Barclays-Chefstratege: «Ohne KI wäre die Weltwirtschaft deutlich schwächer»

«Ohne den KI-Investitionszyklus wäre das globale Wachstum deutlich schwächer – möglicherweise sogar negativ», sagt Julien Lafargue, Chief Market Strategist Barclays Private Bank. Besonders die USA profitierten von milliardenschweren Ausgaben der grossen Technologiekonzerne.

Nach Einschätzung von Barclays lassen sich inzwischen zwischen 50 und 75 Prozent des amerikanischen Wirtschaftswachstums direkt oder indirekt auf KI-Investitionen zurückführen.

Der KI-Zug fährt weiter

Für Lafargue ist der Boom noch längst nicht beendet. Zwar dürften die Wachstumsraten der Investitionen mit der Zeit sinken, doch ein Ende des Trends sieht er so schnell nicht.

Dafür gebe es gleich mehrere Gründe. Unternehmen müssten KI einsetzen, um im Wettbewerb nicht zurückzufallen. Investoren wollten an der Entwicklung teilhaben. Gleichzeitig förderten Regierungen den Ausbau der Technologie, weil sie im Wettlauf zwischen den USA und China eine strategische Schlüsselrolle spiele.

«Niemand möchte den Anschluss verlieren», sagt Lafargue.

Wo Korrekturen drohen

Dennoch erwartet er innerhalb einzelner Marktsegmente Korrekturen. Besonders Halbleiter- und Speicherchip-Hersteller hätten nach den enormen Kursanstiegen der vergangenen Jahre inzwischen Bewertungen erreicht, die kaum dauerhaft haltbar seien.

Diese Rückschläge seien jedoch nicht mit einem Ende des KI-Zyklus gleichzusetzen. Vielmehr handle es sich um eine Normalisierung innerhalb eines langfristigen Trends.

Produktivität entscheidet über den Erfolg

Für Barclays ist KI letztlich nicht das eigentliche Investmentthema. Entscheidend sei vielmehr die Produktivität, welche die Technologie ermögliche.

Nur wenn Unternehmen dank künstlicher Intelligenz effizienter produzierten und ihre Margen verbesserten, lasse sich der aktuelle Investitionsboom rechtfertigen.

Lafargue geht noch einen Schritt weiter: Die Produktivitätsgewinne könnten langfristig sogar helfen, eines der grössten wirtschaftspolitischen Probleme vieler Industrieländer zu entschärfen: die stark steigende Staatsverschuldung.

«Der einfachste Weg, hohe Schulden tragbar zu machen, ist stärkeres Wirtschaftswachstum. Und dafür braucht es höhere Produktivität», sagt er. 

Europa bleibt zurück

Deutlich skeptischer beurteilt Lafargue die Perspektiven Europas.

Zwar hätten die angekündigten Infrastruktur- und Verteidigungsprogramme in Deutschland Ende vergangenen Jahres kurzfristig Hoffnungen geweckt. Anleger hätten deren Wirkung jedoch überschätzt.

Der Aufbau neuer Infrastruktur benötige Jahre, teilweise Jahrzehnte. Auch die steigenden Verteidigungsausgaben würden kurzfristig nur begrenzte Wachstumsimpulse liefern.

Hinzu kämen politische Unsicherheiten.

Vor allem die französischen Präsidentschaftswahlen 2027 dürften internationale Investoren vorsichtig werden lassen. Aber auch die fragile Regierungskoalition in Deutschland verhindere derzeit, dass Europa an den Börsen nachhaltig an Attraktivität gewinne.

Schweiz profitiert von Stabilität

Die Schweiz sieht Lafargue dagegen in einer vergleichsweise komfortablen Position.

Das Wirtschaftswachstum sei zwar ebenfalls moderat, doch gerade in geopolitisch schwierigen Zeiten profitiere das Land von seiner Stabilität.

Für internationale Anleger bleibe die Schweiz deshalb ein attraktiver Hafen.

An den Aktienmärkten habe der Schweizer Markt allerdings einen strukturellen Nachteil: Die Schwergewichte wie Nestlé oder Roche stünden derzeit nicht im Zentrum des weltweiten KI-Hypes.

Die nächste Phase beginnt erst

Nach Ansicht von Barclays konzentrieren sich die Märkte derzeit fast ausschliesslich auf die Infrastruktur hinter der KI: also Rechenzentren, Chips und Cloud-Anbieter. Die eigentlichen Gewinner könnten jedoch erst noch kommen.

Lafargue erwartet, dass KI zunehmend in traditionelle Branchen diffundiert. Besonders im Gesundheitswesen sieht er grosses Potenzial, etwa bei Medikamentenentwicklung oder Diagnostik: «Der grösste wirtschaftliche Nutzen entsteht wahrscheinlich erst dann, wenn KI in der gesamten Wirtschaft eingesetzt wird.»

Davon könnten Europa und auch die Schweiz langfristig sogar stärker profitieren als heute.

China könnte zur Überraschung werden

Auch China unterschätzen laut Lafargue viele Investoren.

Zwar kämpfe das Land weiterhin mit einer schwachen Konsumnachfrage und Problemen im Immobiliensektor. Gleichzeitig verfüge China jedoch über hervorragende Voraussetzungen für die nächste Entwicklungsstufe der künstlichen Intelligenz.

Während die aktuelle Welle vor allem Software betreffe, dürfte sich der Fokus künftig stärker auf Robotik und sogenannte «Physical AI» verlagern.

Hier verfüge China sowohl über leistungsfähige KI-Modelle als auch über eine weltweit führende industrielle Fertigung.

Sollten entsprechende Unternehmen in den kommenden Jahren an die Börse kommen, könnte dies laut Lafargue eines der spannendsten Investmentthemen der nächsten Jahre werden.

USA bleiben der Taktgeber

Auch politisch bleiben die Vereinigten Staaten für Anleger das wichtigste Land.

Bei den Kongresswahlen im November, den Midterms, ist es laut Lafargue gut denkbar, dass die Republikaner das Repräsentantenhaus verlieren, den Senat jedoch verteidigen.

Ein solcher politischer Stillstand würde zwar Reformen erschweren, gleichzeitig aber zusätzliche Fiskalprogramme wahrscheinlicher machen – ein Umfeld, das Aktienmärkte kurzfristig durchaus unterstützen könnte.

Für Europa bleibe die Entwicklung in den USA entscheidend. «Es ist kaum vorstellbar, dass sich Europa dauerhaft stark entwickelt, wenn die amerikanische Wirtschaft gleichzeitig deutlich schwächelt», sagt Lafargue.