Anthropic schüttelt nun die Finanzbranche durch
Erst Anfang Februar titelte der TagesAnzeiger: «Börsenkurse sacken ab – weil KI ein folgenschweres Versprechen einlöst». Nach der Lancierung von «Cowork» sackten etwa die Aktienkurse von Adobe, Salesforce, Paypal oder Microsoft direkt in die Tiefe. «Wenn autonome KI-Agenten künftig Aufgaben erledigen, für die früher ganze Unternehmensabteilungen nötig waren, warum dann noch Dutzende Salesforce- oder Workday-Lizenzen bezahlen?», schrieb das Technikportal «Heise» dazu.
Nun zündet Anthropic die nächste Stufe: Der Schauplatz für die jüngste Produktoffensive war bewusst gewählt: Im Herzen von Manhattan präsentierte das Unternehmen am Dienstag zehn neuartige KI-Agenten für Kunden aus der Finanzbranche, die weit über die Fähigkeiten einfacher Chatbots hinausgehen, wie Bloomberg schreibt.
Grössere Verluste
Die auf der Künstlichen Intelligenz (KI) Claude aufbauenden Systeme sind darauf ausgelegt, komplexe Arbeitsabläufe wie die Erstellung von Präsentationsunterlagen, die Bilanzprüfung oder das Verfassen von Kreditberichten weitgehend autonom zu erledigen, heisst es in der Mitteilung des Unternehmens.
Die Finanzmärkte reagierten unmittelbar auf die Ankündigung. Die Aktien des Softwareanbieters FactSet Research Systems fielen zeitweise um über 8,1 Prozent, während Morningstar Verluste von mehr als 3 Prozent hinnehmen musste. Thomson-Reuters Papiere sanken um etwas mehr als 5 Prozent.
Auch die Aktien von S&P Global und Moody’s gerieten unter Verkaufsdruck. Analysten werten dies als Signal, dass die Dominanz klassischer Software-as-a-Service-Anbieter (SaaS) im Finanzwesen durch generative Intelligenz fundamental infrage gestellt wird. Ironischerweise ist Moody's gleichzeitig Datenpartner von Anthropic und liefert die Bonitätsdaten zu über 600 Millionen Unternehmen direkt in Claude.
Strategische Allianz
Um die Verbreitung zu beschleunigen, setzt Anthropic auf eine enge Verzahnung mit den ganz grossen in der Branche. In New York trat Anthropic Chef und Mitgründer Dario Amodei gemeinsam mit JP-Morgan-CEO Jamie Dimon auf. Dieser betonte, dass seine Bank bereits hunderte Anwendungsfälle für KI implementiert habe – von der Betrugserkennung bis hin zum Dokumenten-Review. «Wir stehen erst am Anfang.»
Ein besonderes Augenmerk liegt in der Finanzbranche zudem auf einem neu gegründeten Gemeinschaftsunternehmen, bei dem Anthropic mit Wall-Street-Grössen wie Blackstone, Hellman & Friedman sowie der Goldman Sachs Group kooperiert. Dieses wurde erst am Sonntagabend offiziell bestätigt, das Wall Street Journal hatte zuvor von einem Volumen von 1,5 Milliarden US-Dollar berichtet.
Das Bündnis will die Implementierung der KI-Software in den Portfolio-Unternehmen der beteiligten Private-Equity-Häuser vorantreiben. Damit schafft Anthropic ein Gegengewicht zu ähnlichen Plänen des Konkurrenten OpenAI.
Wachstumsexplosion
Der Finanzsektor ist für Anthropic besonders relevant: Laut Unternehmensangaben stammen 40 Prozent der 50 grössten Kunden aus diesem Bereich, darunter Visa, Citi und AIG. Anthropic-Chef Amodei äusserte sich zudem zum aktuellen Geschäft: Der Umsatz im ersten Quartal 2026 habe sich auf das Jahr hochgerechnet «verachtzigfacht». Viel zu reden gab zuletzt das neue Modell «Mythos». Während es technologisch neue Massstäbe setzt – es fand laut Amodei bereits zehntausende Sicherheitslücken in bestehender Software –, birgt es auch erhebliche Risiken.
Aufgrund seiner Fähigkeit, Cyberangriffe zu erleichtern, erfolgt die Auslieferung bisher nur kontrolliert an etwa 50 Partnerorganisationen. JP Morgan Chef Dimon unterstützte diesen vorsichtigen Kurs: «Es geht nicht nur um die Grossbanken, es geht um die gesamte kritische Infrastruktur.»
Bald an der Börse?
Der Zeitpunkt der Ankündigungen ist strategisch. Sowohl Anthropic als auch OpenAI steuern auf einen Börsengang zu, der laut Beobachtern für Ende Jahr erwartet wird. Die Bewertung von Anthropic stieg mit den letzten Finanzierungsrunden auf rund 900 Milliarden Dollar.













