KI: Schweizer Banken stehen vor der Bewährungsprobe

Die Schweizer Banken stehen beim Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) an einem Wendepunkt. Nach Jahren des Experimentierens mit Pilotprojekten und Proof of Concepts beginnt nun die Phase der produktiven Umsetzung. Zu diesem Schluss kommt Martin Sailer, neuer Leiter des Bereichs Technology und Engineering bei der Management- und Technologieberatung Capco Schweiz, im Gespräch mit finews.

Capco Michael Sailer new1

Martin Sailer. (Bild: zVg)

Sailer beobachtet aktuell einen klaren strategischen Shift: «Banken verabschieden sich zunehmend von einem reinen bottom-up getriebenen Experimentieransatz und definieren KI-Initiativen heute konzernweit und top-down – mit klaren End-to-End-Use-Cases, die messbare Effizienz- und Kostenvorteile bringen sollen.» Der Fokus liege dabei nicht mehr auf der Frage, ob KI eingesetzt werde, sondern wo sie in die produktive Wertschöpfung überführt werden könne.

Personalintensive Prozesse im Fokus

Besonders weit fortgeschritten sieht Capco Anwendungen in stark regulierten und personalintensiven Prozessen wie Know-your-Customer (KYC), Dokumenten- und Textmanagement sowie im Software Development Lifecycle. «Gerade dort, wo der manuelle Aufwand hoch ist, sehen wir je nach Prozessreife und Datenqualität ein Potenzial von 50 bis 60 Prozent, heutige manuelle Arbeitsschritte zu automatisieren – bei klaren Qualitäts- und Kontrollvorgaben», so Sailer. Entscheidend sei jedoch nicht allein die Automatisierung, sondern deren Qualität: Genauigkeit, Konsistenz und ein belastbarer Audit Trail seien im Banking zwingend.

Capco verfolgt dabei einen bewusst anderen Ansatz als viele Wettbewerber. Statt standardisierter SaaS-Produkte setzt die Beratung auf sogenannte Accelerators: weitgehend produktionsreife Softwarebausteine, die gemeinsam mit dem Kunden angepasst und anschliessend von diesem selbst betrieben werden. «Unsere Kunden wollen die Lösungen einpflegen und die Kontrolle behalten – insbesondere bei geschäftskritischen Funktionen», erklärt Sailer. In aktuellen Implementierungen erreichten Capco-Lösungen laut eigenen Angaben Genauigkeitsraten von rund 97 Prozent und Konsistenzwerte von 98 Prozent.

Banken holen zentrale IT- und Entwicklungsfunktionen zurück

Der Zeitpunkt für diesen Ansatz sei günstig. Viele Banken holen derzeit zentrale IT- und Entwicklungsfunktionen zurück ins Haus, nachdem Offshoring- und Nearshoring-Modelle an ihre Grenzen gestossen seien. «Für Institute mit hunderten internen Entwicklern ist ein anpassbarer, eigenbetriebener KI-Ansatz deutlich attraktiver als ein externes Abomodell», so Sailer.

Im internationalen Vergleich sieht er den Finanzplatz Schweiz gut positioniert – insbesondere bei systemrelevanten Banken und führenden Kantonalbanken. «Die Innovationsbereitschaft ist höher, als man gemeinhin annimmt. Schweizer Banken sind heute faktisch Softwareunternehmen: Ohne IT funktioniert kein Geschäftsmodell mehr.» Gleichzeitig räumt er ein, dass Entscheidungs- und Genehmigungsprozesse hierzulande oft länger dauern als etwa in den USA. Der internationale Wettbewerbsdruck habe diese Zyklen jedoch deutlich verkürzt.

«Augmented Relationship Managers» wird kommen

Langfristig erwartet Sailer keinen Ersatz von Kundenberatern durch KI, sondern eine klare Rollenverschiebung. Im Wealth Management werde sich das Modell des «Augmented Relationship Managers» durchsetzen: KI entlaste im Back- und Middle-Office, während die Kundeninteraktion stärker personalisiert und beratungsintensiver werde. «Human-to-Human bleibt zentral – KI wirkt als Verstärker, nicht als Ersatz.»

Trotz des anhaltenden KI-Hypes zeigt sich Sailer gelassen. Die massiven Investitionen in Infrastruktur durch Technologiekonzerne sprächen dafür, dass sich KI nachhaltig in Geschäftsmodellen verankern lassen werde. «Die eigentlichen Gewinner werden jedoch spezialisierte, vertikale Lösungen sein – insbesondere im stark regulierten Finanz- und Versicherungsumfeld.»

Für Schweizer Banken lautet sein klares Fazit: «Der grösste Fehler wäre, zu lange zu warten. Die Experimentierphase ist vorbei, jetzt entscheidet sich, wer den Sprung in die produktive Nutzung schafft.»