Zurich-Studie zeigt: Versicherungsbranche vor grossen Veränderungen
Die steigende Lebenserwartung gilt als eine der grossen Errungenschaften moderner Gesellschaften. Doch sie hat eine Kehrseite: Die Zahl der gesunden Lebensjahre hält mit der längeren Lebensdauer nicht Schritt.
Zu diesem Ergebnis kommt der neue Bericht «The Value of Chronic Care» der Zurich Insurance Group. Für die Studie wurden Daten zu mehr als 200 chronischen Erkrankungen in sämtlichen 38 Mitgliedstaaten der OECD über den Zeitraum von 2014 bis 2023 analysiert.
Schweiz an der Spitze
Besonders erfreulich fällt das Ergebnis für die Schweiz aus. Im neu geschaffenen «Chronic Care Index» erreicht sie 80 von 100 Punkten und belegt damit den ersten Platz vor den Niederlanden mit 78 Punkten. Es folgen Luxemburg und Norwegen mit jeweils 74 Punkten sowie Südkorea mit 73 Punkten.
Am Ende des Rankings stehen Lettland, Litauen, Griechenland, Polen und Ungarn.
Der Index kombiniert zwei zentrale Faktoren: die Belastung der Bevölkerung durch chronische Krankheiten sowie die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Gesundheitssysteme. Dabei werden unter anderem Kapazität, Qualität, Zugang zur medizinischen Versorgung, Innovationsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit berücksichtigt.
Alternde Bevölkerung – trotzdem gute Ergebnisse
Das Abschneiden der Schweiz ist aus Sicht der Studienautoren besonders bemerkenswert. Denn eine alternde Bevölkerung muss nicht zwangsläufig zu einer höheren Belastung durch chronische Erkrankungen führen.
Die Schweiz zeige, dass eine gute Koordination, ein hohes Vertrauen in das Gesundheitssystem und das Vertrauen der Patienten in die medizinische Versorgung eine langfristig erfolgreiche Behandlung chronischer Krankheiten ermöglichen.
Die Studie widerspricht damit auch der Annahme, dass hohe Gesundheitsausgaben automatisch zu besseren Ergebnissen führen. Entscheidend sei vielmehr, wie effektiv die Versorgung organisiert, koordiniert und über längere Zeiträume hinweg erbracht werde.
Immer länger krank
Gleichzeitig identifiziert der Bericht einen grundlegenden Wandel. In vielen Industrieländern sterben weniger Menschen vorzeitig an chronischen Krankheiten. Dafür leben immer mehr Menschen über Jahre oder sogar Jahrzehnte mit gesundheitlichen Einschränkungen.
Die Krankheitslast verschiebt sich damit zunehmend von der Mortalität zur Morbidität.
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei psychischen und neurologischen Erkrankungen. Auch Erkrankungen des Bewegungsapparats tragen erheblich zur langfristigen gesundheitlichen Belastung bei.
Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind laut Studie weiterhin für jeweils 21 Prozent der verlorenen gesunden Lebensjahre in den OECD-Staaten verantwortlich.
Folgen weit über Gesundheitssystem hinaus
Diese Entwicklung hat auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen. Chronische Erkrankungen beeinflussen zunehmend die Erwerbsfähigkeit, das Einkommen und die finanzielle Sicherheit der Betroffenen und ihrer Familien.
Aus einem punktuellen finanziellen Risiko wird damit eine langfristige Belastung.

Alison Martin, CEO Life, Health and Bank Distribution bei Zurich. (Bild: zVg)
Für Versicherer, Arbeitgeber und Vorsorgeanbieter gewinnt das Thema deshalb an Bedeutung. Nach Ansicht der Studienautoren müssen finanzielle Absicherung und Vorsorge künftig stärker darauf ausgerichtet werden, Menschen über längere Krankheitsphasen hinweg zu unterstützen.
«Menschen leben zwar länger, leiden jedoch oft unter chronischen Erkrankungen, die ihre Gesundheit, ihre Arbeit und ihre Finanzen beeinträchtigen», sagt Alison Martin, CEO Life, Health and Bank Distribution bei Zurich.
Prävention statt Reparatur
Die Autoren sehen vor allem drei Handlungsfelder: mehr Prävention und frühzeitige Intervention, eine bessere Koordination der Versorgung über den gesamten Krankheitsverlauf sowie eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Gesundheitssystemen, Arbeitgebern und Versicherern.
Noch immer fliesse ein Grossteil der Gesundheitsausgaben in die Behandlung bereits bestehender Erkrankungen statt in deren Vermeidung.
Für die Versicherungsbranche eröffnet diese Entwicklung zugleich ein neues Tätigkeitsfeld. Gefragt sind zunehmend Angebote, die über die klassische finanzielle Absicherung hinausgehen – von Früherkennung und Prävention über digitale Gesundheitsangebote bis zur Begleitung chronisch Kranker über viele Jahre hinweg.

















