«KI macht selbst aus dem Dümmsten einen gewieften Betrüger»

Der Versicherungsbetrug nimmt im Zuge von KI-Technologien spürbar zu. Schätzungen zufolge könnten die Schäden bereits bis zu 10 Prozent der gesamten Schadenssumme betragen.

Für Tobias Thonak, Partner Scaling Data & AI bei BearingPoint, ist das jedoch weniger ein neues Phänomen als vielmehr eine strukturelle Zuspitzung eines bekannten Problems: «Versicherungsbetrug war schon immer relevant – aber er verändert sich massiv», sagt er. 

Zunehmend geraten auch Banken ins Visier.

Silodenken macht es Betrügern einfach

Der zentrale Schwachpunkt liegt nicht primär in der Technologie, sondern in den Organisationen selbst. «Die grösste Schwachstelle ist oft die fehlende Integration von Daten, Prozessen und Entscheidungslogiken. Viele Finanzdienstleister sind historisch gewachsen und arbeiten in Silos.»

Tobias Thonak

Tobias Thonak, Partner Scaling Data & AI bei BearingPoint. (Bild: zVg)

Diese Fragmentierung erschwert eine effektive Betrugserkennung erheblich. Einzelne Fälle erscheinen isoliert betrachtet häufig plausibel – erst durch die Verknüpfung verschiedener Datenquellen werden Muster sichtbar: «Wenn man das Gesamtbild hat – etwa Geräteinformationen, frühere Schadensfälle oder Zahlungsströme –, erkennt man plötzlich Zusammenhänge, die zuvor unsichtbar waren.»

Kurzfristiges Krisentreffen einberufen

Selbst bei technischen Hilfsmitteln ist Vorsicht geboten. Vor wenigen Tagen sorgte ein neues KI-Modell für Nervosität auf höchster Ebene: Regulatoren und Notenbanken schlagen Alarm, während führende Wall-Street-Institute die Technologie bereits testen.

Es handelt sich um «Mythos» des US-Entwicklers Anthropic, das laut Behörden in der Lage sein soll, Sicherheitslücken in Betriebssystemen und Webbrowsern eigenständig zu identifizieren und auszunutzen. Dies berichtete «Bloomberg».

Diese Fähigkeiten haben auf höchster politischer Ebene unmittelbare Reaktionen ausgelöst. US-Finanzminister Scott Bessent und Notenbankchef Jerome Powell luden kurzfristig führende Bankchefs zu einem Krisentreffen. Im Zentrum stand die Sorge, dass sich die Cyber-Bedrohung durch den Einsatz fortschrittlicher KI fundamental verändern könnte.

Neue Phase im Cyber-Wettrüsten

Regulatoren sehen darin den möglichen Beginn einer neuen Generation von Cyberangriffen. Während KI bislang vor allem zur Verteidigung eingesetzt wurde, eröffnet sie nun auch Angreifern neue Möglichkeiten.

Insbesondere die Fähigkeit, bislang unbekannte Schwachstellen autonom zu identifizieren und auszunutzen, deutet auf eine beschleunigte und deutlich schwerer kalkulierbare Dynamik im digitalen Wettrüsten hin. Experten sprechen von einem strukturellen Paradigmenwechsel in der Cybersicherheit.

Banken testen – trotz erheblicher Risiken

Parallel zu den Warnungen treiben grosse Finanzinstitute die Anwendung der Technologie voran. J .P. Morgan Chase gilt als eines der ersten Institute, das in entsprechende Tests eingebunden ist.

Auch Goldman Sachs, Citigroup, Bank of America und Morgan Stanley sollen Zugang erhalten haben oder kurz davor stehen. Offizielle Stellungnahmen bleiben bislang weitgehend aus.

KI demokratisiert Betrug

Während Finanzinstitute aufrüsten, verschiebt sich die Dynamik auf Täterseite noch schneller. «KI macht das Thema zugänglich», sagt Thonak. «Menschen, denen früher die Fähigkeiten fehlten, können heute qualitativ hochwertige Betrugsversuche durchführen.»

Sein Fazit ist zugespitzt: «KI macht selbst aus dem Dümmsten einen gewieften Betrüger.»

Dabei handelt es sich längst nicht mehr nur um organisierte Kriminalität. «Neben professionellen Banden gibt es zunehmend Trittbrettfahrer, die einfach ausprobieren, ob es funktioniert.»

Besonders kritisch: Die Verlässlichkeit klassischer Prüfmechanismen schwindet. «Auf Dokumente konnte man sich früher verlassen – heute nicht mehr.»

Zudem professionalisieren sich auch die Prozesse auf Täterseite: «Betrüger automatisieren ihre Abläufe genauso wie Finanzdienstleister und nutzen gezielt Schwachstellen in digitalen Claims-Prozessen aus.»

Regulatorik und Kultur bremsen die Branche

Trotz wachsendem Druck reagieren viele Versicherer nur verzögert. Die Ursachen sind vielfältig: «Es ist ein Zusammenspiel aus technologischen Altlasten, regulatorischen Anforderungen und organisatorischen Hürden.»

Gerade im regulierten Umfeld sind schnelle Anpassungen schwierig: «Man kann nicht im Facebook-Stil ‘move fast and break things’ agieren – Veränderungen müssen nachvollziehbar und kontrolliert erfolgen.»

Hinzu kommen kulturelle Barrieren: «Viele Mitarbeitende sehen in Automatisierung und KI eine Bedrohung für ihren Arbeitsplatz – das bremst die Transformation zusätzlich.»

Aufholjagd hat begonnen

Dennoch sieht Thonak die Branche nicht in einer strukturellen Defensive: «Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel – aber die Finanzdienstleister holen auf.»

Die Investitionsdynamik ist deutlich: «Die Ausgaben für Daten- und AI-Lösungen wachsen im Versicherungsbereich aktuell um über 30 Prozent pro Jahr.»

Entscheidend ist dabei weniger die Technologie selbst als das Operating Model: «Erfolgreich sind Unternehmen, die crossfunktionale Teams etablieren – also Schaden, IT, Data und Compliance eng verzahnen.»

Diese Organisationsform ermöglicht kürzere Lernzyklen und schnellere Iteration: «Man testet, erhält Feedback und verbessert kontinuierlich – statt monatelanger, isolierter Projekte.»

Schweiz solide, aber nicht immun

Im internationalen Vergleich sieht Thonak die Schweiz im Mittelfeld: «Die Schweiz ist kein Hotspot für KI-getriebenen Versicherungsbetrug. Der Markt ist stärker vertrauensbasiert und weist eine höhere Governance auf als andere Regionen.»

In asiatischen Märkten sei die Dynamik deutlich ausgeprägter.

Illusionen macht er sich dennoch keine: «Die Kreativität der Betrüger wird nicht aufhören.»

Die der Finanzdienstleister allerdings auch nicht.