Kontroverse um Fusion zur zweitgrössten Aufsichtsorganisation
Von aussen sah alles ganz logisch und zweckmässig aus. Ende August 2025 teilten die beiden Aufsichtsorganisationen (AO) für Vermögensverwalter und Trustees Fincontrol und Osfin mit, zur Osfincontrol fusionieren zu wollen.
Begründet wurde der Zusammenschluss zur zweitgrössten Schweizer AO überhaupt mit Synergieeffekten für die beaufsichtigten Institute, deren Kunden und alle anderen Marktteilnehmer. «Wir schaffen einen grossen und starken Aufsichtspartner, mit klarem Fokus auf eine effiziente, professionelle und transparente Aufsichtstätigkeit», hiess es damals im Communiqué. Und im Dezember erhielt das Vorhaben den Segen der Finma, so dass die Verschmelzung am 22. Dezember in Kraft treten konnte.
Inpasu spuckt in die Fusionssuppe
In die Suppe spuckte einzig die im August 2025 gegründete Initiative Patrimoniale Suisse (Inpasu), die sich selbst als unabhängige Interessenvertretung von Vermögensverwaltern in der Schweiz bezeichnet und durchaus als Konkurrenzveranstaltung zum etablierten Verband der Schweizerischen Vermögensverwalter VSV betrachtet werden kann. Inpasu hatte sich dann gleich erstmals beim Thema der stark gestiegenen Aufsichtsabgabe exponiert und profiliert.
Im vergangenen November verschickte Inpasu eine Medienmitteilung, in der sie festhielt, dass die Fusion zur Osfincontrol bei zahlreichen Vermögensverwaltern für Verunsicherung sorge. Sie bemängelte die Kommunikation der beiden AO als lückenhaft und wies auf die Mehrkosten hin, die sie aufgrund ihrer eigenen Schätzungen mit 70 bis 300 Prozent gegenüber dem bisherigen Osfin-Modell bezifferte.
Massiver Kostenschub für Osfin-Institute
Der Kostenschub insbesondere für kleinere Vermögensverwalter wurde darauf zurückgeführt, dass die Osfin bisher den effektiven Stundenaufwand in Rechnung gestellt hatte, die Osfincontrol hingegen einen erheblichen Teil auf pauschaler Basis abrechnet.
Inpasu kritisierte zudem die Verwaltungspraxis der Finma in Bezug auf die Fristen und weitere Modalitäten für Gesuche um einen Wechsel der AO. Präsident Roger Fromm: «Wer wechseln möchte, bezahlt nicht nur höhere Gebühren, sondern zusätzlich einen ausserordentlichen Audit – während bei der fusionierten AO auf genau diese Prüfung verzichtet wird. Das schafft ein Wettbewerbsungleichgewicht, das mit einer fairen und risikobasierten Aufsicht schwer vereinbar ist.»
Sachliche Aufarbeitung mittels Umfrage
Wer nun darauf setzte, dass im neuen Jahr die Sache gegessen ist bzw. Inpasu Ruhe gibt, sah sich getäuscht. Ende Januar hielt Inpasu in einem Beitrag auf der Website fest, die zahlreichen Rückmeldungen von Mitgliedern zu den konkreten Folgen der AO-Fusion ergäben ein einheitliches Bild: «Viele fühlen sich unzureichend informiert, waren sich der Fristen nicht bewusst und erleben nun deutliche Kostensteigerungen, die so nicht erwartet wurden.»
Inpasu erkannte daher Handlungsbedarf: «Als Interessenvertretung unabhängiger Vermögensverwalter möchten wir diese Situation sachlich beleuchten und gemeinsam mit den Betroffenen aufarbeiten.» Und lancierte dazu eine strukturierte Online-Umfrage unter Vermögensverwaltern, die bis Ende Februar läuft. Zweck der Übung: «Die Ergebnisse werden anonymisiert und aggregiert ausgewertet. Sie dienen als Grundlage für Gespräche mit Osfincontrol und der Finma.»
Kein Hebel über das Vereinsrecht
Vergangene Woche legte Inpasu allerdings bereits mit einer neuen Mitteilung nach. Man habe sich bemüht, die verfügbaren Unterlagen, die öffentlich zugänglichen Informationen sowie die zahlreiche Rückmeldungen von betroffenen Instituten auszuwerten, um die Situation sachlich einzuordnen.
Inpasu hält zunächst fest, dass die angeschlossenen Vermögensverwalter vereinsrechtlich betrachtet keine Mitglieder waren; zu dieser Kategorie zählen nur die Vorgänger-Selbstregulierungsorganisationen, die seinerzeit zur Osfin fusionierten. Entsprechend hatten die betroffenen Vermögensverwalter auch kein vereinsrechtliches Mitbestimmungsrecht.
Irreführende Information an Veranstaltungen?
Hinsichtlich der Kosten ergibt sich für Inpasu ein klares Bild: Die oft beklagten Mehrkosten gegenüber der früheren Osfin-Mitgliedschaft reichten von 100 bis 300 Prozent. Das stehe in einem starken Kontrast zu den Angaben, die an den vor der Fusion durchgeführten Informationsveranstaltungen gemacht worden seien: Dort habe man mit Einsparungen und Synergien argumentiert.
Inpasu will nun geklärt haben, ob die Kostenfolgen korrekt dargestellt, Risiken und Fristen offengelegt sowie Wechselmöglichkeiten rechtzeitig kommuniziert worden sind. Entsprechend ruft sie Vermögensverwalter nicht mehr nur dazu auf, an der Umfrage teilzunehmen, sondern bittet sie zusätzlich darum, ihr in diesem Zusammenhang relevante Dokumente (Präsentationen, Fotos, E-Mails, Einladungen usw.) zur Verfügung zu stellen.
Frist mitten in der heissen Phase des Jahresendgeschäfts
Und sie holt vorsorglich auch den Holzhammer hervor: «Falls Informationen unvollständig oder missverständlich waren, könnte dies eine Verletzung von Informations- und Aufklärungspflichten darstellen. Um das seriös zu prüfen, benötigen wir Fakten statt Vermutungen.»
Auf Anfrage von finews konstatiert Inpasu-Präsident Fromm, dass die bislang vorliegenden Umfrageergebnisse das Bild hinsichtlich der Kosten, der Fristen und der Kommunikation bestätigten. Bei den Informationsveranstaltungen sei von Kostensenkungen die Rede gewesen, die Osfin-Mitglieder hätten das mehrseitige neue Gebührenreglement erst am 1. November erhalten (ohne konkrete Angaben zu den tatsächlichen Kostenfolgen pro Institut), und die Finma habe den Stichtag für einen Wechsel (zu einer anderen Aufsichtsorganisation) bereits auf den 15. November angesetzt, «mitten im Jahresendgeschäft, der heissesten Phase», wie Fromm anmerkt.
«Timeline des Chaos»
Damit sei die Reaktionszeit für die Vermögensverwalter viel zu kurz gewesen, Fromm spricht in diesem Zusammenhang von einer «Timeline des Chaos» und kritisiert auch die Finma. Zudem weist er auf die Gebühren und die Kosten für das zusätzliche Audit bei einem Wechsel hin, die auf viele abschreckend wirkten.
Pikant ist ferner der Umstand, dass die Osfin gemäss Fromms Angaben finanziell deutlich besser dastand als die Fincontrol. Die Finma hätte die Fusion in dieser Form und mit solchen Auswirkungen für die Mitglieder nicht bewilligen dürfen, ist er überzeugt. Kein einziger Osfin-Mitarbeiter habe zur neuen AO gewechselt.
Die Forderungen von Inpasu
38 Prozent der bisherigen Teilnehmer der Inpasu-Umfrage melden Kostenerhöhungen von über 200 Prozent, für 31 Prozent liegt die Steigerung zwischen 100 und 200 Prozent, bei 15 Prozent schwankt sie zwischen 50 und 100 Prozent.
Inpasu erhebt nun folgende Forderungen:
- Offenlegung der Kommunikation zwischen dem Vorstand von Osfin bzw. Osfincontrol und der Finma;
- Erstattung der Kostenerstattung für alle Wechsler (6'000–10'000 Franken pro Fall);
- Rückkehr zu alten Osfin-Preisen für Verbliebene;
- Rückgabe der über die Jahre akkumulierten Reserven der Osfin an die Mitglieder;
- Aufsichtsbeschwerde gegen die Finma und parlamentarische Vorstösse.
finews hat die neue Aufsichtsorganisation Osfincontrol mit den ihr bereits bekannten Vorwürfen konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten.
Die Sicht der Osfincontrol
Osfincontrol-CEO Simon Wälti (der das gleiche Amt bereits bei der Fincontrol ausübte) legt eingangs Wert auf die (auch von Inpasu nicht bestrittene) Feststellung, dass die Fusion juristisch korrekt umgesetzt worden ist und dies durch das Amtsnotariat, die Finma sowie die zuständigen Handelsregisterämter geprüft worden ist.
Bis vor einer Woche habe Inpasu «rufschädigende Vorhaltungen» gegenüber der Osfincontrol gemacht, wonach im Rahmen der Fusion vereinsrechtliche Regeln verletzt worden seien. Inzwischen sei dies auf der Homepage von Inpasu «zwar ansatzweise klargestellt worden, ohne aber die falschen Vorwürfe anzuerkennen. Dasselbe gilt für die völlig unsubstantiierte Behauptung, die Osfin wäre finanziell besser aufgestellt gewesen als die Fincontrol, die bar jeglicher Belege in den Raum gestellt wird.»
Wälti stellt auch die «Sachlichkeit» als Motivation der Inpasu infrage – «immerhin wurde die Osfincontrol bis heute nicht zu einer Stellungnahme eingeladen oder angefragt». Entsprechend sind für ihn auch die Forderungen, die obendrein «jeglicher Grundlage entbehren», nicht nachvollziehbar.
Dann beantwortet er ausführlich die ihm von finews unterbreiteten Fragen.
Haben viele ehemalige Osfin-Mitglieder massiv höhere Kosten?
«Die Aussagen basieren auf einer unzureichenden Verkürzung und Vereinfachung der Fakten. Das gilt insbesondere für die irreführende, weil unvollständige Rechentabelle, die Inpasu verbreitet.» Wälti hält aber auch fest: «Je nach Konstellation konnten wohl einige Institute von der mit Abstand tiefsten Kostenstruktur schweizweit der Osfin profitieren. Diese Kostenstruktur bietet keine andere AO, auch die Osfincontrol nicht.»
In Einzelfällen lägen die Kosten heute höher als früher, da die Berechnungslogik geändert habe: «Wir verrechnen Kosten nach Abhängigkeit der Grösse der Institute (d.h. der verwalteten Vermögenswerte) und nicht nach der Anzahl ‹relevanter› Personen im Betrieb wie die Osfin.»
Und zum Thema der Transparenz der Kosten: «Ein beaufsichtigtes Institut weiss bei der Osfincontrol per Anfang Jahr grundsätzlich, welche Aufwände auf es zukommen. Eine Ausnahme bildet die Aufsichtsabgabe der Finma, auf die wir leider keinen Einfluss haben und wo diese uns keine Vorausschaubarkeit bietet.» Im Vergleich zu anderen AO sei die Kostenstruktur der Osfincontrol transparenter. «Sie erlaubt dank der grössenabhängig unterschiedlichen Belastung eine Kostentragung nach der finanziellen Tragkraft.» Etliche Institute profitierten daher heute «von tieferen Kosten und einer wesentlich professionelleren Aufsicht».
Welche Synergien hat die Fusion der beiden AO gebracht?
Gemäss Wälti gibt es diverse Synergieeffekte, «die sich auch kostenseitig niederschlagen werden. Dank der Vereinheitlichung der IT werden Kosten eingespart, die Qualitätssicherung der Prüfgesellschaft wird vereinheitlicht, was zu effizienterer Aufsichtstätigkeit führen wird; überdies führt die Fusion zu gesamthaft tieferen Personalkosten.» Und die angeschlossenen Institute sollen davon bereits im Jahr 2026 profitieren: Ihnen werde auf der Jahresrechnung der AO eine Kostenrückerstattung gewährt – «sie kommen also in den Genuss tieferer Abgaben gegenüber der AO als gemäss Tarifreglement ausgewiesen».
Wälti verweist zudem auf den Vorteil, dass die Institute nun von einer Organisation mit mehr Gewicht gegenüber allen Marktakteuren vertreten würden. «Allfällige Bedenken aus dem Markt können so auch hörbarer an betroffene Amtsstellen getragen werden.»
Beschäftigt die neue AO Mitarbeiter der Osfin?
Wälti hält fest, dass die Osfincontrol weiterhin Mitarbeiter beider Vorgängerorganisationen beschäftigt. «Vor der Fusion waren bei den Organisationen vier bzw. acht Personen beschäftigt, heute sind es zehn Personen.»
Wie viele Institute haben zu einer anderen AO gewechselt?
«Eine genaue Aussage machen wir hierzu nicht, da es Institute betrifft, die nicht mehr unter unserer Aufsicht stehen», antwortet der CEO der neuen AO, nennt aber doch eine Grössenordnung: «Summa summarum waren es rund zwei Dutzend Institute, die einen Wechsel aufgrund der neuen Bedingungen unter der Aufsicht der Osfincontrol beantragt haben.» Damit hätten sich die Wechselgesuche im Verhältnis zur Zahl der angeschlossenen Institute im einstelligen Prozentbereich bewegt.
Wälti zeigt sich erstaunt darüber, dass Fromm nun nochmals die fehlenden Informationen zu den Fristen für einen Wechsel bemängelt. Dank entsprechender Koordination zwischen der Osfincontrol bzw. deren Vorgängerorganisationen und der Finma sei die Frist zur Eingabe der Wechselgesuche «sehr pragmatisch verlängert» worden. «Wechselgesuche aufgrund der Fusion wurden daher alle wohlwollend geprüft, auch weit nach Mitte November. Im Falle von Herrn Fromm und seinem Institut wurde die Frist sogar noch ein weiteres Mal erstreckt, obschon er aufgrund der eigenen Ferienabwesenheit die fristgerechte Eingabe bis Ende November verpasst hatte.»
Wie gut funktionierte die Kommunikation mit den Vermögensverwaltern im Vorfeld der Fusion?
Man habe sich zum Thema angemessener Kommunikation bereits im Rahmen der Fusionsgespräche viele Gedanken gemacht, betont Wälti. «Aus diesem Grund war uns auch an einer proaktiven, möglichst frühzeitigen Information ab August 2025 gelegen – eben um den Instituten die Möglichkeit zu gewähren, sich ein umfassendes Bild zu machen und allfällige Konsequenzen wie namentlich den Vergleich mit anderen bzw. den Wechsel zu anderen Organisationen fristgerecht zu prüfen.»
In der Folge hätten im September mehrere Informationsveranstaltungen stattgefunden – virtuell wie auch physisch, u.a. vor Ort im Tessin. «Die Unterlagen wurden danach elektronisch versendet, und Ende Oktober wurde nochmal ein physisches Schreiben mitsamt den neu anwendbaren Reglementen an alle Angeschlossenen der Osfin versandt.»
Viele Institute hätten sich nach den Informationsveranstaltungen von sich aus gemeldet, um konkrete Punkte zu den Gebühren und Prüfmodalitäten zu klären. Wälti wertet dies als Beleg dafür, «dass die Informationen klar und schlüssig waren».
Dass erst am 1. November informiert worden ist, trifft gemäss Wältis Darstellung somit nicht zu. Er zeigt sich auch erstaunt darüber, dass Fromm nun Behauptungen zu Statements bzw. Darstellungen aus diesen Veranstaltungen verbreite, obschon dieser «gemäss eigenen Aussagen an keiner Informationsveranstaltung im September teilgenommen hatte». Offenbar habe Fromm als Präsident einer Interessenvertretung eine Teilnahme nicht für notwendig erachtet, weil sie nicht als «obligatorisch» bezeichnet worden war, kommentiert Wälti.
Wo gibt es im Nachhinein gesehen Verbesserungspotenzial?
Optimierungsbedarf sieht Osfincontrol «hinsichtlich der technischen Aspekten, die bei einem Gesuch um einen Wechsel der AO zu beachten sind. Gemäss Vorgaben der Finma, die schweizweit gelten, können Wechsel einer AO nur noch per Jahresende eingereicht werden – und die Finma erwartet die Eingabe der Gesuche, von den jeweiligen AO vorgeprüft, spätestens per 15. November bei ihr.»
Das sei offenbar einigen bisherigen Osfin-Instituten nicht bewusst gewesen. Dagegen habe die Fincontrol ihre Population über diese Punkte stets informiert, sagt Wälti.
Auseinanderdriftende Standpunkte
Zumindest in Bezug auf die Beurteilung der doch recht rigiden Praxis der Finma bei Wechselgesuchen dürften die Standpunkte von Osfincontrol und Inpasu nicht soweit auseinanderliegen.
Apropos Standpunkte: Im August 2025 hatte Inpasu den Zusammenschluss in einer Medienmitteilung noch ausdrücklich begrüsst und darin «eine Chance für eine effizientere, professionellere und sprachregional breit abgestützte Aufsicht, die der Vielfalt der unabhängigen Vermögensverwalter besser Rechnung tragen kann» gesehen. Und sie lobte Simon Wälti als «eine kompetente und lösungsorientierte Persönlichkeit», die sich «durch Dialogbereitschaft, Sachkenntnis und Transparenz ausgezeichnet» habe.
Die Ereignisse danach haben die Distanz zwischen den Standpunkten offenbar deutlich wachsen lassen.















