Setzt sich die Rallye der Schwellenländer fort?


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Trotz des geopolitischen Umfelds und der wirtschaftlichen Unsicherheit, die mit der neuen US-Regierung einhergeht, erlebten die Aktienmärkte in den Schwellenländern im Jahr 2025 ein ausserordentlich starkes Jahr. Der MSCI Emerging Markets schloss das Jahr mit einem Plus von 34 Prozent, der asiatische Teilindex mit +33 Prozent und der südamerikanische Teilindex sogar mit +56 Prozent.

Dies sind die Treiber der Performance

Bei der Analyse der Wertentwicklung von Schwellenländer-Aktienindizes lassen sich üblicherweise vier Faktoren identifizieren, die die Dynamik erklären. Alle vier wirkten 2025 unterstützend: ein schwächerer US-Dollar, sinkende US-Staatsanleihenrenditen infolge einer expansiveren Haltung der US-Notenbank, deutlich rückläufige Preise für Energierohstoffe sowie eine insgesamt robuste Weltkonjunktur. Diese Faktoren senken die Finanzierungskosten der Unternehmen, reduzieren operative Aufwendungen und steigern gleichzeitig die Erträge.

«Die Märkte haben die Zinssenkungen der US-Notenbank weitgehend eingepreist.»

Eine geografische Aufschlüsselung der Performance, differenziert nach dem Beitrag des erwarteten Gewinnwachstums der Unternehmen und der Bewertung beziehungsweise der Marktstimmung, zeigt jedoch eine klare Zweiteilung. Während beim MSCI Asien das erwartete Gewinnwachstum rund 52 Prozent zur Gesamtperformance beitrug, erklärt dieser Faktor beim südamerikanischen Pendant lediglich 19 Prozent. 

Ein Teil dieser Differenz ist auf die stärkere Gewichtung von Technologie- und Finanzwerten im asiatischen Schwellenländer-Index zurückzuführen, während der MSCI Lateinamerika vor allem in Finanz- und Bergbausektoren sowie in geringerem Umfang im Energiesektor engagiert ist.

Kluft wird noch grösser

Vor diesem Hintergrund dürfte sich die Divergenz zwischen dem asiatischen Schwellenländerraum und Lateinamerika im Jahr 2026 weiter verstärken. Die für 2026 erwartete Stabilisierung des Dollars dürfte die Schwellenländer-Anlagen kaum stützen, zudem haben die Märkte die Zinssenkungen der US-Notenbank bereits weitgehend eingepreist. Gleichzeitig ist die asiatische Region weniger direkt von geopolitischen Spannungen betroffen, in die die USA, die Europäische Union und Lateinamerika involviert sind. Diese relative Distanz wirkt wie ein Schutzschild, der die Korrelation mit risikoreichen Anlagen reduziert und insbesondere innerhalb der Schwellenländer für eine stärkere Diversifikation sorgt.

«Die Region Asien-Pazifik zuletzt schneller gewachsen ist als die USA.»

Ein weiterer zentraler Unterschied zwischen dem asiatischen Raum und anderen Regionen liegt in der stärkeren Ausrichtung auf Themen wie Künstliche Intelligenz, Halbleiter und neue Technologien. Aktuelle Absatzdaten im Halbleitersektor zeigen, dass die Region Asien-Pazifik zuletzt schneller gewachsen ist als die USA und damit weltweit den grössten Beitrag leistet. China bleibt dabei ein direkter und ernstzunehmender Wettbewerber im Bereich der Künstlichen Intelligenz und baut seine führende Stellung in der Robotik weiter aus.

Für 2026 wird bei den im koreanischen Leitindex KOSPI vertretenen Unternehmen ein Gewinnwachstum von 58 Prozent erwartet, beim taiwanesischen Index liegt die Prognose bei 21 Prozent. Diese Erwartungen liegen deutlich über jenen der G7-Staaten. Vergleichbare Perspektiven bieten weder Brasilien noch Mexiko noch die Länder Osteuropas. Erschwerend kommt hinzu, dass Schwellenländer mit hoher Abhängigkeit vom Energiesektor weiter unter Druck geraten könnten, sollte der Ölpreis anhaltend nachgeben.


Mabrouk Chetouane ist Global Head of Market Strategy bei Natixis IM.