Carmignac: Die Rückkehr der vier Triebwerke

Maxime Carmignac spricht von einer «Renaissance». Dahinter verbirgt sich ein umfassender Umbau, der nach einer Phase der Underperformance insbesondere bei den zentralen Strategien eingeleitet wurde.

«Ich bin nie 100 Prozent zufrieden, wir können immer mehr und besser machen. Aber ich bin sehr zufrieden mit dem Trend», sagt Maxime Carmignac im Interview mit finews.

Maxime Carmignac, Directrice Generale de Carmignac UK Ltd. Paris, France. 17 octobre 2025.

Maxime Carmignac. (Bild: Antoine Doyen)

Maxime Carmignac ist die Tochter von Firmengründer Edouard Carmignac, CEO von Carmignac UK und Mitglied des Verwaltungsrats und des Management Committees von Carmignac, in dem sie massgeblich an der Entwicklung der Strategie des Unternehmens mit besonderem Schwerpunkt auf Produktentwicklung, verantwortlichem Investieren, Anlagelösungen und der Rekrutierung neuer Mitarbeiter beteiligt ist. 

Vom Ein-Motor-Flugzeug zur Neuausrichtung

Über Jahre hinweg war Carmignac stark von wenigen Erfolgsstrategien abhängig. In den Jahren 2000 bis 2009 lieferte Firmengründer Edouard Carmignac herausragende Ergebnisse – von der Tech-Blase bis zur Finanzkrise. Doch der rasche Mittelzufluss führte zu einer klassischen Wachstumskrise.

«Wir waren wie ein Flugzeug mit vier Triebwerken, aber nur eines funktionierte», so Maxime Carmignac. Mit einem verwalteten Vermögen von bis zu 60 Milliarden Euro wurden die Portfolios konservativer gesteuert – manchmal zu Lasten der Performance. Die Folge: Rund ein Jahrzehnt inkonsistenter Ergebnisse bei den beiden Flaggschiff-Fonds Carmignac Patrimoine und Carmignac Investissement.

Diversifikation als erstes Standbein

Parallel dazu begann das Haus, neue Strategien aufzubauen. Ein entscheidender Schritt war die Gründung des «Carmignac Lab», einer internen Innovationsplattform, die im Jahre 2014 ins Leben gerufen wurde.

«Wir wollten nicht wie ein Pharmaunternehmen funktionieren, das von externem Wachstum abhängig ist. Das Lab ermöglicht uns, Talente zu identifizieren, Strategien zu testen und sie erst später für externe Investoren öffnen», erklärt Maxime Carmignac.

«Das Lab ermöglicht uns, Talente zu identifizieren, Strategien zu testen und sie erst später für externe Investoren öffnen.»

Ein Beispiel ist der Aufbau des Kreditgeschäfts, das heute zu den wichtigsten Wachstumstreibern zählt. Insgesamt konnte Carmignac damit die Abhängigkeit von einzelnen Fonds deutlich reduzieren.

Harte Entscheidungen bei den Flaggschiffen

Der eigentliche Wendepunkt kam jedoch Ende 2023. Carmignac entschied sich, die Investmentteams der beiden Kernfonds komplett neu aufzustellen.

Für den Fixed-Income-Bereich von Carmignac Patrimoine setzte man auf ein bewährtes internes Team mit Guillaume Rigeade und Eliezer Ben Zimra. Für die Aktien- und Multi-Asset-Komponenten wurden gezielt externe Spitzenkräfte verpflichtet, darunter ein ehemaliger Co-Portfolio-Manager des britischen Hauses Ruffer, Jacques Hirsch, sowie der globale Aktienmanager Kristofer Barrett.

«Wir haben bewusst Risiken genommen, aber bislang haben sie sich ausgezahlt», sagt Maxime Carmignac.

Die neue Organisation zeigt erste Resultate: Die Performance der Flaggschiff-Fonds hat sich deutlich verbessert. «Unsere vier Triebwerke laufen wieder gleichzeitig», so Maxime Carmignac.

Aktives Management unter Druck, aber mit Chancen

Trotz der strukturellen Konkurrenz durch ETFs sieht Maxime Carmignac weiterhin Chancen für aktives Management – unter klar definierten Bedingungen. «Wenn Sie nur den Index plus Gebühren liefern, sind Sie tot. Es gilt: Go big or go home.»

Unsere eigene Studie zeigt, dass aktive Equity Strategien langfristig Mehrwert generieren können. Voraussetzung ist allerdings, dass sie einen hohen Active Share und Open-Architecture-Distribution aufweisen. Besonders bei europäischen Aktien, wo die Performance-Differenz am ausgeprägtesten ist, sieht Maxime Carmignac ein besonderes Outperformance-Potenzial.

«Wenn Sie nur den Index plus Gebühren liefern, sind Sie tot. Es gilt: Go big or go home.»

Zudem gebe es Bereiche, in denen passive Ansätze strukturell an Grenzen stossen, etwa im Fixed-Income-Segment oder bei alternativen Anlagen.

Private Markets als nächster Wachstumstreiber

Ein zentrales Element der strategischen Weiterentwicklung ist der Einstieg in Private Markets. Carmignac setzt dabei auf Evergreen-Strukturen, die insbesondere für vermögende Privatkunden attraktiver sind.

«Unsere Kunden sollten bis zu 10 Prozent ihres Vermögens in Private Markets investieren können. Bisher konnten wir das nicht anbieten», sagt Maxime Carmignac.

In Zusammenarbeit mit dem Spezialisten Clipway, mit Sitz im Vereinigten Königreich, hat das Unternehmen eine entsprechende Strategie aufgebaut. Der Fokus liegt auf Secondaries und Co-Investments, um klassische Nachteile wie Illiquidität oder hohe Einstiegshürden zu reduzieren.

Schweiz als Schlüsselmarkt

Für Carmignac spielt die Schweiz eine zentrale Rolle in der Transformation. Der Markt gilt als besonders anspruchsvoll und zugleich als offen für Innovationen.

«Die Schweiz ist extrem sophisticated. Man muss hier niemandem mehr erklären, was Evergreen-Strukturen sind», sagt Maxime Carmignac.

«Für uns ist die Schweiz daher eine Art «Baukasten» für Wachstum und Diversifikation.»

Vor allem Kreditstrategien, Emerging Markets und Private Markets stossen auf Interesse. Bei den Multi-Asset-Strategien setzt das Haus darauf, über Performance wieder Vertrauen aufzubauen. 

«Für uns ist die Schweiz daher eine Art «Baukasten» für Wachstum und Diversifikation», sagt Maxime Carminac.

KI als Produktivitätshebel

Auch technologisch positioniert sich Carmignac neu. Künstliche Intelligenz wird breit eingesetzt: von der Analyse bis zur Effizienzsteigerung.

«Früher haben einige Teams 90 Prozent der Zeit für Datensammlung verwendet, heute sind es 10 Prozent», sagt Maxime Carmignac.

Die Folge: Höhere Produktivität bei konstantem Personalbestand. Das verwaltete Vermögen ist in den letzten drei Jahren von 30 auf rund 41 Milliarden Euro gestiegen – bei stabiler Teamgrösse.

Renaissance – aber erst am Anfang

Trotz der Fortschritte bleibt Carmignac vorsichtig. Die aktuelle Entwicklung sei nur der Beginn eines längeren Prozesses.

«Wir haben unsere Renaissance gestartet – aber wir müssen uns erst noch beweisen», betont Maxime Carmignac.

Das Geschäft bleibe stark von Menschen abhängig und damit inhärent volatil. Entsprechend sei Demut gefragt – gerade in einem zunehmend komplexen Marktumfeld.

Langfristig sieht sich das Unternehmen jedoch gut positioniert: als spezialisierte Boutique mit klarem Fokus, hoher Agilität und starker Interessenangleichung zwischen Investoren, Mitarbeitenden und Eigentümern.

«Es ist keine Revolution, sondern eine Evolution», sagt Maxime Carmignac.