24 Stunden von Le Mans: Wenn der Weg das Ziel ist

Samstag, 13. Juni. Um 13.30 Uhr öffnen sich die Pforten zum «Grid Walk»: Sechzig Boliden stehen aufgereiht wie an einer Perlenschnur in ihrer Startreihenfolge.

600 Euro kostet das Ticket für diese Nahansicht, und manche Gäste fliegen eigens für diese eine Stunde auf den Flugplatz von Le Mans ein, der direkt neben der Rennstrecke liegt, betrachten die Autos und fliegen wieder ab. (Die meisten aber bleiben.)

Ex-Premierminister auf dem Grid

Die Sonne brennt auf weit über tausend Menschen, die sich wartend vor den Toren drängen, um die Autos aus nächster Nähe zu sehen.

Entlang des Grids flaniert ein eleganter älterer Herr in heller Hose, dunklem Blazer und Krawatte: François Fillon, einst Premierminister Frankreichs, in Le Mans geboren.

Rolex omnipräsent

Sein jüngerer Bruder Pierre Fillon, Augenarzt von Beruf, präsidiert seit 2012 den «Automobile Club de l'Ouest» – jenen Verein, der die 24 Stunden von Le Mans seit 103 Jahren organisiert und in diesem Jahr zur 94. Austragung lädt.

Rolex hat sich diesem Fest seit dem Jahr 2001 verschrieben: Hauptpartner des Rennens, mit eigener Lounge am besten Punkt der Tribüne; der Start- und Zielbereich leuchtet in einem Meer von gelbgrünen Emblemen.

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Erstmals dabei: Genesis GMR-001. (Bild: Benjamin Bourguignon)

Pommery à discrétion

In den umliegenden Logen fliesst Pommery-Champagner à discrétion. Geld und Elite auf der einen Seite, brachiale Sportbegeisterung auf der anderen – diese Kombination ist Le Mans' eigentliches Markenzeichen.

Le Mans ist Motorsport als Volksfest – unapologetisch, stolz, ein einziges emotionales Leuchten auf historischem Grund.

Ein Neuling aus Korea

Gegenüber dem Porsche Experience Center, der permanenten Repräsentanz des Zuffenhausener Sportwagenherstellers, hat in diesem Jahr ein Neuankömmling seine Hospitality Lounge eingerichtet: die koreanische Luxusmarke Genesis aus dem Hyundai-Konzern.

Sie tritt erstmals mit zwei Autos in der Kategorie Hypercar an, und zwar mit dem GMR-001, gebaut zusammen mit dem französischen Rennsportspezialisten Oreca.

Treffen mit dem Europa-Chef

Es ist ein ironischer Zufall auf der Zeitachse: Ausgerechnet jetzt, wo Porsche sich aus der obersten Klasse der Hypercars in Le Mans  zurückgezogen hat, drängt ein Hersteller hinein, der diese Bühne noch nie betreten hat.

In der Genesis-Lounge sitzt Peter Kronschnabl. Er ist seit letztem August der Präsident von Genesis Europa und war vormals bei BMW tätig. Le Mans ist für ihn kein Neuland. Schon vor zehn Jahren stand er hier, in anderer Funktion, an der Strecke.

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Eröffnungszeremonie mit Marseillaise und Nationalgarde. (Bild: finews)

Versprechen von Premium und Performance

«Le Mans wächst jedes Jahr», sagt er, und für eine Marke, die in Europa noch jung ist, sei diese Bühne ideal: Sie zeige, wer Genesis sei, und sie verbinde das Versprechen von Premium mit dem Beweis von Performance.

Der Rennstart selbst ist Zeremonie: Eine Formation der Nationalgarde intoniert die Marseillaise. Überall blau-weiss-rote Trikoloren. Dann fahren die Wagen eine gemächliche Einführungsrunde in ihrer Startreihenfolge, ehe sie um 16 Uhr beim Überqueren der Linie dröhnend Gas geben und hoffen, möglichst weit, möglichst schnell, voranzukommen.

Schauplatz epischer Wettkämpfe

Was folgt, sind 24 Stunden, in denen Maschinen, Nerven und Teams genau jener Belastung ausgesetzt werden, die schon Steve McQueen (Porsche vs. Ferrari) in «Le Mans» und Matt Damon (Ford vs. Ferrari) in «Le Mans '66» zu Legenden gemacht hat: Das Format des Kräftemessens belohnt Technologie, Robustheit und Beharrungsvermögen.

Schon im Vorfeld des Rennens rückt José Muñoz, CEO der Hyundai Motor Company, die Erwartungen an den Newcomer Genesis ins rechte Verhältnis: Es gehe darum, das Rennen zu bestehen, nicht, es zu gewinnen.

Hyundai-Investoren eingeflogen

Für Genesis und Hyundai ist die Teilnahme an den «24 heures du Mans» ein kommunikativer Grossanlass. Nicht nur hat man etwa hundert Journalisten aus der ganzen Welt eingeflogen. Auch für die Grossaktionäre von Hyundai wurde ein attraktives Rennprogramm konzipiert.

Vier Stunden vor Rennende – die drei sich abwechselnden Fahrer drehen seit 20 Stunden ihre Runden – ist die Bilanz aus Genesis-Sicht  durchwachsen: Der Wagen mit der Startnummer 17 ist in der Nacht ausgeschieden, ein Aufhängungsschaden. Der zweite, die 19, liegt noch im Klassement. «Ich bin zufrieden», sagt Europa-Direktor Kronschnabl.

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Belastungsprobe für Team, Nerven und Material. (Bild: finews)

Geschichte eines Aufstiegs

Es ist die dritte Saison-Teilnahme von «Genesis Magma Racing» (wie der Rennstall offiziell heisst), das erste 24-Stunden-Rennen überhaupt.

Le Mans, das soll für Genesis auch die Geschichte eines Aufstiegs zeigen. Das betonen sowohl Muñoz als auch Kronschnabl. Der Hersteller habe das Eine-Million-Verkäufe-Ziel schneller erreicht als jede andere Luxusmarke zuvor, schneller als Lexus, schneller als Tesla.

«Herstellerwettbewerb»

Bis 2030 soll sich das Geschäft in Europa verfünffachen. Le Mans, sagt Kronschnabl sei «als Herstellerwettbewerb» das ideale Format, um einer Premiummarke Strahlkraft zu verleihen. Wenn, schätzungsweise ab Ende 2027, auch Serienmodelle als Hybrid verfügbar sind, dürfte diese Botschaft noch stärker verfangen.

Wer ein Engagement im Rennsport eingehe, so Kronschnabl, müsse es konsequent verfolgen. «Wenn wir etwas machen, dann machen wir es richtig.»

Beiläufiger Auftritt der UBS

Einen kleinen, fast beiläufigen Auftritt hatte an diesem Wochenende auch die UBS: Sie sponsert ein Team im brasilianischen Carrera Cup, der in zwei Läufen dem grossen 24-Stunden-Rennen vorausging.

Am Ende gehört der Sieg Toyota. Und zwar auf durchaus dramatische Weise: Der Wagen mit der Startnummer 7, gefahren von Mike Conway, Kamui Kobayashi und Nyck de Vries, war von Startplatz 14 losgegangen. Das ist die tiefste Startposition, von der je ein Le-Mans-Sieger ins Rennen ging.

Der Sieger hiess Toyota

Die beiden Toyota-Autos, die die Plätze 1 und 3 erreichten, hatten sich mit einem gewagt verfrühten Boxenstop den nötigen Anlauf für eine nachhaltige Aufholjagd von unbefriedigenden Startpositionen aus erkämpft. «Recouler pour mieux sauter», wie der Franzose sagt.

Der eine Toyota gewann mit nur 10,9 Sekunden Vorsprung auf das BMW-Team von Robin Frijns, René Rast und Sheldon van der Linde. Das war der knappste Vorsprung, seit in Le Mans überhaupt in Zeit gemessen wird.

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Peter Kronschnabl, Europa-Chef von Genesis, in Le Mans. (Bild: Benjamin Bourguignon)

Superlative zeigen den Stand der Technik

Diese Superlative nach über 24 Stunden Rennen zeigen, wie weit die Technik mittlerweile fortgeschritten ist. In früheren Jahrzehnten konnte man das Rennen selbst bei einem zweistündigen Kupplungswechsel möglicherweise noch gewinnen, wie sich der Schweizer Autojournalist und Unternehmer Jorge Guerreiro gegenüber finews erinnert.

Aus Schweizer Sicht erfreulich ist die gute Performance des zweiten Toyotas (mit Startnummer 8): Der Romand Sébastien Buemi, der das Auto im Wechsel mit Brendon Hartley und Ryo Hirakawa pilotierte, fuhr nach einer Durchfahrtsstrafe auf den dritten Podestplatz, nur 20 Sekunden hinter dem Sieger aus dem gleichen Stall. 

Genesis: Ankommen, Lernen, Schlüsse ziehen

Und Genesis? Der Wagen mit der Nummer 19, besetzt mit Mathieu Jaminet, Paul-Loup Chatin und Daniel Juncadella, überquert nach 372 Runden und gut 5'000 gefahrenen Kilometern die Ziellinie auf Rang 13.

Für Kronschnabl ist damit das Ziel erreicht: ankommen in Le Mans, lernen, und die richtigen Schlüsse ziehen.