Luxon: Der Privatjet auf Schienen
Christian Haas
Yachten und Flugzeuge in jeder Grösse, Stretch-Limousinen, Komfortbusse: Zu Wasser, zu Lande oder in der Luft ist so ziemlich alles mietbar, was sich bewegt. Nur bei Zügen ging lange Zeit gar nichts. Selbst liquide und/oder angesehene Personen mussten in den vergangenen Jahrzehnten auf andere Transportmittel umsteigen, wenn sie und die ihrigen mobil und zugleich unter sich bleiben wollten. Bis vor wenigen Jahren der «Luxon» an den Start ging.
Das Angebot gibt es in Europa, womöglich sogar weltweit, kein zweites Mal: eine eigens gemietete Lok ist mit einem eigens gemieteten Waggon nach eigenem Gusto unterwegs. Das Motto «Der Kunde ist König» geht schon beim Startort los. Der Zug kann seine Passagiere prinzipiell an jedem öffentlichen (S-)Bahnhof in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz abholen (und zurückbringen), sei es am Flughafen, in der Stadt oder auf dem Land.
(Bilder: zVg)
Als Homebase fungiert der Münchner Hauptbahnhof, mit Vorliebe steht der Waggon auf Gleis 18 1/2. Klingt nach Schreibfehler und Harry Potter. Doch im Gegensatz zu den zauberhaften Hogwarts-Schülern aus der Feder von Joanne K. Rowling muss niemand erstmal durch eine Wand brettern, um mit dem Sonderzug fahren zu können. Viel mehr finden sich die ungewöhnlich benummerten Schienen am Ende des regulären Gleises 18, der «kurze Nebenableger» taucht unvermittelt nach einigen hundert Bahnsteigmetern auf. Und dort steht es dann, das «Juwel auf Schienen», wie Harald Klein, Geschäftsführer von Rail Adventure, den gut 26 Meter langen Zug nennt. Davor ein roter Teppich, freundliche Mitarbeiter servieren Begrüssungsdrinks. Alle da? Dann Türen zu und los.
Von Häppchen bis Mehrgangmenüs
Drinnen erstmal: wow! Die Garderobe wird einem abgenommen und dezent verstaut, feines Fingerfood an der eleganten Bar serviert, ein Rundgang samt Probesitzen in den Ledersesseln der rot beleuchteten Lounge am anderen Ende des Waggons gestartet. Dazu gibt es weitere Einblicke in das Projekt, das von den Geisel Privathotels und eben dem Münchner Unternehmen Railadventure gemanagt wird.
Letzteres verdient sein Geld eigentlich mit nicht ganz so luxuriösen Bahnreisen: Es ist auf Test- und Überführungsfahrten mit neuen Zügen spezialisiert, kennt sich daher bestens im Bahnverkehr aus. Mit Personenbeförderung weniger. So gesehen passte der ausrangierte Aussichtswagen aus den 1960er Jahren, Teil des legendären TransEuropExpress (TEE) «Rheingold», nicht ins Portfolio. Dennoch kaufte man 2011 den – Original-Ton des Gründers Alex Dworaczek – «Haufen Schrott» mit der charakteristischen transparenten Kuppel und gönnte sich acht Jahre Zeit für ein Edel-Update des alten Domecar-Wagens.
In rund 100‘000 Arbeitsstunden wurden 46 Kilometer Kabel verlegt, eine umfassende Lichtanlage mit rund 1000 LED-Streifen installiert und 33 Lautsprecher verbaut. Plus die laut Dworaczek «vermutlich stärkste», je in einem Eisenbahnwagen eigenbaute Klimaanlage mit individueller Beduftungsfunktion. Klingt dufte, ist dufte. Generell lässt sich die hohe Qualität überall riechen, hören, fühlen, sehen. Auf den Edel-Toiletten zieht ein Miniaturzug seine Runden, in der Lounge schmeichelt hochwertiges Sesselleder der Firma Gmelich, im Barbereich schnurrt eine Premium-Espressomaschine unterhalb einer langen Reihe grüner Flaschen, die einen eigens kreierten Gin-Mix beinhalten.
Auch ohne Alkohol berauscht das über ein paar Stufen erreichbare, vollverglaste, acht Meter lange Panoramadeck samt Aussichtskuppel, die einen beeindruckenden 360-Grad-Rundumblick auf die vorbeiziehende Landschaft bieten. Noch besser: Dieser Bereich lässt sich rasch von Konferenz- auf Restaurantbestuhlung umfunktionieren. Genau: Das kulinarische Angebot beschränkt sich nicht auf ein paar Häppchen, sondern beinhaltet Mehrgängemenüs, auf Wunsch auch aus den Händen des Sternekochs Tohru Nakamura. Bis zu 20 Gäste können im Sitzen bedient werden, bei einem «Flying Buffet» passen nochmal bis zu zehn Personen mehr in den Zug. Dann ist aber Schluss.
Zulassung für 20 Länder
Beim Streckennetz gilt das nicht so schnell, kann der Luxon doch in grossen Teilen Europa – eine Zulassung liegt für 20 Länder vor – unterwegs sein. Egal, ob Hochgeschwindigkeitstrasse oder romantische Nebenstrecke: Hauptsache, die Spurweiten der Gleise passen. Dann sind Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h möglich. Da ja nicht an Bahnhöfen gehalten werden muss, kommt das sogar an Fahrzeiten des ICE ran. Wobei es um maximalen Speed selten geht, sondern um Genuss.
Daher hält der Zug auf Wunsch auch mal mitten auf einer Brücke, um den Mitfahrenden die Möglichkeit zu geben, Fotos zu schiessen. «Alles eine Frage der Organisation», meint Klein, dessen mehrköpfiges Team permanent in Funkkontakt mit dem Lokführer steht. Und mit den für den Gleisverkehr zuständigen Bahnmitarbeitern.
Und wer gönnt sich nun eine solche Luxusfahrt? «Der Zug wird von Firmen, etwa für Vertragsunterzeichnungen und Kundenevents gebucht. Auch so manches politische Gespräch ist unter dem Glasdach schon geführt worden», erzählt Klein. Doch auch solvente Privatleute schlagen zunehmend zu – für Geburtstagsfeiern, Jubiläen oder, ja, auch das gibt es, fürs Candle-Light-Dinner. So juckelte mal ein Paar am Alpenrand entlang, um dann zum Finale ihres Romantiktrips in Venedig einzufahren. Ein anders Mal klapperte eine Junggesellenrunde tagelang die wichtigsten Lebensstationen des Bräutigams ab. Dank eigener, umweltfreundlicher Elektro-Lok und grosser Bahnexpertise ist theoretisch alles machbar.
Kein Schlafwagen
Lediglich zum Schlafwagen lässt sich der Luxon nicht umbauen – für eine Übernachtung müsste man einen Zwischenstopp einlegen. Fahrplantechnisch wäre das kein Problem. «Zwischen den regulären Bahnverbindungen für den Sonderzug einen Platz auf den Gleisen zu finden, ist weniger kompliziert, als man meinen möchte», sagt Klein.
So viel Extravaganz hat – wen wundert’s? – seinen Preis. Der hängt von Personenzahl, Strecke und Art des Events ab. Auf eine mindestens fünfstellige Zahl auf der Rechnung sollte man sich einstellen, 15‘000 Franken beispielsweise kostet ein zweistündiger Ausflug mit 20 Personen von München nach Rosenheim und zurück, Catering der gehobenen Art inklusive.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Travelcontent.













