeutung. Sie bleibt ein entscheidender Treiber globaler Entwicklungen.

Oliver Buomberger, COO und Deputy CEO der Saxo Bank Schweiz
«Vermisst – Der Fall Lucas» von Christine Brand
Die perfekte Ferienlektüre für Krimifans
Lucas ist vor 26 Jahren untergetaucht. Verschwunden ist er nicht grundlos – er soll zwei Mädchen ermordet haben. Nun wird Privatdetektivin Malou Löwenberg von der Schwester des mutmasslichen Täters beauftragt, den Vermissten zu finden. Was als Suche nach einer verschwundenen Person beginnt, entwickelt sich zu einem verzwickten Fall voller überraschender Wendungen.
Besonders gefallen hat mir, dass die Spannung nicht durch laute Effekte entsteht, sondern durch die Geschichte selbst. Mit jeder neuen Spur verändert sich das Bild, und bis zum Schluss bleibt offen, wie alles zusammenhängt. Christine Brand nimmt sich Zeit für ihre Figuren und zeigt, dass hinter jeder Entscheidung und jedem Geheimnis ein menschliches Schicksal steckt.
Ein spannender, hervorragend konstruierter Kriminalroman, der bis zur letzten Seite mitfiebern lässt. Ich kann ihn allen empfehlen, die diesen Sommer einmal etwas anderes als Fachbücher lesen möchten – auch wenn diese manchmal fast genauso spannend sind.
Louiza Savchenko, Chief Legal Officer bei MK Global Kapital
«Material World» von Ed Conway
In Material World erzählt Ed Conway die moderne Welt anhand von sechs Rohstoffen: Sand, Salz, Eisen, Kupfer, Öl und Lithium. Wir sprechen ständig über Daten, Cloud und Digitalisierung, vergessen aber oft, dass unser Alltag weiterhin auf physischen Materialien beruht. Conway zeigt, wo diese Stoffe herkommen, wie sie abgebaut, verarbeitet und transportiert werden, und wie viel Aufwand hinter Dingen steckt, die wir für selbstverständlich halten.
Ich empfehle das Buch, weil es den Blick auf aktuelle Themen verändert: Lieferketten, kritische Rohstoffe, Energiewende und geopolitische Abhängigkeiten werden greifbarer. Es ist faktenreich, liest sich aber erstaunlich lebendig. Und es hinterlässt etwas Seltenes: Optimismus, weil man sieht, wie viel menschlicher Erfindergeist in unserer materiellen Welt steckt.

Sina Meier, Managing Director und Head of Switzerland, FraBeLux und Middle East bei 21shares
«The Psychology of Money» von Morgan Housel
In The Psychology of Money zeigt Morgan Housel, dass finanzieller Erfolg nicht in erster Linie von Intelligenz, Fachwissen oder komplexen Modellen abhängt. Entscheidend ist vielmehr, wie Menschen mit Geld umgehen, wie sie Risiken einschätzen, Entscheidungen treffen und Emotionen kontrollieren. Das Buch macht deutlich, dass Vermögensaufbau und Vermögenserhalt vor allem eine Frage des Verhaltens sind.
Ich empfehle das Buch, weil es auf elegante und verständliche Weise erklärt, warum Verhalten an den Finanzmärkten oft wichtiger ist als reine Analyse. Gerade in einem zunehmend komplexen und volatilen Marktumfeld bietet es einen wertvollen Kompass für Anlegerinnen und Anleger, die Risiken besser verstehen und langfristig erfolgreich investieren möchten.

Ulrike Kaiser Boeing, Country Head Degroof Petercam Asset Management (DPAM) Schweiz
«Das Geheimnis der Glasmacherin» von Tracy Chevalier
Das Geheimnis der Glasmacherin von Tracy Chevalier spielt in Venedig und auf Murano, wo Glas Handwerk, Wissen und Familienerbe zugleich ist. Im Mittelpunkt steht Orsola Rosso, die im späten 15. Jahrhundert in eine Glasmacherfamilie geboren wird. Nach dem Tod ihres Vaters beginnt sie heimlich selbst mit Glas zu arbeiten, obwohl dieser Weg Frauen eigentlich verschlossen ist. Genau das macht die Geschichte interessant: Wie viel fügt man sich? Wann beginnt man, einen eigenen Platz zu beanspruchen?
Ich mag das Buch, weil es Venedig greifbarer macht: nicht nur als schöne Kulisse, sondern als Welt voller Arbeit, Druck und Abhängigkeiten. Orsola zweifelt, tastet sich vor und bleibt dennoch dran. Gerade diese leise Beharrlichkeit macht den Roman stark.













