Ein Solitär in der Literatur der Finanzkrisen der Moderne

Das Werk «Spillover» ist ein Solitär in der Literatur zu Finanzkrisen der Neuzeit, und das ist ein Grund, weshalb finews zum zweiten Mal einen Blick darauf wirft.

Erstens stehen nicht wie üblich mehr oder wenig tiefschürfende Analysen und Kommentare mit Grafiken, Tabellen und Fussnoten im Zentrum. Vielmehr sind es die Porträts von 88 Persönlichkeiten, die in der weltweiten Finanzkrise, in der 2008 auch die UBS gerettet werden musste, in der Auseinandersetzung mit anderen Staaten um das Schweizer Bankgeheimnis für Kunden mit Domizil im Ausland, in der Euro(schulden)krise und/oder beim Untergang der Grossbank Credit Suisse eine Schlüsselrolle spielten, sei es als Entscheidungsträger, als Berater oder als Kommentatoren.

Jean Claude Juncker Peter Puentener

Der Luxemburger Jean-Claude Juncker spielte in der Euroschuldenkrise eine Schlüsselrolle. (Bild: Peter Püntener)

Zweitens ist auch die von Autor Peter Püntener gewählte Struktur ziemlich einzigartig oder eigen. Nach dem Vorwort folgen die erwähnten Porträts, ergänzt mit Bildern von 19 Räumen und Orten, an denen während der Finanzkrisen Geschichte geschrieben wurde. Die Legenden dazu sind in den Anhang verbannt worden, ein Purismus, der die Wirkung der grossformatigen Bilder nochmals markant erhöht. Aufgelockert wird die Bildstrecke durch Zitate der Entscheidungsträger, die einen lebendigen Eindruck von der Dynamik und Dramatik der Krisen und des Versuchs, sie zu bändigen, vermitteln.

Püntener war es aber auch ein Anliegen, die Konsequenzen der Erschütterungen im Alltag zu erfassen. Deshalb zeigt sein Werk die meist wenig idyllischen «Landschaftsaufnahmen» aus den von der Schuldenkrise in der Europäischen Währungsunion am härtesten getroffenen Staaten Spanien, Irland und Griechenland – und als Kontrast dazu Bilder der davon weitgehend abgeschirmten Schweiz, die auch dank der Zuwanderung einen Bauboom erlebte.

Alicante Spanien 2014 Peter Puentener 

Wie die Eurokrise die Landschaft prägte: Bauruine in Alicante im Jahr 2014. (Bild: Peter Püntener)

Ein Essay von Tobias Straumann, Professor für Neuzeit und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, verschafft rasch einen Überblick über den Verlauf der Krisen, von einem Schweizer Standpunkt aus. Straumann widmet sich darin ausserdem den Ansprüchen, die realistischerweise an ein Krisenmanagement gestellt werden können, geht der Frage nach, weshalb das moderne Finanzsystem inhärent instabil bleibt und stösst an die Grenzen der Bankenregulierung, wobei er auf seinen reichen Fundus der Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahrhunderte zurückgreifen kann. Und die Leserin oder der Leser wird auch darüber aufgeklärt, wie das Werk zu seinem Namen gekommen ist.

Eveline Widmer Schlumpf 2014 Peter Puentener

Stand bei der UBS-Rettung und der Aufgabe des Bankgeheimnisses als Bundesrätin im Brennpunkt: Eveline Widmer-Schlumpf. (Bild: Peter Püntener).

Fünf mit Akribie und Liebe zum Detail verfasste Chronologien für jede der Krisen (die Finanzkrise und die UBS-Rettung werden getrennt behandelt) runden das gestalterisch ebenfalls recht eigenwillige, durchgängig zweisprachig (Deutsch und Englisch) gehaltene Werk ab.

Jean Pierre Roth Peter Puentener

«Die Nationalbank hat Zeit – wir sind da für die Ewigkeit». Mit dieser Bemerkung an der Medienkonferenz im Oktober 2008, als das Massnahmenpaket zur Rettung der UBS vorgestellt wurde, ging Jean-Pierre Roth als Präsident des Direktoriums der SNB in die Geschichte ein. (Bild: Peter Püntener)

Es gibt noch einen dritten Grund, weshalb das mit Unterstützung privater Gönner mitfinanzierte Werk ein Solitär ist, nämlich seinen Autor. Püntener stand von 1995 bis 2022 im Dienste der Schweizerischen Nationalbank, die als eine massgebende Akteurin am Krisenmanagement beteiligt war. Im Werk spiegelt sich damit auch seine persönliche Auseinandersetzung mit den Krisen, die er während seiner beruflichen Laufbahn hautnah miterlebte. Zudem ist Püntener Wirtschaftshistoriker und – für das Kernstück des Buches entscheidend – zugleich ambitionierter Fotograf. Sämtliche Bilder sind denn auch mit seiner Kamera gemacht.


«Spillover – Der Finanzplatz Schweiz im Krisenmodus», Peter Püntener, 2025, Verlag Scheidegger & Spiess, ISBN 978-3-03942-298-2.